DE | EN
DE | EN
© ORF

It's the economy...!

#Hans Hrabal, Redakteur bei "€co"


In wirtschaftlich schlechten Zeiten bieten Hintergrund-Information und Erklärkompetenz der öffentlich-rechtlichen Wirtschaftsberichterstattung Service und Orientierung, die für das Publikum oft pures Geld wert sind.

Schlechte Zeiten für die Wirtschaft sind gute Zeiten für die Wirtschaftsberichterstattung. Klingt es auch zynisch, so könnte man die Jahre seit 2009 demnach als die besten bezeichnen, die sich für Wirtschaftsjournalisten in der jüngeren Vergangenheit boten. Die Zeit war geprägt durch eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise, eine – vor allem europäische – Staatschuldenkrise und von teils harten darauf folgenden Einsparungen. Dazu kam ein Verfall der Zinsen, eine extrem schwierige Zeit für Anleger, und eine beinahe hysterische Suche jener, die noch Geld hatten, nach einigermaßen sicheren und ergiebigen Investitionen.

Auch in der ORF-Wirtschaftsberichterstattung im Fernsehen hat sich dieser Zusammenhang – zwischen wirtschaftlich konnotierten Krisen und Berichterstattung – ausgewirkt. Selten zuvor in den vergangenen Jahrzehnten haben unsere Wirtschaftsformate so stabile Nachfrage bei den Seherinnen und Sehern generiert. Die Wirtschaftsredaktion des aktuellen Dienstes Fernsehen, also der ZiBs, hat in dieser Zeit sehr oft die Aufmacher- Geschichten für die Hauptabendnachrichten verantwortet und Innenpolitik, Außenpolitik, Kultur, sogar Sport auf die Ränge verwiesen. Und das Wirtschaftsmagazin ECO mauserte sich vom einst eleganten Ratgeber für jene, die über ein wenig Kapital verfügten, zum stabilen Quoten-Garanten, in dem die von den sich überstürzenden Ereignissen betroffenen Menschen jeden Donnerstag nach der ZiB2 die wichtigsten Wirtschaftsthemen noch einmal hintergründig erläutert und erklärt bekamen. Quoten von bis zu 25 Prozent und Reichweiten von rund 450.000 Zuseherinnen und Zusehern waren in den letzten Jahren für ECO eher die Regel als die Ausnahme. Das 30-minütige wöchentliche Wirtschaftsmagazin wurde in dieser Zeit eine der stabilsten und erfolgreichsten Sendungen der ORF-TV-Magazinfamilie überhaupt.

Freilich. Der öffentlich-rechtliche ORF war mit der verstärkten Nachfrage nach qualifizierter Wirtschaftsberichterstattung in diesen Jahren keine solitäre Erscheinung. Die Wirtschaftsberichterstattung der größtenteils privaten Qualitätsmedien im Printsektor erfreute sich ebenfalls einer gesteigerten Aufmerksamkeit, davon können die Kolleginnen und Kollegen etwa von der „Presse“ und vom „Standard“ ein Lied singen.

Nichts davon im Kommerz-TV
In den kommerziellen Fernsehangeboten, egal ob als österreichische oder als deutsche Programmproduktionen ausgewiesen, herrschte in Sachen Wirtschaft allerdings Notstand. Unsere heimischen Konkurrenzprogramme boten den Konsumentinnen und Konsumenten in wirtschafts-journalistischer Hinsicht nur wenig bis nichts. Hartnäckige Recherchen und Hintergrund-Informationen rund um aktuelle, globale, komplexe Ereignisse – nichts. Interviews und kritisches Nachfragen bei europäischen oder österreichischen wirtschaftpolitischen Akteuren und Experten – nichts. Aufwendige Erklär-Grafiken, wie es im ORF-Fernsehen ein besonderes Service etwa der ECO-Redaktion und der ORF-Fernsehgrafik sind – nichts. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Hier will niemand den privaten Mitbewerbern dieses Defizit vorwerfen. Wirtschaftsberichterstattung, so scheint es, ist demnach ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des öffentlich-rechtlichen ORF. Jedenfalls im Fernsehen. Jedenfalls in Österreich. Und das ist auch nachvollziehbar. Warum? Qualitative Wirtschaftsberichterstattung, insbesondere im Fernsehen, ist schwierig, aufwendig, teuer.

Wirtschaft fordert Expertise
Wirtschaftliche Themen sind oft abstrakt, werden – auf den ersten Blick – von nüchternen, nackten Zahlen und Fakten beschrieben. Die muss man als Programmmacher zuerst einmal selbst verstehen, und dazu braucht es natürlich qualifiziertes Personal, das nicht frisch aus der Journalistenschule kommt, und schon gar nicht auf Bäumen wächst. Wirtschaftsjournalistinnen und Journalisten in den ORF-Formaten müssen immer auch selbst Expertinnen und Experten in inhaltlicher Hinsicht sein. Und dann müssen sie die komplexen Fakten und Gegebenheiten natürlich noch erfolgreich vermitteln.

Aber nur wenig ist beim Fernsehmachen schwieriger, als abstrakte Zusammenhänge in verständliche Bilder zu übersetzen. Fernsehen ist aktionsgetrieben, lebt von der Emotion, von Mimik und Gestik, von Betroffenen, mit denen das Publikum mitleben, mitleiden kann, gar nicht so selten von übertriebener Zur-Schau-Stellung, auch von purer Inszenierung. All das gibt es rund um wirtschaftsspezifische Berichterstattung so gut wie nie. Wirtschaftspolitische Akteure, Managerinnen, Banker, Unternehmerinnen sind eher nicht spontan und erstaunlich öffentlichkeitsscheu. Sie haben viele Termine oder schieben diese vor, wollen nur ins Fernsehen, wenn sie alles kontrollieren und das vorher planen können.

Problem: Bildermangel
Wirtschaftspolitische Experten wiederum neigen zu trockener und unverständlicher Sprache. Sie halten nichts von Vereinfachung (wie es das Fernsehen benötigt), sondern empfinden sich umso kompetenter, desto facettenreicher und komplizierter ihre Hypothesen sind. Einen Wirtschaftsforscher kompetent zu interviewen ist schwierig. Ihn (oder sie) sanft zu zwingen ihre Position auf den Punkt zu bringen, eine Kunst. Eine Wirtschaftsforscherin so zu schneiden, dass die Aussage, die sie im Interview gemacht hat, nicht fälschlicherweise inhaltlich verkürzt oder verändert wird, sie durch den Schnitt nicht nur kürzer, sondern auch noch spannender, verständlicher zu machen, ist allerdings die eigentliche Herausforderung. Und dann die Bilder! „Die Zinsen steigen.“ „Der Euro fällt.“ „Draghi stützt die Anleihenkurse abermals mit Zig-Milliarden Euro.“ „An der Wall Street gehen die Aktienkurse durch die Decke. Der Dow Jones erreicht Höchststand.“ Das alles kann man, mit Verlaub, nicht so zeigen, wie man es sagt. Denn diese Bilder gibt es nicht, außer vielleicht als Zahlenreihe auf einer digitalen Anzeigetafel, und die wiederum lockt keinen Zuseher hinter dem Ofen hervor, geschweige denn bedient dieses eher langweilige Sujet seine Lust an bunten, starken, einprägsamen, ereignisreichen Fernsehbildern. Einfach rechtzeitig dabei sein und draufhalten, das funktioniert in der Wirtschaftsberichterstattung zumeist leider nicht.

Wirtschaftsberichterstattung, insbesondere in Magazinen mit hohem Erklär- und Hintergrundanspruch besteht in der Mehrzahl nicht aus Reportagen, sondern aus Beiträgen, die man „gebaute Geschichten“ nennt. Diese Geschichten zu bauen, ist mühsam und langwierig. Man braucht einen Plan. Muss jede Zahl, jeden Fakt, jedes Bild, jede Aussage mühsam einzeln recherchieren und zusammentragen und sie dann, wie ein Puzzle, zu einem sinnvollen, verständlichen, möglichst spannenden Ganzen zusammenfügen. Auch bei kurzen Wirtschaftsbeiträgen ist das so. Auch wenn sie trocken erscheint, Wirtschaftsberichterstattung ist fast immer um einiges aufwendiger, als bloss darüber zu berichten, wenn an der Donau der Wasserpegel steigt, weil es tagelang geregnet hat. Und dass diese sehr spezifische Form der Berichterstattung vom öffentlich-rechtlichen ORF erbracht wird, sehr viel häufiger, konsequenter und, wie ich meine, besser, als von der privaten TV-Konkurrenz, zeigt nur einmal mehr, wodurch wir uns von ebendieser unterscheiden wollen und sollen!



Public Value Bericht 2017/18