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Unser aller Rundfunk im digitalen Zeitalter

Public Value Bericht 2015/16: Prof. Dr. Klaus Meier – Universität Eichstätt


Über die Rolle öffentlich-rechtlicher Medien in der Gesellschaft und in der modernen Medienwelt, über ihren Auftrag und ihre Legitimation wurde viel publiziert und öffentlich diskutiert. Um nur beispielhaft zwei Positionen aufzugreifen: Wer aus rein ökonomischen Überlegungen heraus den Rundfunk und seinen Markt betrachtet - wie der wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums der Finanzen - kann eine Beschränkung und Marginalisierung öffentlich-rechtlicher Medien fordern; Medieninhalte sollten demnach privatwirtschaftlich und marktfähig angeboten werden (vgl. Bundesministerium der Finanzen 2014). Dagegen wird aus Leistungs- und Funktionsperspektive - also normativ wie funktional - seit Jahrzehnten darauf verwiesen, dass Medienorganisationen, die durch Gebührenfinanzierung, gesellschaftliche Kontrolle und Programmauftrag charakterisiert sind, unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft sind (vgl. dazu die Rundfunkurteile des Bundesverfassungsgerichts oder z. B. Langenbucher 1990).

Die wirtschaftsorientierte Sichtweise und eine leistungs- bzw. funktionsorientierte Sichtweise prallen auch in der Debatte um die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter immer wieder aufeinander. Vor diesem Hintergrund und im Hinblick auf die gerade sich formierende digital-vernetzte Medienwelt ist der Leitgedanke des »Public Value« als »Public Network Value« sehr zielführend (vgl. Steinmaurer/Wenzel 2015; Neuberger 2013). Doch der Fachdiskurs über »Public Value« ist in der Öffentlichkeit recht abstrakt (vgl. Hasebrink 2014), und nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Skepsis gegenüber Institutionen (vgl. z. B. Nanz 2013) erscheint eine Rückbesinnung auf ein traditionelles Leitbild für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als besonders hilfreich in der digitalen Medienwelt: öffentlich-rechtlicher Rundfunk als »unser aller Rundfunk«. Der öffentliche Rundfunk gehört demnach niemandem - weder einem Unternehmer oder Aktionären noch dem Staat oder Regierungen - sondern alle Bürgerinnen und Bürger sind gemäß dem Leitbild »Unser aller Rundfunk« seine Gesellschafter.

Dieser Beitrag greift auf Basis des Leitbilds »Unser aller Rundfunk« zentrale Parameter der digitalen Medienwelt auf und zieht daraus praktische Konsequenzen für öffentlich-rechtliche Medien, die nicht nur digitale Ausspielwege, Plattformen und Endgeräte betreffen, sondern in einem medienkonvergenten Sinne auch Auswirkungen auf die linearen Programme in Fernsehen und Radio haben, weil traditionelle Programmangebote zunehmend im Kontext des digitalen Medien-Ökosystems genutzt werden und wirken.

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind zunehmend bemüht, transparent zu agieren, aber offensichtlich liegen noch keine schlüssigen redaktionellen Konzepte vor. Dies betrifft vor allem auch seine Kontrollgremien: Rundfunkrat, Fernsehrat, Stiftungsrat oder Publikumsrat müssen in der Regel offen und öffentlich agieren und Rechenschaft ablegen; sie müssen Bereitschaft zum Dialog auf digitalen Wegen zeigen. Gerade sie sind mit dafür verantwortlich, dass das Publikum den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als »unser aller Rundfunk« begreift - und nicht etwa als Rundfunk der Landes-und Bundespolitik oder der Standes- und Verbandspolitik im Sinne der Institutionen, die Vertreter/innen in die Gremien schicken. Öffentlich-rechtliche Medien können mit der Freigabe von digitalen Tools und von journalistischen Beiträgen zur weiteren Nutzung ein Stück dazu beitragen, die Menschen zu befähigen, kritisch an der Öffentlichkeit teilzuhaben (vgl. Meier 2015).

Im Internet und vor allem in sozialen Netzwerken gibt es auch Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien, Falschmeldungen, die das eigene Weltbild stärken, sowie aggressive und persönliche Attacken. Dies führt zudem Wunsch nach Orientierung und Leuchttürmen, die in der Informationsflut verlässliche und glaubwürdige Informationen deutlich sichtbar und auffindbar verbreiten. Repräsentative Umfragen belegen, dass das Publikum in Deutschland nach wie vor in großer Mehrheit den öffentlich-rechtlichen Sendern, den regionalen und überregionalen Tageszeitungen und den wöchentlichen Nachrichtenmagazinen vertraut (vgl. z. B. Köcher 2015).

Vom öffentlich-rechtlichen Journalismus wird eine bewusste Abgrenzung von einer Gemengelage aus einseitig ausgewählten, teils nicht überprüften Fakten und Gerüchten mit aggressiv vorgetragener Meinung erwartet. Das Trennungsgebot von Nachricht und Kommentar kann für öffentlich-rechtliche Nachrichtenangebote - auch in Magazin-Formaten wie »Tagesthemen« oder »Heute-Journal« - nicht hoch genug geschätzt werden. Es ist zunehmend einsichtig, dass einseitige meinungspolitische Ausrichtungen von Sendern und hochrangigen Journalistinnen und Journalisten und Kommentatorinnen und Kommentatoren - wie beispielsweise traditionell die Verbundenheit mit der politischen Farbe der jeweiligen Landesregierung - nicht zur Glaubwürdigkeit der Berichterstattung beitragen und deshalb zu vermeiden sind.

Die Art und Weise, wie journalistische Themen erzählt werden und wie sie die Menschen erreichen, hat sich bereits stark gewandelt - und dies wird sich weiterhin verändern, wobei die Vielfalt der Möglichkeiten ständig zunimmt. Ein Beispiel: Von einem öffentlich-rechtlichen Angebot werden mehr Ideen und Experimente zum »Mitmach-Rundfunk« erwartet - und zwar in einem konvergenten Sinne über alle Plattformen hinweg. So könnte das Gefühl der Menschen für »unser aller Rundfunk« gestärkt werden. Warum sollte zum Beispiel nicht auch die Rundschau des Bayerischen Fernsehens oder die ZiB 2 des Österreichischen Rundfunks zumindest ein Thema pro Woche zusammen mit den Nutzerinnen und Nutzern entwickeln?

Bei Betrachtung der Mediennutzungsgewohnheiten von jungen Menschen sticht ein Trend unübersehbar hervor: Das Smartphone ist die zentrale Plattform geworden und gehört für sie zum festen Alltagsrepertoire. Weil die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten teils aufgrund zögerlicher, bürokratischer und kleinteiliger Strukturen, teils aufgrund massiver medienpolitischer Beschränkungen den direkten Zugang zum Smartphone über eigene Apps bislang kaum gefunden haben, sind sie auf Drittanbieter angewiesen. Allerdings ist es ratsam, dass ein eigenes öffentlich-rechtliches Jugendangebot möglichst zügig eigene direkte Wege zu den Smartphones geht. Das Smartphone als der zentrale Hub für die tägliche orts- und zeitunabhängige Mediennutzung potenziert den Wunsch nach persönlicher, individueller, dialogorientierter, vernetzter und offener Ansprache: Es ist emotional und persönlich viel näher am Menschen als alle bisherigen Endgeräte der Mediennutzung. Digitale Angebote für junge Menschen müssen sich deshalb nicht nur von der Broadcast-Mentalität des Fernsehens und Radios lösen, sondern zum Teil auch von der Massenansprache der klassischen Website.

In Konsequenz bedeuten die hier skizzieren Ideen ein umfassendes Change Management in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur Stärkung digitaler Ausspielwege, zur Nutzung von Ressourcen für alle drei Plattformen Radio, Fernsehen und Digital und der Einführung von trimedialen Redaktionen.

Die Formel »Unser aller Rundfunk« macht uns auf die Notwendigkeit eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks in allen digitalen Umgebungen aufmerksam. Sie enthält vielerlei Potenzial für neue redaktionelle Ideen, die nicht nur einseitige Vorstellungen von Demokratie und Öffentlichkeit in der digitalen Medienwelt verfolgen, sondern sowohl partizipativ und dialogorientiert umfassende Beteiligungsmöglichkeiten vieler Akteure am öffentlichen Diskurs eröffnen, als auch liberal-repräsentative Modelle mit der Sehnsucht nach Orientierung, Verlässlichkeit und Aufklärung umsetzen und mit Leben füllen. Eine Medienorganisation, die nicht davon abhängig ist, Gewinne zu erwirtschaften, sollte eine »Leitbild- und Innovationsfunktion« übernehmen: Besonders der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist aufgerufen, in der digitalen Medienwelt »zu experimentieren und durch sein Vorbild Qualitätsmaßstäbe zu setzen« (Neuberger 2013: 114).

Der Autor
Klaus Meier unterrichtet Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.Zudem ist er seit der Gründung im Jahr 2011 Vorstandsmitglied von "fjum_forum journalismus und medien wien".

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