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Gut, dass es Fähler gipt

#Andreas Heindl, Leiter der ORF-Schulung


Meine Frau und ich waren begeistert von unserem neuen Haus. Es war hell, viel Licht, klare Linien, alles sauber, geordnet, neu. Für uns war es perfekt, bis zu dem Zeitpunkt, als mein kleiner Sohn auf eine große weiße Wand zuging und mit seinem Zeigefinger auf eine winzig kleine Unebenheit hinwies. Diese Unebenheit war uns noch gar nicht aufgefallen.

Auch wenn es ein kleiner Fehler war, wurde damit deutlich, dass das Haus nicht perfekt war. Es hatte einen Makel. Das hat mich geärgert und gekränkt. Ich empfand es als Undankbarkeit meines Sohnes und ich schämte mich und ärgerte mich, dass mir das selber nicht aufgefallen war. Die Freude am neuen Haus war getrübt. Erst später wurde mir bewusst, dass dieser Hinweis auf die Unebenheit nicht nur ein Hinweis auf die gesunde Entwicklung meines Sohnes war, sondern dass wir die Unebenheiten, die Abweichungen, die Fehler, wahrnehmen und uns darüber verständigen und nicht über das Gleichmäßige, das Regelmäßige. Das ist zwar erwähnenswert, darüber viel zu reden lohnt sich allerdings selten.

Theater, Literatur, Film und auch Journalismus leben davon. Gute Geschichten handeln von Konflikten, von Fehlern, von nichterfüllten Erwartungen, von Abweichungen, von Ereignissen, also von Unterschieden zum Gewöhnlichen. Man kann auch das Gewöhnliche exemplarisch erzählen. Aber auch dafür muss man es erst herausheben. Nach George Spencer-Brown ist die Unterscheidung die perfekte Be-Inhaltung. „Wenn einmal eine Unterscheidung getroffen wurde“, schreibt er im ersten Kapitel seines Buches „Laws of Form“, „können die Räume, Zustände oder Inhalte auf jeder Seite der Grenze, indem sie unterschieden sind, bezeichnet werden.“ Das bedeutet, die Unterscheidung ist die Voraussetzung für die Benennung von etwas. Die Kunst ist es, relevante Unterscheidungen zu treffen, Themen aufzugreifen und zu benennen. Das gilt für Redakteur/innen genauso wie für Führungskräfte und Techniker/innen oder Jurist/innen, um nur einige der Berufe im ORF zu nennen. Dadurch wird es möglich, in der Informationsflut unserer vernetzten Welt einen Überblick zu wahren und Orientierung zu stiften. Damit geht eine enorme Verantwortung einher, und es ist notwendig, das eigene Schaffen gemeinsam mit anderen zu reflektieren. Nur dadurch und durch ständig neue Inputs von außen ist es möglich zu lernen, sich zu entwickeln und Neues zu generieren, sprich Innovation voranzutreiben und Qualität zu heben. Die Aufgabe der Schulungsabteilung ist es, diese Kunst der Unterscheidung in allen Bereichen des ORF zu fördern, zu kultivieren und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Ausübung ihres Berufes zu unterstützen, weiterhin in der Oberklasse mitzuspielen. In Fachkreisen genießen sie hohes Ansehen. Damit es – bei zunehmend schwierigeren Rahmenbedingungen – so bleibt, ist es notwendig, diese Schulungs- und Entwicklungsprozesse weiter zu forcieren und auszubauen.

Fehler sind nur als Ausnahme interessant
Die großen Themen der Digitalisierung und die damit einhergehenden Änderungen in der Arbeitswelt sind nicht nur strategische und technische Herausforderungen, sondern sie beinhalten auch fachliche, zwischenmenschliche und emotionale Aspekte. Sie verändern die Arbeitsprozesse sowie die Unternehmenskultur und wurden in den letzten Jahren bereits in den ORF-Schulungen aufgegriffen. Nur durch ständige Weiterbildung kann man lernen, wie etwas funktioniert, wie andere mit diesen Themen umgehen und wie man diese Neuerungen sinnvoll im jeweiligen Verantwortungsbereich umsetzen oder anwenden kann und dabei keinen Schaden nimmt.

Die Aufgabe des ORF mit seiner Berichterstattung auf den unterschiedlichen Kanälen ist es, diese Auseinandersetzung zu fördern. Die Schulung spiegelt daher in gewisser Hinsicht den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF nach innen und sichert damit die Qualität. In diesem Sinn fließen aktuelle qualitätssichernde Studien, Feedbacks und Ergebnisse der Publikumsgespräche der Public Value- Abteilung in die laufenden Schulungen ein.

Fehler sind solange interessant und Gegenstand der Betrachtung, solange sie die Ausnahme sind. Und das sollten sie bleiben. Zur Routine gewordene Fehler werden zum Hintergrund, fallen nicht mehr auf und werden nicht mehr besprochen.

Demnach bestätigen Fehler die hohe Qualität des Produktes. Es ist also gut, wenn es Fehler gibt. Denn ein Fehler zeigt, dass er die Abweichung vom Gewohnten und vom Erwarteten ist. Für den Hinweis auf den Fehler an der Wand bin ich meinem Sohn noch immer dankbar, bestätigte er doch die überwiegende Schönheit des Hauses.



Public Value Bericht 2017/18