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Mit dem gewissen Wumms

#Martin Pieper, Chefredakteur von FM4


Laut AKM-Statistik spielte FM4 im Gründungsjahr 1995 gerade einmal 9,74% österreichische Musik. 21 Jahre später liegen wir mit 28,86% für 2016 – aktuellere Jahresabrechnungen liegen noch nicht vor – bei einem knappen Drittel des FM4-Programms, das mit heimischer Musik bestritten wird. Das ist nicht nur für die Musikerinnen und Musiker erfreulich, sondern auch für die Hörerinnen und Hörer des Senders, die als eines ihrer Hauptmotive FM4 zu hören immer „Musik entdecken“ anführen. Diese Zahlen sind aber auch ein Ausdruck für einen nachhaltigen (Pop)Kulturwandel, an dem FM4 durchaus einen Anteil hatte und hat.

Von „Austropop“ zur FM4-Musik Die österreichische Popidentität wurde in den 80er Jahren unter dem Schlagwort „Austropop“ höchst erfolgreich ausdefiniert. Von Falco bis Ambros, Opus bis Rainhard Fendrich: Weltberühmt in Österreich – und gelegentlich auch anderswo – war die Devise. Die Popästhetik forderte aber spätestens in den frühen 90er Jahren neue, frischere Sounds und Haltungen. Die alten „Helden von heute“ wurden zu den Held/innen von gestern und zwischen Grungerock und Elektronik suchten junge heimische Musiker/innen nach neuen Antworten und Ausspielwegen. Mit FM4 wurde genau zum richtigen Zeitpunkt ein neues breites Radioformat ins Leben gerufen, das bald zur Heimat aller Bands und Künstler/innen wurde, die sich zwischen den Eckpunkten Grungerock, Hip Hop und Elektronik ausprobierten. Was bei FM4 als Underground (eine fast schon historisch zu nennende Haltung alternativer Musikkultur) begann, wurde sehr bald zum breiten Strom aus allen möglichen Genres. Um da den Überblick zu behalten und vor allem neuen und jungen Acts die Möglichkeit zu bieten, mit der FM4-Community in Kontakt zu treten, wurde im Jahr 2001 die Plattform „FM4 Soundpark“ online und on air ins Leben gerufen. Und natürlich hat sich auch die Selbstverständlichkeit im Umgang mit österreichischer Musik verändert. Die alte – und immer schon problematische – Moderation „… klingt gar nicht nach österreichischer Musik“ ist im Jahr 2018 undenkbar. Das hat drei Gründe:

1. Die Mittel für die Produktion und Distribution von Popmusik sind durch die Digitalisierung Demokratisiert – und billiger – geworden. Zahllose sogenannte „Bedroom-Producer“, Menschen, die zuhause am Laptop ihre musikalische Arbeit verrichten, können schöne Lieder davon singen. Noch nie war es auf einem technischen Level so leicht, „anhörbare“ Musik zu machen. Das gilt für Nigeria genauso wie für Finnland und natürlich auch für Österreich.

2. Pop ist endgültig in der Peripherie angekommen. Pop war bis in die 80er Jahre hinein in den deutschsprachigen Ländern vor allem ein Importprodukt aus den großen Popländern USA und England. Der Rest war – und Ausnahmen bestätigen die Regel – Kopie, Novelty oder auf die ganz lokale Nische beschränkt. Das hat sich geändert. Die popkulturelle Peripherie rückte ins Rampenlicht. Das Ergebnis war Cloudrap aus Schweden, Techno aus Belgien, Elektro aus Südafrika oder Indiepop aus Island. Die Popwelt wurde tatsächlich internationalisiert. Noch nie war es egaler, woher die Musik ursprünglich kommt, um gehört zu werden.

3. Die digitale Vermittlung von Musik und popkulturellen Formaten hat auch den Informationsfluss internationalisiert und rasant beschleunigt. Alles steht immer und überall für (fast) jeden und jede zur Verfügung. Eine kleine lokale Szene kann im Nu zu einem globalen Phänomen werden. Nischen aller Länder, vereinigt euch! Und spätestens an dieser Stelle kommt auch FM4 zu seinem Auftritt.

Mehr als Wanda und Bilderbuch
FM4 gibt Orientierung durch die neue Vielfalt heimischer Musik und sieht sich dabei in erster Linie als Verstärker für Neues und Ungehörtes oder – anders gesagt – für Musik mit dem „gewissen Wumms“. In einer Vielzahl von Formaten, Aktionen, Events macht FM4 hörbar, was da draußen in den Studios und Clubs, Wohnzimmern und Proberäumen passiert und bereitet es so auf, dass die potentiellen Hörerinnen und Hörer auch eine Chance bekommen, sich einzuklinken. Wanda und Bilderbuch, die stets – und zu Recht – genannten „großen Zwei“, wurden von Anfang an intensiv von FM4 begleitet, schon lange bevor sie ihren internationalen Höhenflug antraten. Natürlich gehören sie weiterhin zum musikalischen Kernrepertoire von FM4, gleichzeitig halten wir aber natürlich schon Augen und Ohren offen, um die nächsten vielversprechenden Acts zu entdecken.

So klingt ein Monat
Für einen öffentlich-rechtlichen Sender wie FM4 steht es außer Frage, dass es nicht nur um das „wie viel“ sondern natürlich auch um das „wie“ gehen muss. Ein liebevoller, gleichzeitig kritischer Umgang mit Musik ist einer der Kernbereiche für FM4 und seine Definition als der Sender für Jugendkultur. Als Beispiel der Vielfältigkeit der Genres und der Zugänge zu österreichischer Musik sei der März des Jahres 2018 beschrieben.

Der „FM4-Award“ beim Amadeus wird von Hörerinnen und Hörern per Online-Voting bestimmt und anschließend im Rahmen einer Art von Radiogala verliehen; eine Gelegenheit, die fünf Acts, die zur Auswahl stehen, einzuladen und ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Am Ende gibt es nicht nur eine schöne Torte, sondern auch die Aussicht auf den TV-Auftritt der Siegerband im Rahmen der Preisverleihung im April.

Ein FM4-Überraschungskonzert mit „Bilderbuch“: Die Band spielt für den Sender ein exklusives und intimes Clubkonzert, das wir für das Radio und einen Videolivestream auf fm4.ORF.at aufbereitet werden. Der FM4-„Soundparkact des Monats“ März heißt Yukno und kommt aus der Steiermark. Jedes Monat verleihen wir diesen „Titel auf Zeit“ an eine Band oder Künstler/in, die womöglich knapp vor dem Durchbruch steht. „Heavy Rotation“, Studiobesuche und intensive redaktionelle Berichterstattung quer durch das Programm soll den FM4-„Soundparkact des Monats“ noch bekannter machen. Die FM4 Private Sessions mit Mynth: Das Elektronik-Duo aus Salzburg spielt in den Wohnzimmern von FM4 Hörerinnen private Konzerte. Wir begleiten die Band auf ihrer Reise durch die österreichischen WGs in Ton, Wort und Bild. Videolivestream aus dem Radiokulturhaus der Band „Buntspecht“ auf fm4.ORF.at: In der Reihe Live@RKH präsentieren österreichische Acts ihre neuen Platten und Ideen in sehr speziellen Livekonzerten. Hören und sehen kann man diese auf der FM4-Webseite. Aktionstag mit „Kreisky“: Die Band, die sich nach dem ehemaligen Bundeskanzler benannt hat, übernimmt für einen Tag die FM4 Nachmittags-Sendung „Connected“. Lieblingsplatten, Einflüsse, Anrufe nach draußen und vieles mehr laden dazu ein, sich in das verschlungene System „Kreisky“ zu begeben.

Österreichisch ist Herzensangelegenheit
Die Expertise, die sich FM4 in Sachen österreichischer Popmusik über die Jahre erarbeitet hat, hat sich herumgesprochen. FM4 Musikredakteurinnen und -redakteure werden regelmäßig eingeladen, als Kurator/innen für diverse Festivalformate zu agieren. Vom „Electric Spring Festival“ bis zum „Popfest Wien“ wird gerne auf die FM4- Soundparkredaktion zurückgegriffen. Das ehrt uns sehr und ist ein weiteres Zeichen für die Wertschätzung, die FM4 aus der Musikszene entgegengebracht wird, und für die Wertschätzung, die FM4 umgekehrt der Musikszene entgegenbringt. Ohne die Kreativität der Musikerinnen und Musiker, die seit Jahren unter meist prekären Bedingungen an ihrer Kunst arbeiten, wäre FM4 nicht vorstellbar.



Public Value Bericht 2017/18