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Gleich gelingt's besser

#Christina Jankovics, Vorsitzende der ORF-Gleichstellungskommission


Frauen im strukturellen Aufbau des Programms, in Entscheidungspositionen des mittleren und höheren Managements oder als Trägerinnen der Senderidentität waren lange Zeit nicht vorgesehen, ihr Fehlen wurde nicht einmal als Mangel bemerkt.

Parallel zum gesellschaftlichen Diskurs über die Stellung der Frau in der Gesellschaft in den 70er und 80er Jahren und der gesetzlichen Verankerung veränderte sich aber natürlich auch die Rolle und die Abbildung von Frauen. Aus Ansagerinnen wurden Moderatorinnen, in die Redaktionen kamen mehr junge Frauen, immer wieder gab es eine Hauptabteilungsleiterin oder Ressortchefin, und diese wenigen Frauen wurden sofort als Beweis angeführt, dass es Ungleichheit ja gar nicht gab und man sich nur richtig anstrengen musste, dann ginge es schon an die Spitze. Knapp 360 Jahre könnte es auf diese Weise bis zum Break Even dauern, haben findige Statistikerinnen einmal ausgerechnet, wenn es nicht gezielte Förderung und konsequente Regelwerke gibt. Und die gibt es im Medienvergleich nur im ORF. Zwar sehen sich auch kommerzielle Medien als Sprungbrett für bemerkenswerte Frauenkarrieren, setzen auf kritische Journalistinnen und promoten das auch. Das ist gut und bringt Aufmerksamkeit. Aber besser als Werbung und Aufmerksamkeit sind Rechte.

Ausgezeichnet als „Beispiel gebend“
Gleichstellung im ORF ist strukturell verankert und sieht verschiedene Controlling-Prozesse vor: eine zehnköpfige Gleichstellungskommission wird paritätisch von der Geschäftsführung und dem Betriebsrat beschickt. Gemeinsam mit sechs Gleichstellungsbeauftragten wird alle zwei Jahre ein Gleichstellungsplan erarbeitet, der in der Folge vom Generaldirektor als Dienstanweisung erlassen wird. Bei Schwierigkeiten und im Fall von Uneinigkeit hat der Zentralbetriebsrat ein in einer Betriebsvereinbarung vereinbartes Beratungsrecht, bevor die Dienstanweisung tatsächlich ergeht. Das stellt sicher, dass sich mehrere Gremien umfassend mit dem Thema auseinandersetzen und Fehler und „blinde Flecken“ nicht übersehen werden können. Es stärkt die Gleichstellungsbeauftragten, die sich in der Kommission Hilfe bei der Durchsetzung ihrer Anliegen holen können und nicht – wie vielfach in deutschen Medien – als Einzelkämpferinnen wenig erreichen und trotzdem die Verantwortung für das Fortschreiten des Gleichstellungsprozesses tragen müssen. EIGE – das Europäische Institut für Gender Equality, das den Gender Equality Index, also die statistischen Grundlagen für die Gleichstellungspolitik der EU erhebt, hat den Gleichstellungsplan des ORF als „Beispiel gebend“ ausgezeichnet. Wichtiger Teil dieses Gleichstellungsplanes ist eine umfassende Personalstatistik, die weit über das hinaus geht, was die gesetzlich geforderten Einkommensberichte vorsehen – das sorgt für Transparenz und hilft, messbare Personalziele umzusetzen. Parallel zu seinen Gleichstellungsvorgaben hat der ORF aber auch ein Gender Budgeting Projekt, das den Budgetierungsprozess bei den Personalkosten begleitet und für jede Direktion und für jedes Landesstudio in objektive Zahlen übersetzt, wo es bei der Umsetzung der Gleichstellung noch hapert. Derzeit liegt der Gender Pay Gap des Unternehmens bei knapp über 14%, das ist mehr als wir uns wünschen, aber um fast 10% unter dem Gender Pay Gap des Landes.

Einen großen Schub für die Nachhaltigkeit in den Gleichstellungsbemühungen im ORF gibt es natürlich durch die Verankerung der Quote im Gesetz, die durch konsequentes Lobbying der hausinternen Frauengruppe Task Force durchgesetzt werden konnte. Tatsächlich ist der ORF der erste öffentlich-rechtliche Sender im deutschsprachigen Raum, der eine Frauenquote von 45 vH zu erfüllen hat, festgelegt im derzeitigen ORF-Gesetz. Dort ist auch die Pflicht zu einem transparenten und nachvollziehbaren Personalauswahlverfahren festgeschrieben: Für Führungspositionen wurden deshalb mit dem Zentralbetriebsrat verpflichtende Hearings vereinbart, die im Besetzungsprozess ihr Gewicht haben und an denen die Gleichstellungsbeauftragten teilnehmen. Einen Bericht über die Gleichstellungsaktivitäten tragen die Gleichstellungsbeauftragten auch dem Stiftungsrat vor, der hier ebenfalls in der Verantwortung steht.

Was merkt das Publikum?
Gleichstellung ist Wertschätzung, ist Gerechtigkeit, ist Sensibilität für ein Gegenüber, das anders ist als man selbst. Gleichstellung ist Anerkennung, ist Chancengleichheit, ist ein Recht, ist die Grundlage für Demokratieverständnis. Der lange Weg zu mehr Gleichstellung, den Mitarbeiterinnen mit Begeisterung, Naivität, Ärger, Kampfgeist und Beharrlichkeit gehen, hat vor allem zu einem im Unternehmen geführt: zu einem grundsätzlichen Selbstbewusstsein und zu einem Verständnis für die eigenen Rechte, bei Frauen und auch bei Männern. In einem der erfolgreichsten Mentoring-Projekte des Landes, das die „Plattform Frauen im ORF“ und ihre Lobbygroup „Task Force“ als Initiative ins Leben gerufen haben, wird dieses Empowerment und Selbstbewusstsein weitergegeben und gestärkt. Nur aus diesem Bewusstsein lässt sich ein differenziertes Abbild der Gesellschaft schaffen, das die Diversität in stärkerem Ausmaß berücksichtigt. Genderstudien wie die der „Maria Furtwängler Stiftung“ im Sommer 2017 beweisen, dass hier weiter großer Nachholbedarf besteht: hatte sie doch klar erhoben, dass Frauen in der öffentlichen Darstellung noch weit unterrepräsentiert sind und hauptsächlich im Kontext von Partnerschaft und Beziehung abgebildet werden, während Männer Expertenrunden dominieren. Klischeehafte Darstellungen in Frage zu stellen, dafür braucht es selbstbewusste und aufmerksame Journalistinnen und Journalisten, und sie müssen in einer Unternehmenskultur agieren, in der Gleichbehandlung ein wichtiger Wert ist. Medien sind stets ein Spiegel der Gesellschaft. Was sich im Mainstream nicht abspielt, wird auch in der Abbildung nicht den Stellenwert einnehmen, den es aus moralischen oder gesellschaftspolitischen Gründen haben sollte. Gerade deshalb haben öffentlich-rechtliche Sender eine Vielzahl von Vorgaben, die sicherstellen sollen, dass sich die Bilder nicht nur an der Quote orientieren.



Public Value Bericht 2017/18