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© ORF

Masse mit Tiefgang

#Hildegard Aichberger, „Mutte Erde“


Thematisch gibt’s für mich eine klare Regel: Je schwieriger, desto öffentlich-rechtlicher.

Beim Thema Klimawandel geht es um nichts weniger als unseren Heimatplaneten und die Frage, ob er auch für unsere Kinder noch lebenswert ist. Obwohl das Thema für unsere Zukunft so bedeutend ist, und obwohl wir uns immer weiter von unseren Klimazielen entfernen, bekommt das Thema vergleichsweise wenig mediale Präsenz. Einerseits wohl, weil die Folgen zeitlich und räumlich weit entfernt sind. Die erwartete Wasserknappheit südafrikanischer Metropolen emotionalisiert hierzulande nun mal nicht. Und Bilder von ins All geschossenen Elektroautos tragen wenig zur Lösung des Problems bei. Vor allem aber geht es beim Klimaschutz – mehr als bei anderen Themen – um widerstrebende Interessen: die meisten etablierten Industrien hängen stark von billigem Öl ab und haben ein hohes Interesse an einer Verlängerung des Status quo. Junge, zukunftsfähige Unternehmen, die tendenziell progressiver eingestellt sind, sind heute noch zu weit vom Tropf der Macht entfernt um ihre Interessen – nämlich verlässliche politische Rahmenbedingungen – mit Nachdruck durchzusetzen. Profitorientierte Medienhäuser, die in erster Linie vom Geld ersterer abhängig sind, vermeiden daher tunlichst, zu stark gegen deren Interessen zu wettern. Der ORF tut sich leichter, bei ihm sind es nicht Gewinninteressen, die ihn vorantreiben. Der ORF entscheidet aufgrund seines Programmauftrags, und der lautet, sich gesellschaftspolitisch relevanten Themen wie etwa dem Umweltschutz zu widmen. Gerade beim Klimaschutz tut das der ORF konsequent und hat dem Thema 2017 bereits zum zweiten Mal einen Programmschwerpunkt gewidmet.

Die Menschen erreichen
Ein typischer Tag einer „MUTTER ERDE“-Schwerpunktwoche beginnt im Ö3-„Wecker“ mit Ideen, was jede und jeder einzelne gegen den Klimawandel tun kann. Später liest man auf science.ORF.at eine Hintergrundgeschichte zu Wärmedämmung und abends im Weltjournal läuft eine Doku über „Zukunft ohne Auto“. In den Landesstudio-Radios sprechen Expertinnen über die Auswirkungen von Stickoxiden auf die Gesundheit, während die ZiB über Trumps Ausstieg aus dem Weltklimavertrag berichtet. Die „Barbara Karlich-Show“ auf ORFeins thematisiert die persönliche Betroffenheit der Autofahrerinnen und Autofahrer, auf ORF III läuft ein Themenabend über „erneuerbare Energien“. Kinder erfahren in „hallo okidoki“ mehr über die Hintergründe des Klimawandels. In der TVthek sind all diese Beiträge einsehbar und nachschaubar, ein Angebot, das in einer Schwerpunktwoche etwa 1,5 Mio. Menschen nutzen. Auch wenn nicht alle Beiträge von jedem bzw. jeder gesehen werden, wissen wir doch aus Umfragen, dass die ORF-Schwerpunkte bei den Menschen ankommen: 2016 gaben 88% der Befragten an, den „MUTTER ERDE“-Schwerpunkt wahrgenommen zu haben; etwa ein Viertel davon aus dem sozialen Umfeld. Es funktioniert also: Wenn der ORF auf allen Kanälen sendet, spricht Österreich darüber. Das ist seiner Größe und dem Umstand, dass er auf mehreren Medienkanälen senden kann, geschuldet. Und natürlich und vor allem dem Umstand, dass der ORF für alle sendet und nicht nur für einige kleine kaufkräftige Schicht. Er erfüllt damit seinen gesetzlichen Auftrag der „Vollversorgung“, und ist für Arbeiter aus Wien-Favoriten genauso da wie für Pensionistinnen in Oberösterreich, für Studenten im Tirol wie für Pendlerinnen im Burgenland. Eben ein „Rundfunk der Gesellschaft“, der gesellschaftlich relevante Themen setzen kann.

Heißes Eisen Konsumenteninformation
Konsumenteninformation hat beim Öffentlich- Rechtlichen seit jeher einen hohen Stellenwert. Sendungen wie „help“ oder „konkret“ agieren als Stachel im Fleisch der Wirtschaft, wenn es um Qualität von Produkten, die Glaubwürdigkeit von Werbeversprechen oder ganz allgemein darum geht, dass Konsumentinnen ihr Recht bekommen. Hier passiert wertvolle Aufklärung an der zentralen Schnittstelle zwischen Konsumenten und Expertinnen, die gerade bei Umweltschutzthemen essenziell ist. Medien, die stärker von Inserenten oder Mäzenen abhängen, tun sich mit diesem Zugang schwerer. So kommt es, dass Konsumentenschutzthemen intensiv vom ORF abgedeckt werden – ein Spezifikum, das übrigens auch in anderen Ländern zu beobachten ist.

Ein gutes Beispiel ist Ö3 und Mikroplastik (2014): mit einer beispiellosen integrierten Informationsoffensive in Radio, Web und Social Media erreichte Ö3 unzählige Menschen. Bevor Ö3 mit dem Thema gestartet hatte, war kaum jemandem klar, welch tickende Zeitbombe da in unser aller Badezimmer lauert. Ohne die Stellung als öffentlich-rechtlicher Sender wären solche Info-Kampagnen bei Ö3 wohl nicht möglich.
Auch kommerzielle Medien machen mitunter gutes Programm mit Mehrwert für die Gesellschaft. Manche haben sogar mehr Budget für die eine oder andere Dokumentation. Andere haben innovative Sendungsideen, mit der eine Sache anschaulich und spannend transportiert werden kann.

Manche Medien mögen weniger kompliziert sein, als es der „Koloss“ ORF manchmal ist. Auch gibt es gute Journalisten und Journalistinnen bei den Kommerziellen. Aber keines der kommerziellen Medien ist in der Lage, das zu tun, was der ORF seit Jahren mit seinen Programmschwerpunkten leistet: unabhängig von Quotendruck die gesellschaftlich relevanten Themen aufbereiten und multimedial kommunizieren. Die Menschen bis ins entlegenste Eck Österreich zu erreichen und zwar so, dass die Menschen am Stammtisch und in der Betriebskantine darüber diskutieren. Themen auf die gesellschaftspolitische Agenda setzen, selbst wenn sie unbequem sind und journalistisch schwierig. Themen ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu bringen, wie es dem ORF mit Klima, mit Mikroplastik und mit Lebensmittelverschwendung gelungen ist.

Diese Rolle dauerhaft und verlässlich ausführen, mit Tiefgang die Massen erreichen, das kann nur ein Öffentlich-Rechtlicher, dem man seine Sendungsgefäße lässt, und dem man erlaubt, diese nach inhaltlichen und journalistischen Gesichtspunkten zu bespielen.



Public Value Bericht 2017/18