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© ORF/Hans Leitner

Reden wir über den Talk

Claudia Reiterer, »Im Zentrum«


Ich habe meine Moderationslaufbahn im ORF vor 16 Jahren mit einer Diskussionssendung begonnen („betrifft“ gemeinsam mit Johannes Fischer) und nun leite ich „Im Zentrum“. Die entscheidenden Parameter für den politischen Talk sind Thema und Gäste. Das Thema richtet sich nach Aktualität, Brisanz und Relevanz.
Die schwierigsten Wochen sind jene, in denen das Diskussionsthema nicht klar auf der Hand liegt. Ein Beispiel war die letzte Februarwoche. So haben wir einen Tag lang intensiv das Thema Arbeit mit dem geplanten Zwölfstunden-Tag „Ausbeutung oder Freiheit“ genannt und mit potenziellen Gästen telefoniert, Inhalte recherchiert, mögliche Beiträge überlegt. Doch das Thema findet sich gerade nicht im Aufmerksamkeitsfokus der Menschen, keine Berichte oder Streit in der Politik zu diesem Zeitpunkt. Wir (das sind ein Sendungsverantwortlicher, eine Vollzeitredakteurin, drei Teilzeitjournalisten und ich) gehen das Thema Fake News an, „die Politik im Netz der Lügen“, doch hier gelingt es uns nicht, die Top-Gäste zu angeln, so wurde es vier Tage vor der Sendung das Thema Bildung, weil eine aktuelle Statistik zeigt, dass jede/r vierte Schüler/in in Österreich und jede/r zweite in Wien Deutsch nicht als Muttersprache hat.
Zwei volle Tage Recherchen und Vorbereitung waren vergebens.
Gäste einladen hört sich ja verdammt einfach an, nur: In der Praxis? Da herrscht oft Diskussionsverweigerung. Die einen wollen nicht, die anderen können nicht, die dritten dürfen nicht. Und dann sind noch die, die mit diesem/dieser oder jenem/jener keinesfalls diskutieren möchten. Und dann die, die nur dann kommen wollen, wenn auch ein bestimmter anderer/eine bestimmte andere auch eingeladen wird. Und dazu kommen noch die, die gar nicht eingeladen sind, es aber unbedingt sein wollen. Deren Klagelieder kommen dann prompt per Telefon oder Presseaussendung...
Das Publikum erwartet sich in einer Talk-Runde zu Recht Menschen, die etwas zu sagen haben. Im doppelten Wortsinn. Einerseits Menschen mit gewichtiger Stimme, die Kraft ihres Amtes auch Entscheidungen treffen können. Und andererseits Menschen, die diese Entscheidungen kritisieren, oder von diesen Entscheidungen unmittelbar betroffen sind. Unterschiedliche Standpunkte vorausgesetzt. Diskussion lebt von Gegensatz, Kontroverse, Zuspitzung, Polarisierung.
Ja, aber warum sind all diese Menschen in ihrer Mehrheit Männer? Wo bleiben die Frauen? Berechtigte Frage. Talk-Runden bilden Realität ab. Eine Realität, in der es nicht gerade von Spitzenpolitikerinnen, Bankdirektorinnen, Wirtschaftskapitäninnen und Gewerkschaftsfunktionärinnen wimmelt…Diese Realverfassung schlägt auch auf Diskussionsrunden durch. Ja, aber die Zivilgesellschaft, die Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen, Expertinnen aller Disziplinen? Stimmt. Dort werden Talk-Sendungs-Macher/innen zum Glück schon fündig. Aber so manche Top-Frau zweifelt an der eigenen Kompetenz. „ Ich bin nicht genügend vorbereitet“, „Ich muss erst rückfragen“, „ich habe einen Kollegen, der macht sowas gern“, oder „Ich muss erst einen Babysitter organisieren“. Absage-Begründungen, die man von Männern so gut wie nie hört. Im Gegenteil: Da gibt es schon den einen oder anderen Politiker oder auch Experten, der beim ersten Anruf der Talk-Redaktion sagt: „Ich komme, was ist das Thema?“…
Wenn sie schließlich im Studio Platz nehmen, sind sie meist exzellent vorbereitet, trainiert, gecoacht, mitunter übertrainiert. Politiker/innen üben im Vorfeld vor der Kamera sowohl das, was sie sagen wollen, als auch das, was sie nicht sagen wollen – und vor allem, wie sie das tun. Was dabei herauskommt, sind nicht selten Stehsätze aus Textmodulen, die Wiederholung der immer gleichen Kernbotschaften, oft im Wahlkampfmodus, was eine lebhafte Diskussion, die auch ein aktives dialogisches Zuhören erfordert, erschweren kann.
Ich als Moderatorin gehe sicher mit einem anderen Ziel in die Sendung, als meine Gäste.
Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Hans Matthias Kepplinger stellte in seinen Untersuchungen fest: „Die Teilnehmer an öffentlichen Auseinandersetzungen haben die Wahl zwischen zwei Strategien: Sie können sich entweder auf die handelnden Personen oder auf die von ihnen vertretenen Sachfragen konzentrieren. Die meisten politischen Sachfragen sind so kompliziert, dass nur Experten die Einzelheiten überblicken können. In dieser Situation stellt die Personalisierung von Auseinandersetzungen eine Möglichkeit zur Reduzierung zur Komplexität dar, weil sich ein Laie eher ein Urteil über die beteiligten Personen bilden kann.“
Als Moderatorin ist für mich die erste Frage, mit der ich eine Sendung eröffne, von großer Bedeutung. Die Herausforderungen und Qualitätsansprüche, die an mich gestellt werden: Wenn Gäste Fragen ausweichen, mein Verhalten in sprachlichen Chaossituationen, wann es sinnvoll ist, jemanden zu unterbrechen. Am Ende steht für mich immer der Erkenntnisgewinn. Welcher Satz, welche These eines Gastes ist hängengeblieben beim Publikum?
Doch der Erkenntnisgewinn dürfte das eine oder andere Mal aufgrund komplexer Themen und begrenzter Sendezeit nicht immer möglich sein. Dennoch stelle ich diesen Anspruch für jede Sendung, dazu braucht es die wöchentliche, klare Feedback-Analyse, die am Anfang unserer Wochensitzung steht.
In der politischen Talk-Sendung sollten folgende Qualitätsmerkmale zu finden sein:
• Relevanz
• Ausgewogenheit
• Meinungsvielfalt
• Unparteilichkeit
• Nachhaltigkeit
• Journalistische Fairness
• Investigative Recherche
• Darlegung von Hintergründen
• Kritische Analyse
• Nutzwert, Aufdeckung von Missständen
• Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung
• Bürgernahe
• Anschauliche Vermittlung
Das Verhältnis zwischen Politik und Medien ist aufgrund der großen Verschiebungen der Weltpolitik, der größten Krise der Europäischen Union, der Fluchtbewegung und der Diskussionen rund um Fake News, Lügen, Halbwahrheiten in Zeiten von Social Media noch fragiler und herausfordernder als noch vor wenigen Jahren.
Hier bildet das Redakteursstatut des ORF mit seinen wesentlichen Punkten wie Unabhängigkeit, Eigenverantwortung und Freiheit der journalistischen Berufsausübung, sowie die Verpflichtung der Geschäftsführung die Einflussnahme von außen zu verteidigen und den Redakteuren Schutz zu gewähren, ein Schutzregulativ, das unter Umständen öfter in Erinnerung gerufen werden muss.

Die Autorin:
Claudia Reiterer verantwortet »Im Zentrum«, die aktuelle Gesprächssendung des ORF.



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