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Abenteur Vergangenheit

#Tom Matzek, Sendungsverantwortlicher „Universum History“


Die jüngste ORF-Geschichts-Doku-Reihe setzt auf die Kombination von wissenschaftlichen Background und aufwändigen Rekonstruktionen mit Spielszenen und Animationen. So soll einem breiten Publikum der Zugang zur Beschäftigung mit der Vergangenheit erleichtert werden.

Jänner 2017, Stift Klosterneuburg. Der große Marmorsaal wird in ein Filmstudio verwandelt. Eine Zeitreise ins Jahr 1740. Feiner Puderstaub schwebt durch die Luft. Färbt die Haare jener Frau weiß, die majestätisch durch ein Spalier von Lakaien schreitet. Gerti Drassl, bekannt aus den „Vorstadtweibern“ spielt eine geradezu ikonografische Figur der österreichischen Geschichte: Maria Theresia. 10 Grad Raumtemperatur lassen nicht nur Gerti Drasl frieren, sondern das gesamte Team. Doch das ist die geringste Herausforderung während der Dreharbeiten. dieser Tage. Es geht um die historische Faktentreue. Das Team hat minutiös recherchiert: ob die damalige Erzherzogin eine Perücke trug oder nicht und wie die Haare strahlend weiß gemacht wurden. Ein kleines Detail, das aber einen wesentlich Unterschied macht. Es ist die Verantwortung, die ein öffentlich-rechtlicher Sender gegenüber seinem Publikum hat. Es darf nicht egal sein, ob es wissenschaftlich haltbar ist oder nicht. So wird es dann auch in Szene gesetzt. Licht-Crew und Kameramann haben dafür gesorgt, dass die Räumlichkeiten mit Kerzen und Spiegeln so beleuchtet werden, wie es an den Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts üblich war. Auch wenn es Inszenierung ist, sie soll es soweit authentisch sein, wie es belegbar ist.

Das ist die große Herausforderung eines TV-Formats wie „Universum History“. Es soll unterhaltsam wie ein Spielfilm sein, ohne dessen künstlerische Freiheiten. Und es soll ein Informationsprogramm sein, obwohl es nicht für alle Details schriftliche Quellen gibt. Historische Berater/innen sind bei allen unseren Produktionen mit an Bord, um Rechercheuren, Drehbuchauto/innen, Produzenten, Regisseur/innen und nicht zuletzt der Redaktion zu helfen, diese Aufgabe zu bewältigen, und letztendlich auch von Seiten der Wissenschaft dem Film eine Art Gütesiegel zu verpassen. Dieses Konzept ist in ganz Europa seit vielen Jahren bewährt. Ohne Spielszenen, sogenannte Reenactments, gäbe es im Fernsehen wenig Chancen, die Epochen vor der Erfindung von Film und Fotografie für ein breites Publikum möglichst lebendig werden zu lassen. Und der massive Zuspruch der Zuseherinnen und Zuseher spricht für sich.

Diversität ist demokratiepolitisches Anliegen
Eine/r der Erfolgsfaktoren dieser international produzierten, von Redaktionen aus mehreren Ländern betreuten sogenannten Doku-Dramen: Es wird versucht, sich der historischen Wirklichkeit aus mehreren Perspektiven zu nähern, zum Beispiel aus einer österreichischen, einer deutschen, einer französischen. Keine eindimensionale Heldenverehrung, sondern unterschiedliche Blickwinkel auf ein Geschehen. Das ist nicht nur realitätsnäher, sondern ermöglicht unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten und ist damit auch spannender. Es offenbart, dass das menschliche Dasein, auch jenes von Kaisern und König/innen, stets voller Brüche und Widersprüche ist. Was für den einen ein Freiheitsheld, ist für den anderen ein Tyrann. Diese Diversität darzustellen, ist auch das demokratiepolitische Anliegen, das ein Grundauftrag eines öffentlich-rechtlicher Senders ist. Wer auch die andere Seite kennt, ist wahrscheinlich für Feindbilder und Führerfiguren weniger anfällig. Beispiel Maria Theresia. Ihr größter diplomatischer Erfolg ist die Verheiratung ihrer Kinder mit einem der mächtigsten Herrscherhäuser Europas, den Bourbonen. Damit sichert sie die Macht der Habsburger für Generationen. Der Preis: die Kinder verlassen Wien, die Mutter ist im Alter alleine. Sie hat lediglich eine Brieffreundin, der sie über ihre Depressionen schreibt. Erfolg hat seinen Preis. Macht und Ohnmacht liegen knapp beieinander.

Von Beginn an untrennbar mit den „Universum History“-Eigenproduktionen verbunden, ist das Engagement renommierter österreichischer Schauspielerinnen und Schauspieler. Ob Serienlieblinge wie Ursula Strauss als Margarethe Ottillinger, „Soko Kitzbühel“-Star Kristina Sprenger in „Unser Österreich – Leben an der Grenze“, „Vorstadtweib“ Gerti Drassl als Maria Theresia, oder erfolgreiche Newcomerinnen wie Julia Rosa Stöckl, bekannt aus „In drei Tagen bist du tot“ in „Tirol – Geteilte Heimat“ und Verena Altenburger („Cop-Stories“, „Mission Impossible“) in „Diplomatische Liebschaften“ – sie bereichern dieses österreichische Doku-Format und sorgen für hohes Publikumsinteresse. „Die Frau, die zu viel wusste“ – die Rekonstruktion des Entführungsfall Margarethe Ottillinger aus der Zeit des Kalten Kriegs mit Ursula Strauss in der Hauptrolle erreichte über 310.000 Zuseher/innen (19 % Marktanteil). Das im Rahmen eines Schwerpunkts im Mai 2017 zum 300. Geburtstag ausgestrahlte Biopic „Maria Theresia – Majestät und Mutter“ mit Gerti Drassl erreichte mit rund 670.000 Zusehern/innen (21 % Markanteil) am Dienstag-Hauptabend einen absoluten Spitzenwert. Aber auch hier stehen hinter dem Erfolg eines Films jahrzehntelange, oft von Rückschlägen gezeichnete Forschungen, unter anderem in den Archiven des russischen Geheimdienstes. Erst diese Recherchen machten es möglich, einen nie geklärten Fall wie den der Margarethe Ottillinger neu aufzurollen. Und bei „Maria Theresia“ war es der Fund von 80 noch nie veröffentlichten Briefen der Kaiserin an ihre Hofdame, Sophie Enzenberg, die erstmals sehr persönliche Seiten ans Tageslicht brachten. Dieser ständige Kontakt zu Historiker/innen, Archivrechercheuren, Archäolog/innen und Expeditionsreisenden ist daher die Grundvoraussetzung, um unserem Publikum regelmäßig ein neues Bild von der Geschichte der Menschheit zu liefern. 2015 wurde ein neues Kapitel bei „Universum History“ aufgeschlagen: Mit der Reihe „Unser Österreich“ wurde und wird in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten. Anhand von vier Generationen einer realen Familie werden die Auswirkungen eines Jahrhunderts auf Land und Menschen anschaulich gemacht. Geschichte wird von unten erzählt. Ausgangspunkt dieser neunteiligen Reihe, (pro Bundesland eine Folge), sind die neuen Landesgrenzen, die nach Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie gezogen wurden. Diese Grenzziehungen – von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs am grünen Tisch verordnet – durchschnitten alte Siedlungs- und Wirtschaftsräume und prägten damit die Geschichte des 20. Jahrhunderts nachhaltig. Sie schürten Konflikte zwischen Volksgruppen, die teilweise bis zum heutigen Tag spürbar sind – wie in Kärnten oder Südtirol. Für den ORF, einen Sender, der seinem eigenen Publikum „gehört“, also allen Österreicherinnen und Österreichern, ist das eine Kernaufgabe. Der Titel „Unser Österreich“ ist deshalb nicht nur ein Sendungstitel, sondern programmatisch zu verstehen – es geht darum, Sprachrohr für die Menschen zu sein – in dem Fall für eine Familie, deren Schicksal von der Grenzziehung und den historischen Wendepunkten entscheidend beeinflusst, intensiv geprägt wurde.

Neun Regionen, neun filmische Handschriften
Sie wird porträtiert mit Dokumenten, wie Fotos, Amateurfilmen, aber auch durch Spielszenen, die auf den Erinnerungen der Familienmitgliedern beruhen. Für die Produktion der einzelnen Folgen wurden kreative Teams aus den jeweiligen Bundesländern zusammengestellt. Für die erste Folge über die Teilung Tirols wurde eine besondere Teamkonstruktion gewählt. Für das Drehbuch konnte der Autor der Serie „Die Rosenheim-Cops“, Thomas Baum gewonnen werden, der umfangreiche Erfahrung mit umgangssprachlichen Dialogen des Alpenraums besitzt. Für die dokumentarische Regie engagierten wir den erfahrenen Journalisten, TV-Dokumentarist und „Tirol Heute“-Moderator Georg Laich. Die szenische Regie besorgte der Kino-erfahrene Ernst Gossner. Das Konzept, die jeweils spannendste und für die Region prägendste Geschichte zu erzählen, wurde vom Publikum angenommen. Rund 500.000 Zuseher/innen sahen die ersten Folgen dieses neuen Formats, produziert nach dem Motto: neun Regionen, neun filmische Handschriften. So soll bis 2018 ein buntes Bild unseres Landes entstehen. Geplant sind zum Republiksjubiläum Folgen über Wien und das Burgenland.

Unser wöchentliches „Universum History“ am Freitag programmieren wir nach dem Motto: Jede Woche eine neue Zeitepoche. Das ist auch für uns Sendungsmacher/innen einer der tollsten Jobs die es gibt. Natürlich sind die gemeinsam mit unseren Partner/innen anderer europäischer öffentlich-rechtlicher Sender entwickelten Filme adrenalin-fördernde Höhepunkte des Jahres. Doch auch der Einkauf internationaler Produktionen sorgt für eine Horizonterweiterung. Geschichtsforschung fordert Akribie und Ausdauer. Sie ist aber auch ein Abenteuer, wie bei Indiana Jones. Die Nachrichten über neue Entdeckungen und Funde auf allen Kontinenten sind für unsere Redaktion ebenso lehrreich und spannend, wie sie es hoffentlich für unsere Zuseher/innen sind.



Public Value Bericht 2017/18