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Mehr News statt Fake News

#Patrick Swanson, Leiter des ZiB Social-Media-Teams


„Journalismus ist die Unterscheidung in wahr und unwahr, wichtig und unwichtig, in Sinn und Unsinn.“

Das hat Gerd Bacher einmal gesagt. Er hat es viele Jahre vor Facebook gesagt. Er hat es gesagt, lange bevor die Sozialen Medien die Glaubwürdigkeit, die Autorität und die Finanzierung des Journalismus in einer derart fundamentalen Art auf die Probe stellen würden, wie wir es in den letzten Jahren erleben. Bachers Worte sind heute aktueller denn je.

„Facebook spaltet die Gesellschaft“, liest man heute auf Titelseiten von renommierten Zeitungen. Oft haben sie Recht. Vieles ist nicht von der Hand zu weisen, einiges scheint den sozialen Netzwerken immanent. Da wäre etwa das Entstehen von Filterblasen und die damit einhergehende Polarisierung. Auch der Hass im Netz erschüttert zu oft den Versuch, online sachliche Debatten zu führen. Beleidigungen, Beschimpfungen, Verleumdungen – sie alle finden Platz in diesem neuen Diskurs. Zu oft herrscht hier ein Klima von Hass, von gezielter Fehlinformation und von Manipulation. Provokateure und Propagandisten nutzen Social Media, um bewusst Falschmeldungen und Verzerrungen zu veröffentlichen. Zu oft erreichen sie damit ein Millionenpublikum. Politische Parteien nutzen Social Media, um ungefiltert mit ihren Wählern zu kommunizieren. So versuchen sie, die wichtige Kontrollfunktion des kritischen Journalismus zu umgehen.

All diese Dinge wissen wir. Wir wissen auch um die zunehmende Abhängigkeit traditioneller Medien von den Algorithmen der sozialen Netzwerke. Wir wissen, dass dieses schwierige Verhältnis in den nächsten Jahren wohl nicht einfacher wird. Erst zu Beginn des Jahres hat Facebook Gründer Mark Zuckerberg verkündet, er wolle professionellen Medieninhalten künftig weniger Präsenz in Facebooks News Feed einräumen. Stattdessen sollen mehr Postings von Freunden und Familienmitgliedern angezeigt werden. Ob das die vielen Probleme der Plattform lösen wird, darf bezweifelt werden. Die Herausforderung ist also eine große, die Liste der Widrigkeiten ist lang. Aber gerade aufgrund der großen Herausforderung bin ich überzeugt: Die Berichterstattung direkt beim Publikum ist eine wichtige Aufgabe des Journalismus und vor allem eine zentrale Aufgabe der Zeit im Bild. Diese Überzeugung basiert auf einer Zahl, die sich bei allen Schwierigkeiten und Ambivalenzen nicht ausblenden lässt. Die Zahl lautet: 3,7 Millionen. 3,7 Millionen Menschen in Österreich nutzen Facebook. Sie nutzen es mit all seinen Problemen und Schwierigkeiten. Sie nutzen es, um sich auszutauschen, um zu kommunizieren – und sie nutzen es, um sich zu informieren. Das ist der entscheidende Punkt.

ZiB dort, wo das Publikum ist
Wo Millionen Österreicher/innen sich informieren, ist es Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, vertreten zu sein. Gerade weil auf Facebook Provokation und Propaganda an der Tagesordnung sind, muss es dort auch glaubwürdige, unparteiische und seriöse Information geben. Gerade weil die Politik versucht, der Kontrollfunktion des Journalismus auszuweichen, gilt es, diese wichtige Funktion auch hier wahrzunehmen – mit ausgewogenem, faktenbasiertem, kritischem Journalismus. Das ist unsere Kernaufgabe als öffentlich-rechtliches Medium. Die ZiB hat diese Aufgabe angenommen, und das mit großem Zuspruch. Auf Facebook haben wir mittlerweile über 400.000 Fans und sind damit auf dieser Plattform die größte Nachrichtenseite in Österreich. Wir liegen hier vor vielen kommerziellen Medien, obwohl diese wegen der gesetzlichen Beschränkungen für den ORF im Onlinebereich einen Startvorteil von mehreren Jahren hatten. Ich glaube, das ist kein Zufall. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass viele Nutzer/innen der Sozialen Medien besonderes Augenmerk auf ausgewogene, hochwertige Information legen. Die bieten wir an.

Denn als öffentlich-rechtliches Nachrichtenmedium können wir diese Plattformen für uns nutzen. Wir können sie nutzen, um unser Publikum hier zu informieren – denn sachliche Information funktioniert auch auf Social Media, wenn sie denn richtig aufbereitet ist. Das zeigen etwa die Faktencheck-Videos, die wir regelmäßig zu Themen wie Flucht und Asyl auf Facebook veröffentlichen. Sie werden oft tausendfach geteilt und haben einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung dieser Debatte in den sozialen Netzwerken geleistet. Hier zeigt sich der Unterschied in aller Deutlichkeit: Wo andere versuchen, mit reißerischen Schlagzeilen Traffic für Werbekunden zu generieren, bemühen wir uns um Einordnung. Wo andere polarisieren wollen, wollen wir unterscheiden – in wahr und unwahr, in wichtig und unwichtig, in Sinn und Unsinn. Das Publikum der Zeit im Bild auf Facebook ist nicht nur an hochwertiger und glaubwürdiger Berichterstattung interessiert – es ist auch jung. Die Menschen, die wir hier erreichen, sind im Schnitt um die 30 Jahre alt. Social Media ermöglicht uns also, täglich hunderttausende Menschen zu informieren, die auf den klassischen Kanälen wie TV und Radio immer weniger zu erreichen sind. Unser Publikum auf Facebook ist der lebende Gegenbeweis zur These, junge Menschen hätten kein Interesse an Politik.
Verbesserung durch Feedback

Das erfahren wir auch täglich ganz konkret, denn wir nutzen die Sozialen Medien nicht nur um zu publizieren, sondern auch als Kommunikationskanal. Wir reagieren auf Feedback und versuchen so unsere Berichterstattung immer weiter zu verbessern. Ein sachliches Diskussionsklima ist eines unserer wichtigsten Anliegen, deshalb werden die Kommentare auf der Zeit im Bild- Seite aufmerksam moderiert. Wir nehmen unsere Nutzer/innen ernst und das kommt bei ihnen an. Immer öfter bekommen wir Tipps für Beiträge oder Hinweise für Faktenchecks über Facebook.
Die Weiterentwicklung unserer Berichterstattung in den Sozialen Medien und direkt beim Publikum wird eine wichtige Aufgabe der nächsten Jahre sein. Diese Netzwerke sind zu einem zentralen Ort der Debatte für einen großen Teil Gesellschaft geworden. Das kann mal als Problem sehen – oder als Herausforderung. Dieser Herausforderung mit Mut, Innovationsgeist und einer aufklärerischen Grundhaltung zu begegnen ist unsere Aufgabe. Denn ein Rundfunk für alle muss dort sein, wo sein Publikum ist.



Public Value Bericht 2017/18