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© ORF

Kultur fürs Wohnzimmer

#Elke Tschaikner, Leiterin "Ö1-Musik"


Der beste Musiksender zu sein, das behaupten viele Radiostationen bzw. deren Marketingabteilungen von sich. Außerdem – könnte man glauben – ist Musik aller Art leicht verfügbar, im Netz, über Streamingdienste, via Radio. Wozu als Musikinteressierte also ausgerechnet Ö1 hören?

Sollten Sie sich diese Frage stellen, dann hoffe ich, dass Sie am Ende dieses Textes überzeugende Antworten darauf haben. Was den Kultursender Ö1, dessen Programm zur Hälfte aus Musiksendungen besteht, einzigartig macht, ist schlicht, dass wir Einzigartiges bieten: Das ganze Jahr über sind unsere Aufnahmeteams unterwegs und nehmen Konzerte und Opernaufführungen auf, täglich präsentieren wir mindestens ein Konzert am Sender. Man darf Ö1 deshalb aus gutem, sprich öffentlich-rechtlichem Grund als größten und wichtigsten Musikproduzenten des Landes bezeichnen. Die Ö1-Hörer/innen brauchen keine Eintrittskarten, um die Wiener Philharmoniker, die Salzburger Festspiele oder das Jazzfestival Saalfelden zu genießen. Erste Reihe fußfrei können sie Konzerte hören, wo immer sie wollen. Ein besonderes Highlight ist die sommerliche Festspielsaison: In allen Bundesländern arbeiten unsere Tontechniker/innen, Aufnahmeleiter und Redakteur/innen, um Ihnen die enorme Vielfalt der österreichischen Musikfestival-Szene via Ö1 zur präsentieren. Über 150 einschlägige Musiksendungen gehen in den Sommermonaten on air, über 30 Festivals können Ö1-Hörer/innen klanglich miterleben ohne dabei tatsächlich reisen zu müssen. Wir entführen zu sommerlichen Musikreisen durch ganz Österreich mit Alter und Neuer Musik, mit aktueller Weltmusik, Klassik, Oper und Jazz im gedanklichen Gepäck. Zur Styriarte in die Steiermark, zu den Bregenzer Festspielen, zu den Innsbrucker Festwochen der alten Musik, zum Carinthischen Sommer, zum Brucknerfest nach Linz, zum Kammermusikfestival Allegro Vivo in Niederösterreich, zum Liszt Festival Raiding im Burgenland, zu den Salzburger Festspielen, zu den Wiener Festwochen …

Besonders aufregend ist es, wenn wir live übertragen, wenn der Moment des Scheiterns ebenso in der Luft liegt wie ein möglicher Moment einer grandiosen Konzertsternstunde. Wenn das Radio den Konzertsaal sozusagen im Moment des Geschehens ums Tausendfache vergrößert. Wenn sich die Moderator/innen live aus Krems vom Weltmusikfestival Glatt & Verkehrt oder von der Schubertiade Schwarzenberg melden. Spannungsgeladenes Knistern in der Luft ist auch dann zu spüren, wenn Musik tatsächlich ganz neu und unerhört ist, wenn Kompositionen zum allerersten Mal gespielt, rezipiert und übertragen werden, wenn also Uraufführungen auf den Programmen stehen. Seit dem Jahr 1968 ist das vom ORF produzierte Festival für zeitgenössische Musik, das musikprotokoll im steirischen herbst der vielleicht legendärste Ort für diese Art von aufregenden Hörerlebnissen. Unser musikprotokoll ist das älteste Festival für neue und experimentelle Musik in Österreich und feierte 2017 seine 50. Ausgabe.

Förderung für Kreativität und Kunst
Unzählige Kompositionsaufträge hat der ORF in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahrzehnten an Komponierende vergeben und so auch die Musiklandschaft Österreichs bereichert. Um es ganz nüchtern zu sagen, dieses öffentlich-rechtliche Unternehmen ist per Gesetz dazu verpflichtet, nicht nur über die kulturellen Facetten unserer Gesellschaft zu berichten, sondern auch als Auftraggeber zu agieren. Zitat aus dem ORF Gesetz: „Der Programmauftrag zu Kunst, Kultur und Wissenschaft geht über die Erfüllung des Informationsauftrags hinaus. Durch Berücksichtigung und Förderung der heimischen künstlerischen und kreativen Produktion ist ein Beitrag zum Kulturgeschehen zu leisten. Im Bereich der Filmkunst, der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik ist besonders dem gegenwärtigen österreichischen Schaffen Raum zu geben. Als Auftraggeber und häufig Erstveröffentlicher künstlerischer Werke und wissenschaftlicher Erkenntnisse soll der ORF einen Beitrag zum Kulturgeschehen leisten.“

Export in alle Welt
Doch Ö1 bringt nicht nur die Aktivitäten österreichischer Konzertsäle in die Wohnzimmer, auch das internationale aktuelle Musikgeschehen ist Teil unseres Auftrags. Als Mitglied der EBU (European Broadcasting Union) ist der Sender Teil eines internationalen Musikvertriebssystems der öffentlich- rechtlichen Sender Europas: Alleine im Jahr 2017 wurden Ö1 Konzertproduktionen von anderen Stationen 640-mal international ausgestrahlt. Umgekehrt präsentiert das Ö1-Musikprogramm auch Ereignisse aus der aller Welt, seien es Live- Opernübertragungen aus der New Yorker Met oder aktuelles vom Montreux Jazz Festival. Auch Historisches gibt es regelmäßig zu genießen, immerhin ist das ORF-Audio-Archiv mit all seinen qualitativ hochwertigen Aufnahmen aus Jahrzehnten ein klingendes kulturelles Gedächtnis dieser Republik, da lohnt es sich immer wieder auch in die Vergangenheit zu hören.

Wenn andere Radiosender ihre Musikprogramme von Computersystemen errechnen lassen, die Quote das allererste Kreativ-Prinzip ist, und Hits in immer wiederkehrender Schleife Stimmungsmacher sein sollen, dann unterscheidet sich Ö1 in jeder Sendesekunde davon. Hinter jeder Sendung steckt viel menschliche Überlegung, Expertise und „Handarbeit“. Die Gestalter/innen von Musikprogrammen sind nicht nur für das, was gesendet wird, verantwortlich, sie denken auch genau darüber nach, wie sie Musik präsentieren. Ja, unsere Musiksendungen sollen auch Spaß und Freude machen, und die steckt bei Ö1 oft im Überraschungsmoment: Wenn ein Sendungsgestalter es schafft, dass Altbekanntes in einem neuen Licht erscheint und bisher nie Gehörtes zum unerwarteten Hörerlebnis wird.

Dies ist ein kleiner Einblick in die Arbeit der Ö1 Musikredaktion, eine Arbeit, der ein zutiefst demokratisches Bewusstsein zugrunde liegt: Zugang zu Kunst und Kultur soll für jeden Menschen möglich sein. Und nicht nur für kaufkräftige Konsument/innen. Das ist für mich ein hörbarer Unterschied.



Public Value Bericht 2017/18