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Gedenken in Echtzeit

#Stefan Ströbitzer, Leiter der Programmentwicklung


Es ist der größte Zeitgeschichteschwerpunkt, den die ORF-Medien bisher gemeinsam gestaltet haben.

Allein durch das Fernsehen sind 4,38 Millionen Österreicherinnen und Österreicher erreicht worden, das entspricht 59 Prozent der Bevölkerung ab zwölf Jahren. Zählt man die durchschnittliche Reichweite der ORF-Radios und der ORF-Onlineangebote dazu, dann kann man davon ausgehen, dass der ORF seiner Aufgabe als Rundfunk der österreichischen Gesellschaft nicht nur in qualitativer Hinsicht – die Dokumentationen und Schwerpunktsendungen waren vielschichtig und umfassend – sondern auch in quantitativer Hinsicht – als Qualitätsmedium für alle Gruppen der österreichischen Bevölkerung – gerecht geworden ist.

80 Jahre nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland haben wir dabei neue Wege beschritten, im Bemühen Gedenken und Geschichte einer Generation zu vermitteln, die – großteils mit der Gnade der späten Geburt ausgestattet – die Ereignisse nicht selbst miterlebt hat. 1,1 Millionen Österreicherinnen und Österreicher sahen am 12. März um exakt 19:47 Uhr im Rahmen einer „ZIB history spezial“ die berühmt gewordene Abschiedsrede von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, die er mit den Worten „Gott schütze Österreich“ schloss. Statt Werbung – Gedenken in Echtzeit. „Man hat in den letzten Tagen viel gelesen und gehört über den „Anschluss“, die Auslöschung Österreichs, doch der genaue Zeitpunkt und das Wissen, was 80 Jahre zuvor Menschen im ganzen Land im Radio gehört hatten, verursachten Gänsehaut“, schrieb die Tageszeitung „Der Standard“ über diese Sondersendung.

Als wir den Schwerpunkt erdachten, war genau das unser Ziel. Wir wollten Geschichte und Gedenken in Echtzeit erlebbar machen. Wir wollten den Österreicherinnen und Österreichern die dramatischen Ereignisse zwischen Schuschniggs Ankündigung einer Volksabstimmung zur Sicherung der Unabhängigkeit Österreichs am 9. März 1938 und dem Vollzug des Anschlusses an Deutschland am 13. März unmittelbar und umfassend präsentieren. So entstand auch die Idee einer großen Live-Sondersendung am Hauptabend des 12. März, an jenem Tag also, an dem vor 80 Jahren die deutschen Truppen in den Morgenstunden die österreichischen Grenzen überschritten und Hitler am Abend in Linz frenetisch bejubelt worden war. Ein Rückblick in Echtzeit: faktenreich, analytisch, zum Ge- und Bedenken anregend und dramaturgisch mit den Mitteln des modernen Fernsehens gestaltet: Schaltgespräche, Studiodiskussionen, historische und aktuelle Beiträge. Das fanden offenbar auch 743.000 Österreicherinnen und Österreicher, die sich die Sendung ansahen und mit der absoluten Top-Note von 4,5 bewerteten.

Wozu öffentlich-rechtliche Medien gut sind
Dazu vermerkte Guido Tartarotti im KURIER: „Am 80. Jahrestag des Einmarsches (und der freudigen Begrüßung) von Nazi-Truppen in Österreich zeigte ServusTV eine Motorrad-Doku und ein Porträt der Skiläuferin Mikaela Shiffrin, ATV den (saublöden) Film „Der letzte Tempelritter“ und Puls4 drei Folgen der (entsetzlichen) Comedy-Sendung „Der Witze- Stammtisch“ hintereinander. ORF 2 dagegen strahlte fast zwei Stunden lang eine atemberaubend gute „Menschen und Mächte spezial“-Sendung aus, in der mit heutigen Mitteln einfach und nachvollziehbar erklärt wurde, wie der sogenannte Anschluss damals ablief, wer die Täter, die Mitläufer und die Opfer waren und was er militärisch, politisch und wirtschaftlich bedeutete. Es gab Gespräche mit Auslandskorrespondenten, mit Expertinnen, Historikern, Zeitzeuginnen und immer wieder Analysen des beeindruckenden, unverzichtbaren Hugo Portisch. Vorbildlich und wichtig. Nur, falls wieder einmal jemand fragt, wozu öffentlich-rechtlicher Rundfunk eigentlich gut sein soll.“

Und falls wieder einmal jemand fragt, warum der ORF sich auch im Internet um öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus bemühen muss: Die ORF ON-Redaktion widmete dem Gedenken einen Schwerpunkt mit Hintergründen zum Jubiläumsjahr und einer Kooperation zwischen dem Haus der Geschichte, dem ORF-Archiv und science.ORF.at. In der fast 36-stündigen Annäherung des Ö1-Programms an das Thema „Anschluss“ erzeugte dieses 24-Stunden-Multimediaprojekt „Zeituhr 1938“ besondere Awareness. Der begleitende Live-Ticker auf science.ORF.at unterstrich den einzigartigen trimedialen Aspekt des ORF-Schwerpunkts. Und sollte jemand der Meinung sein, Hitradio Ö3 wäre zu wenig öffentlich-rechtlich, dann möge er die Schwerpunktsetzung von Ö3 mit jener der Privatradios vergleichen: hier: Arik Brauer als Gast in „Frühstück bei mir“, das stündliche Protokoll der Ereignisse am 12. 3. sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem Demokratieverständnis der Österreicherinnen und Österreicher anhand einer aktuellen Studie; in den Privatradios bin ich im ganzen Zeitraum auf keinen adäquaten Beitrag zum Gedenken gestoßen.

Alle drei Medien des ORF, Fernsehen, Radio und Online, kooperierten auch bei einem ganz neuen Projekt, den sogenannten historischen Vignetten. Gleichsam wie eine Vignette wurden von 21. Februar bis 27. März zwischen den Regelsendungen kurze historische Zitate vom Tag ins Fernsehprogramm geheftet. Blickpunkte der Erinnerung, gelesen von Studentinnen und Studenten des Max Reinhardt Seminars. Junge Menschen im Dienst des „Niemals vergessen!“ Berührend, bewegend, zum Nachdenken anregend. Diese historischen Montagen wurden vom Kultur- und Informationssender Ö1 übernommen und gesendet. FM4 stellte Zeitzeug/innen-Interviews in den Mittelpunkt des Gedenkens. ORF.at wiederum bündelte die Vignetten zum Nachsehen auf der TVthek.

Wir hatten den Anspruch, dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte erstmals in Echtzeit zu erzählen, mit Sensibilität und Spürsinn, um unserem Publikum einen 360-Grad-Blick auf das Geschehene zu ermöglichen, wachzurütteln und zum Nachdenken anzuregen. Wir wollten unserem Anspruch als „historisches Gedächtnis Österreichs“ (Dr. Heinz Fischer, Alt-Bundespräsident) gerecht werden.

Drei Medien – ein Qualitätsanspruch. Das kann nur der ORF.



Public Value Bericht 2017/18