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Ein Garten voller Überraschungen

#Gerald Heidegger, Chefredakteur von ORF.at


Es soll ja mal Zeiten gegeben haben, da beschäftigten sich – vorwiegend männliche – Journalisten mit dem für sie Selbstverständlichen: Sie waren Berichterstatter, Reporter, Kommentatoren.

In dieser Zeit war noch reichlich Platz für ein ungesundes Leben. Alles wurde freilich anders mit der digitalen Revolution. Journalisten und Journalistinnen lernen bis zur Gegenwart ihr Aufmacherdenken an Quote, Interesse der Stunde, Suchmaschinen-Optimierung und Like-Potenzialen zu orientieren. Redaktionelle Arbeit ist vom Faktor Alltagsstress gesehen um einiges sportlicher geworden – und nur die Fittesten überleben, und sei es, weil sie wissen, was zwischen dem Nutzen von Chiasamen und einer brachialen Chronikmeldung gerade „trendet“. Wer vorn mit dabei sein will, hält sich frisch, ja muss fit bleiben. Und wenn nun zwar die reale Lebenserwartung eines Journalisten oder einer Journalistin verlängert worden ist, so bleibt die Frage der Berufsfinanzierung in diesem langen Leben eine doch deutlich offenere. Denn vorbei auch die Zeit, wo Zeitungsabos oder das Entrichten der GIS-Gebühr teil eines Alltagsselbstverständnisses waren. Das eine wollte man als Lebensausstattung, das andere nahm man als lästige, aber gut gemeinte Pflicht irgendwie in Kauf.

In einer Epoche, wo sich vier Personen ein Netflix- Abo teilen können, hat sich auch die Einstellung zum persönlichen Medienbudget gewandelt. Geld gibt es wenn für Unterhaltung oder Fußball (für letzteren darf sogar mal das Haushaltsbudget krass überzogen werden). Zumal alles, was man an Information aus Medien bekommen kann, gefühlt ohnedies an den Tellerrand des Sozialen Netzwerks schwappt. Journalistinnen und Journalisten reagieren auf diesen Umstand des Fairnessverlusts gerne auf Medienseiten und zelebrieren dort nicht selten ein Hochamt des Umselbstverständlichen rund um den gefühlten Bedeutungsverlust. Eine Welt, die mittlerweile ganz anders tickt, bekommt von uns eine moralinsaure Punchline ausgeliefert: „Ihr werdet schon sehen in welcher Gesellschaft ihr leben werdet, wenn wir einmal nicht mehr da sind.“ Jetzt war einerseits Larmoyanz noch nie eine gute Wirtschaftsberaterin. Und andererseits: Eine am Hier und Jetzt orientierte Gegenwart, die ohnedies zu oft mit Misery-News versorgt wird, hat kein Verlangen nach Kassandrasätzen zur Zukunft.

In unsicheren Zeiten verlangt man nach sicherem Rahmen
Um es kurz zu sagen: Die Welt wird auch ohne ORF überleben, ja ohne ORF.at. Allerdings verhält es sich mit manchen Dingen so wie mit dem Haus im Grünen. Hat man mal einen Garten, dann will man auf diesen nicht mehr verzichten. Er soll in der Idylle am Land erblühen. Und sogar in der Stadt soll es ihn am besten geben. Mit anderen Worten: Nur wenn wir das Gefühl erzeugen, dass ohne uns das Leben ein deutlich ärmeres, weniger buntes, langweiligeres wäre, können wir überleben. Wenn ORF.at in seiner nun 20-jährigen Geschichte eines gelernt hat, dann das: Für eine Million Menschen sind wir der Garten ihres Alltags. Egal ob der Garten in der Stadt oder am Land liegt. Mehr noch: Wir sind ihr Garten. Wir dürfen ein paar wichtige, interessante Dinge auf die Wiese legen. Aber der Garten gehört einfach allen. Und wer im Garten große Veränderungen machen möchte, der legt sich mit einer Million Gärtnerinnen und Gärtnern an. Er versorgt seine Bewohner verlässlich mit Neuem, Gutem, nicht Giftigem – und stets hat er Überraschungen bereit. Er schafft das, was man sich in instabilen Zeiten erwartet: einen sicheren Rahmen. Natürlich könnte man auch ohne diesen Garten sein. Wilde Natur oder Betonkäfige laden auch zur Vergnügung im Freien. Die Erwartung an den Garten und seinen Rahmen bleiben. Und ebenso: dass jeden Tag das Wasser verlässlich und frisch im Garten ankommt.

Am Ende zählt der gefühlte Wer – und das Vertrauen, das hier nicht gelogen und getrixt wird in einer Welt, in der so viele heimisch geworden sind. Das verlangt nach cleverer Innovation, die auf den ersten Blick gar nicht immer wahrnehmbar ist – es verlangt nach Überprüfung des Zeitgeists. Und es ruft auch nach Begeisterung und dem Bedienen einer alten Tugend. Wir sind aufgerufen, nicht zu kolportieren, sondern bewusst zu bewerten – und deutlich zu machen, warum wir gewisse Dinge in jenen oder jenen Kontext setzen. Und das macht auch den Unterschied: Auf einer Augenhöhe mit allen in diesem Garten um ein Gemeinsames, ringen und im Bedarf viel kommunizieren. Dazu ist es jedenfalls jetzt noch nicht zu spät.



Public Value Bericht 2017/18