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© ORF

Journalismus „von unten“

#Kim Kadlec, Redakteurin bei „Am Schauplatz“


Osterwochenende 2017. Es schneit in Wien. Aktivist/innen besetzten ein altes Zinshaus in Penzing. Kurze Zeit ist die mediale Aufmerksamkeit groß. Nach zwei Tagen stürmt die Polizei in einer öffentlich wirksamen Aktion das Haus. Auf vielen Onlineseiten sind noch am selben Tag „starke Bilder“ der Räumung zu sehen. Genaueres erfahren wir aus der Berichterstattung nicht. Nur so viel: Die Besitzer der Liegenschaft wollen an Stelle des alten Zinshauses einen modernen Wohnkomplex errichten. Wo einen Tag lang Dutzende Journalist/innen unterwegs waren, ist es schon am nächsten Tag wieder ruhig. Polizei und Besetzer/innen sind längst weg und auch die Journalist/innen sind bereits auf der Suche nach ihrer nächste Geschichte. Die mediale Halbwertszeit ist kurz.

Ein paar Tage später betritt zum ersten Mal ein „Am Schauplatz“-Team das Haus. Um einzelnen Recherchen den Zeitdruck zu nehmen, arbeiten wir grundsätzlich an mehreren Projekten gleichzeitig. So können wir uns die Zeit nehmen, die es braucht, das Vertrauen der noch dort lebenden Mieter/innen zu gewinnen. Wir kommen erst dann mit der Kamera wieder, wenn sie von sich aus bereit sind, uns ihre Geschichten zu erzählen. Die meist älteren Bewohner/innen sprechen gebrochen Deutsch, haben in Österreich viele Jahre in Fabriken, am Bau oder in der Pflege gearbeitet. Sie erzählen verzweifelt, dass sich seit Jahrzehnten niemand um das Haus gekümmert habe. In den Wohnungen zeigen sie uns Schimmel und Urinreste an den Wänden. Die Mieter/innen haben keine Erfahrung mit Medien oder Filmkameras, die meisten haben nicht einmal Internet. Aber sie wollen sich mitteilen, ihre Situation öffentlich machen.

Nach unseren ersten Dreharbeiten bemühen wir uns wochenlang um ein Interview mit dem Hausbesitzer, der die Immobilie „entwickeln“ möchte, wie es in der Branche heißt. Wir investieren Zeit und Ressourcen in unsere Recherchen, durchforsten Zuschriften an die Redaktion, und finden nach und nach immer mehr alte Zinshäuser, in denen Mieter/innen ähnliche Probleme haben. Wir sprechen mit Wissenschaftler/innen und Expert/innen aus der Immobilienwirtschaft, erfahren, wie Immobilienentwicklung in Großstädten funktioniert und warum in Wien Wohnungspreise gerade in die Höhe schnellen. Auch die älteren Mieter/innen in dem Haus in Penzing besuchen wir regelmäßig, können zeigen wie sich die Bewohner/innen spontan organisieren und sich Vertreter/innen der Stadt in den Fall einschalten. In unserer Reportage porträtieren wir schließlich drei Häuser und ihre Bewohner/innen. Erst nach sechs Monaten intensiver journalistischer Arbeit haben wir genug Informationen und Filmmaterial, um die Sendung zu gestalten. In dieser lassen wir alle Beteiligten, Mieter/innen wie Immobilienentwickler/innen, mit ihren unterschiedlichen Positionen zu Wort kommen. Wir verfilmen ruhig, aber hartnäckig, wie Stadtentwicklung in konkreten Fällen abläuft und welche Konsequenzen sie hat.

In dieser wie unseren anderen Reportagen geben wir Menschen eine Öffentlichkeit, die sonst nicht gehört werden, die noch nie von Journalist/innen nach ihrer Meinung oder ihrer Geschichte gefragt wurden. Dabei beschränken wir uns nicht auf die Beschreibung von Einzelschicksalen oder eine zweidimensionale Opfer-Täter/innen Rollenzuschreibung. Die vergleichsweise lange Recherche- und Sendezeit, die uns zur Verfügung stehen, erlaubten uns, Problemlagen und Protagonist/ innen differenziert zu betrachten. Wir können zeigen, wer von sozioökonomischen Entwicklungen (beispielsweise am Immobilienmarkt) profitiert und welche Interessen und soziale Strukturen dabei zum Tragen kommen. Die porträtierten Fallbeispiele, Menschen und Konflikte stehen somit nie nur für sich selbst, sondern geben immer auch Auskunft über gesellschaftliche Problemlagen und Aushandlungsprozesse, zum Beispiel im Bereich der Stadtentwicklung.

Wir erreichen mit unseren Reportagen ein anhaltend großes Publikum. 574.000 waren es 2017 im Schnitt. Aber die Quote ist kein Selbstzweck. Wir wollen die Zuseher/innen gewinnen, weil die Fragestellungen und Konflikte, die wir bearbeiten, von gesellschaftlicher Brisanz sind. Dabei versuchen wir immer auch Lösungen im Konkreten und im Allgemeinen anzustoßen. Im Fall des Penzinger Zinshauses bekommen fast alle Mieter/innen nach Ausstrahlung unserer Sendung vertragliche Zusicherungen, dass sie langfristig in dem neu errichteten Wohnhaus zu für sie leistbaren Konditionen wohnen können. Das macht für mich den Unterschied.

Der Text bezieht sich auf die „Am Schauplatz“-Reportage „Millionen mit dem Wohnen“, die am 21.9.2017 ausgestrahlt wurde und für die Kim Kadlec mit dem „Journalismuspreis von unten“ der Österreichischen Armutskonferenz ausgezeichnet wurde.



Public Value Bericht 2017/18