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© ORF/Thomas Ramsdorfer

»Das weiß ich nicht«

Public Value Bericht 2015/16: Lou Lorenz-Dittlbacher – ORF TV-Information


Freitagabend. Es ist spät, die Woche war anstrengend.
Nach einer ermüdenden Debatte, ob man nun ein »Türl mit Seitenteilen« oder eine »bauliche Maßnahme« an der österreichisch-slowenischen Grenze errichten möchte, hat sich die Bundesregierung nun doch auf einen Zaun geeinigt. Die Innenministerin und der Kanzleramtsminister sind heute dazu meine Gäste in der ZiB 2. Wir zeichnen das Gespräch vor der Sendung auf. Das verkürzt zwar die Vorbereitungszeit auf das Interview, verspricht aber einen ruhigen Abend. Keine unkalkulierbaren Überzüge, wir wissen schon bei Sendungsbeginn, was auf uns zukommt.
Glaubten wir zumindest auch an diesem 13. November 2015. Doch heute kommt alles ganz anders. Während gerade das zuvor aufzeichnete Studiogespräch läuft, kommt über die internationalen Agenturen die knappe Meldung »Schießerei in Paris«. Das kann alles und nichts heißen. An diesem Abend heißt es alles, aber das wissen wir noch nicht. Der Chef vom Dienst dieses Abends, Patrick Hibler, nimmt Kontakt zu den Kollegen in Paris auf, um die Lage besser einschätzen zu können. Zunächst erfolglos. Das Interview mit den Ministern läuft noch immer. Das gibt uns Zeit. Auf Twitter melden einige Medien »Breaking News«. Aber: Sonst bleibt alles im Konjunktiv. Könnte. Sollte. Dürfte. Zu wenig, um fundiert sagen zu können, was passiert ist. Und: Wir haben keine Bilder. Fernsehen lebt nicht vom geschriebenen Augenzeugenbericht, von der Landkarte, vom Telefonat. Fernsehen wird authentisch, wenn man sieht, was sich tut. Wenn man hört, was die Akteurinnen und Akteure sagen. Und Live-Schaltungen sind nur möglich, wenn man eine Leitung zu einem Korrespondenten hat. Diese bereitgestellt zu bekommen, ist je nach Uhrzeit oft sehr aufwendig. Außerdem braucht man ein Kamerateam, das unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten zwar meist sehr schnell aktivieren können, aber mit dem sie natürlich nicht rund um die Uhr unterwegs sind, was übrigens sehr im Interesse der Gebührenzahler/innen ist.
Und doch: Es dauert nur Minuten von den ersten Meldungen bis zur Kritik, was denn da los sei im ORF. Ob denn da alle schlafen. Ob denn niemand mitgekriegt, was wirklich passiert. Und während von der Couch kommentiert und ausgerichtet wird, was denn jetzt zu tun sei, tun wir. Wir recherchieren, bekommen Kontakt zu unserem Korrespondenten Christophe Kohl. Kollegen, die längst am Heimweg waren, drehen um, kommen zurück in die Redaktion. Auch Eva Twaroch, privat in der Stadt unterwegs, ist längst auf dem Weg ins Zentrum von Paris. Gleich nach der ZiB 2 beginnen wir mit den Vorbereitungen für die erste Sondersendung von vielen an diesem Wochenende. Roman Rafreider und ich moderieren in dieser Nacht gemeinsam, werden noch häufig mit Gerüchten aus Paris konfrontiert. Gerüchte, die sich über die sozialen Netzwerke rasch verbreiten, aber die eben nur Gerüchte bleiben. Weitere Sprengsätze. Mehr Tote. Verhaftungen.
Wie kaum ein anderes Beispiel zeigen die Anschläge von Paris die große und immer größer werdende Kluft zwischen dem Anspruch auf Geschwindigkeit und dem auf seriöse Information, Quellenkritik, profunde Recherche. Nein, der ORF soll und darf natürlich nichts verschweigen. Soll und muss rasch informieren. Aber vor dem Tempo zählt mehr denn je die Frage, ob wir denn genug wissen, um die Situation richtig einschätzen zu können.

Wir Journalistinnen und Journalisten wollen und müssen unserem Publikum Klarheit bieten.
Vor dieser Frage stehen derzeit übrigens nicht nur Journalistinnen und Journalisten, sondern auch Ermittler/innen und Politiker/innen. Das hat sich nach den Anschlägen von Paris noch mehrmals auf zum Teil dramatische Weise gezeigt, wie in der Silvesternacht in München. Man habe ernstzunehmende Hinweise auf einen Anschlag, heißt es da plötzlich gegen 23.00 Uhr, als viele schon Schwierigkeiten haben, die Minuten bis zum Jahreswechsel zu zählen. So eine Nachricht bringt man nicht an die Öffentlichkeit, wenn man keine guten Quellen hat.
Verantwortung ist das Schlüsselwort. Verantwortung zur Wahrheit, zur Information, zur Vollständigkeit, die in derselben Nacht in Köln nicht wahrgenommen wurde, wo es peinliche vier Tage dauert, bis klar ist, dass die Bilanz der Polizei »weitgehende ruhige Silvesternacht« so gar nicht zutraf.
Zurück zum 13. November. Zu den Anschlägen von Paris. Auch die Kritiker/innen der ersten Minuten müssen einsehen, dass die Einwände verfrüht waren. Der ORF sendet als erster deutschsprachiger Sender. Und Ursula Plassnik, die österreichische Botschafterin in Paris, mit der wir in dieser Nacht mehrmals auf Sendung sprechen, sagt auf manche unserer Fragen »das weiß ich nicht«. Ein Satz, den wir kaum noch hören von Politikerinnen und Politikern. Der aber heilsamer und glaubwürdiger wäre als manch anderes. Wir Journalistinnen und Journalisten wollen und müssen unserem Publikum Klarheit bieten. Das ist eine enorme Herausforderung, da niemand alles weiß. Das ab und zu zuzugeben, würde der Debatte vielleicht ein wenig an Aggression nehmen.

Die Autorin
Lou Lorenz-Dittlbacher ist ZiB-2-Moderatorin und Preisträgerin des »Romy-Akademiepreises« für die Produktion »ZiB 2 History«.





Public Value Bericht 2017/18