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Fairness im Wesen

#Hannelore Veit, Korrespondentin in Washington


Es ist unser tägliches Brot – und unsere tägliche Not: Ein Präsident, der verunglimpft, beleidigt, sich lustig macht, lügt – und dann die Medien geißelt, wenn sie ihn kritisieren.

Da wird schnell ein kritischer Sender wie CNN, eine angesehene Zeitung wie die New York Times oder auch die öffentlich-rechtliche BBC von Donald Trump der Fake News bezichtigt. Fake News, das ist in den Augen des US Präsidenten immer das, was ihm nicht gefällt. News über Trump sind omnipräsent, emotionsgeladen, schrill, sexy – das sind die News, die über soziale Plattformen am schnellsten zirkulieren und die kommerziellen Medien beherrschen. Daneben gibt es die andere Art, mit News umzugehen: kritisch über zu Trump berichten und gleichzeitig zu hinterfragen: warum? Was steckt dahinter? Wir Korrespondent/innen tun das täglich. Wir leben im Land, beobachten aus allernächster Nähe, filtern aus Pressekonferenzen, aus den in 24-Stunden-Nachrichtensendern abgegebenen Soundbites und Meinungen, aus den Instant- Analysen der Medien das heraus, was nicht nur in Amerika aufregt, sondern für die Welt von Interesse ist. Und wir hören allen Seiten zu. Zur Berichterstattung gehört auch – und das ist weniger sexy – in den Mittleren Westen zu reisen, in die Bundesstaaten, die an der Ost- oder Westküste so abschätzig „Fly-Over Country“ genannt werden, und mit den Leuten da draußen zu sprechen.

„Wir haben den Menschen nicht zugehört, wir haben das nicht kommen sehen“, hat die Washington Post am 9. November 2016, am Tag nach der überraschenden Wahl Trumps sich selbst und die Medien gegeißelt. Zugegeben: wir im ORF haben diesen Wahlausgang auch nicht kommen sehen. Aber als öffentlich-rechtliche Journalist/innen bemühen wir uns hinzuhören und nicht nur mit Trump-Gegner/innen, auch mit Trump-Anhänger/innen zu sprechen. Warum wählt eine solide Mittelklassefamilie in Fargo in North Dakota aus voller Überzeugung Trump? Was gefällt Stahlarbeiter/innen in West Virginia oder Kohlearbeiter/innen in Ohio an diesem Präsidenten auch im zweiten Amtsjahr noch? Wie steht es um Rassismus in diesem Land? Warum tut sich das klassische Einwanderungsland so schwer mit neuen Immigrant/innen? Das sind nur ein paar Beispiele für Beiträge, die wir für „Zeit-im-Bild“-Sendungen, für Radiojournale oder für Magazine im TV und im Radio produziert haben. Wir diskutieren in ORF III, warum das Amerikabild in den USA anders aussieht als in Europa. Oder wir analysieren im „Morgenjournal“, warum Impeachment mehr Wunschdenken als reelles Szenario ist, warum das in der Verfassung verankerte System der Gewaltentrennung, der „Checks and Balances“, stärker ist als der Mann im Weißen Haus, der so gerne als mächtigster Mann der Welt bezeichnet wird. Wir ORF-Korrespondent/innen wissen, dass wir eine besondere Verantwortung haben. Nicht mit der Menge schreien, sondern reflektieren – das ist nicht immer einfach, aber es ist unser Aufgabe.

Es sind die Hintergrundberichte, die den Unterschied ausmachen, die ob der Informationsflut, der Schnelligkeit und der Schnelllebigkeit der News bei kommerziellen Medien oder beim Newskonsum über Online-Plattformen zu kurz kommen. Wir helfen im Dschungel aus Fake News (der echten, nicht der Fake News im Trumpschen Sinn), der Filterblasen und der irrelevanten Soundbites Orientierung zu geben. Das österreichische Publikum honoriert das auch. Die ZiB2 hat regelmäßig beste Einschaltquoten, wenn Korrespondent/innen aus verschiedenen Teilen der Welt zu Wort kommen um das Geschehen einzuordnen. Gerade hier in den USA fällt auf, wie wichtig öffentlich-rechtliche Information ist – oder wäre, würde sie hier im selben Maß wie in Europa stattfinden. Die Polarisierung in den Medien ist schon seit langem zu beobachten, sie hat unter dem jetzigen Präsidenten noch zugelegt. Wer für Trump ist, schaut Fox News, wer gegen Trump ist, schaut MSNBC. Selbst CNN, das sich das Motto „The Most Trusted Name in News“ auf die Fahnen geheftet hat, verlässt zunehmend die Position in der Mitte und diskutiert stundenlang, was Trump-Gegner/innen gerne hören. (Ich beziehe mich hier auf CNN USA, nicht CNN International, das ein völlig anderes Programm für ein globales Publikum bietet) Die Menschen konsumieren die News, die sie hören oder sehen wollen, leben zunehmend in Echoräumen, in denen die eigene Meinung reflektiert wird.

Fairness als Kernaufgabe
Dabei wäre eigentlich genau das Gegenteil gefragt. Das angesehene PEW Meinungsforschungsinstitut hat Anfang des Jahres eine Studie veröffentlicht, wonach die große Mehrheit der Amerikaner/innen – und übrigens auch der Newsnutzer/innen weltweit – unvoreingenommene Berichterstattung wünscht, sie aber offenbar nicht findet. Nur eine Minderheit der Amerikaner/innen glaubt, dass die politische Berichterstattung in den Medien fair ist. Gerade das, Fairness zu gewährleisten, ist die Kernaufgabe, das Wesen der Öffentlich-Rechtlichen. Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt es auch in den USA. Hochwertige Information und ein breites Bildungsangebot bietet NPR, das National Public Radio, exzellentes kulturell hochwertiges Programm im Fernsehen bietet das Public Broadcasting Service PBS. Nur, im Gegensatz zu Österreich ist öffentlich-rechtlich hier ein Minderheitenprogramm. Und es muss sich selbst finanzieren. Gebühren gibt es nicht. Dafür alle paar Wochen das, was hier „Donation Drive“ genannt wird: „Wenn Ihnen diese Sendung gefallen hat, dann unterstützen Sie uns!“. Ständig wird die Botschaft getrommelt, man möge doch dazu beitragen, dass der Sender weiterbestehen kann. Starjournalisten und namhafte Schauspieler/innen appellieren an das Publikum. Genauso lästig wie die Werbeunterbrechungen der kommerziellen Medien ist das, Radio Hören oder PBS Schauen fällt in den Wochen der Donation Drives schwer. Doch ohne Spenden gibt es keine öffentlich-rechtlichen Medien. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Finanzierung kommt in den USA von der öffentlichen Hand. Und dieser kleine Teil ist ständig in Gefahr, noch weiter gekürzt zu werden. Gänzlich streichen will ihn überhaupt der jetzige Präsident.

NPR und PBS werden auch ohne Geld aus Washington weiterbestehen. Die Werbeeinschaltungen in eigener Sache werden dann aber wohl noch lästiger sein. Um faire Berichterstattung und fundierte Analysen zu sehen oder hören, wird das amerikanische Publikum das wohl in Kauf nehmen müssen. Da hat es Europa, da haben es die Österreicher/innen (noch?) besser.



Public Value Bericht 2017/18