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© ORF/Milenko Badzic

Sein und Schein

Public Value Bericht 2015/16: Dr. Peter Klein – Ö1


Wäre Ö1 ein Auto, würde es wohl mit einem etwas in die Jahre gekommenen Mercedes gleichgesetzt. Ein Diesel vermutlich, keinesfalls das neueste Modell, sehr gepflegt, flaschengrün vielleicht, Nussholz am Armaturenbrett, hellbraunes Leder. Jugendlich sieht freilich anders aus. Leute, die einen Renault Twingo fahren, einen VW-Beetle, einen Porsche gar oder einen dieser hochgemotzten SUVs, wollen der Welt etwas anderes bedeuten. Wer einen in die Jahre gekommenen Mercedes fährt, hat dergleichen nicht nötig. Ö1 gilt, so die Ergebnisse einer Markenstudie, vorwiegend als unabhängig, zurückhaltend, intelligent, sachlich, traditionell, vertrauenerweckend und verfügt, ganz allgemein, über ein hohes Prestige. Im Vergleich zu den beiden anderen bundesweit ausgestrahlten Radioprogrammen des ORF, Ö3 und FM4, punktet Ö1 vor allem in den Kategorien Vertrauen, Tradition und Qualität. Lustig, serviceorientiert und innovativ sind die anderen.
Wir nicht. Letzteres, ich will es zugeben, tut weh. Wir haben natürlich überhaupt nichts dagegen, als unabhängig und intelligent zu gelten. Dass man uns Vertrauen entgegenbringt und uns ein hohes Prestige attestiert, freut und ehrt uns natürlich. Dennoch ist, nicht nur im Mediensektor, eine seltsame Verdrehung von Imageattributen und jener Wirklichkeit, die sie zu repräsentieren vorgeben, zu beobachten. Nationalratsabgeordnete, die in Jeans und mit offenem Hemdkragen ans Rednerpult treten, rebellieren schon lange nicht mehr gegen ein traditionelles Wertesystem – sie vertreten mitunter eben dieses. Bärte und lange Haare, früher Symbol des Antiautoritarismus und der Hippiebewegung, stehen für exakt gar nichts mehr, Konservative haben sich die Symbole des Fortschritts einverleibt, Fortschrittliche tragen weiße Hemden, dunkle Anzüge und schmale Krawatten. Jugendliche sorgen sich – nicht zu Unrecht – um ihre Pensionen und erbringen Anpassungsleistungen, ältere Herrschaften hingegen lassen ihren anarchistischen und avantgardistischen Anteilen freien Lauf. Sein und Schein klaffen auseinander, Symbole geben keinen Aufschluss mehr. Es ist schwierig geworden, sich im wild wuchernden System der Zeichen zu orientieren. Im Medienbereich zeigt sich diese Entkoppelung besonders drastisch. Radiosender, zumal die kommerziellen, verpassen sich mit viel Aufwand und Geschick fortschrittliche Images, während sie gleichzeitig keinen einzigen Ton senden, der nicht tausendfach auf Markttauglichkeit und Mehrheitsfähigkeit überprüft worden wäre. Man gibt sich jung, chic, flott und innovativ – um dann nichts anderes als die größten Hits der siebziger, achtziger, neunziger undsoweiter Jahre zu spielen. Nichts ist neu, alles ist alt. Nichts wird riskiert, alles und jedes wird gecheckt und auf seine Mainstreamtauglichkeit überprüft. Neues wäre riskant. Das Publikum liebt das, was es schon kennt, das, was es nicht kennt, beäugt es, wenn überhaupt, skeptisch. Der neue Konservatismus wird am allerdeutlichsten durch On-Demand-Plattformen repräsentiert. Sie funktionieren nach dem traditionellen und bewährten Muster einer Musicbox im Dorfwirtshaus. Man schaut, welchen der zur Auswahl stehenden Titel man kennt, wirft eine Münze ein – brät im eigenen Saft und fühlt sich wohl. Niemals würde man Titel oder Stücke wählen, die neue Erfahrungen verheißen. Und so suhlt sich die Gesellschaft im stets Gleichen und Wohlvertrauten und hält sich gleichzeitig für modern, innovativ und zeitgemäß.
Ö1, dieser etwas in die Jahre gekommene Mercedes, ist neben dem weit jünger aufgestellten Nachbarn FM4 der einzige Radiosender von Relevanz, der seinem Publikum unentwegt Neues zumutet. Sowohl in seinen Wort- als auch in seinen Musikprogrammen. Ö1 konfrontiert und polarisiert. Ö1 präsentiert und diskutiert neue und neueste Literatur, stellt junge und zeitgenössische Künstler/innen aus aller Herren Länder vor, Ö1 bietet in seinen Hörspielreihen und im »Kunstradio« aktuelle akustische Radiokunst, in der Reihe »Zeit-Ton« setzt sich Ö1 – nicht immer zum ausschließlichen Vergnügen unseres Publikums – mit zeitgenössischer Musik auseinander, und Reihen wie die »Jet Lag All Stars« pfeifen überhaupt auf jede Konvention.
Weshalb also gilt dieser nachweislich progressive Sender als konservativ, während die nachweislich konservativen als modern und fortschrittlich gelten? Weil wir Bach und Mozart spielen und »Die holde Kunst«? Weil wir uns eines gepflegten und seriösen Tons bedienen?
Weil wir es ernst meinen mit dem was wir tun und nicht Teil der Spaßgesellschaft sein wollen? Weil auf Ö1 selbst das Kabarett der Auseinandersetzung mit realen gesellschaftlichen Gegebenheiten dient? Weil Ö1 weniger am Licht als vielmehr am Schatten interessiert ist und es als seine verdammte Pflicht betrachtet, aufklärerisch zu wirken? Das alles trifft mit Sicherheit zu.
Abgesehen davon, dass ja kaum etwas aufregender sein kann als eine Neueinspielung eines Beethoven-Streichquartetts, ein Hölderlin-Gedicht oder ein Hörspiel von Krok & Petschinka. Doch das nur nebenbei. Denn eigentlich, ich will es zugeben, lieben wir unser konservatives Image – und wir benutzen es auch. Stets im sicheren Wissen, dass das Neue, das Unzeitgemäße und das Unkonventionelle nur auf der Basis des Sicheren eine Chance hat, an den Mann oder an die Frau gebracht zu werden. Unser Publikum muss und soll uns vertrauen, wenn wir es in entlegene Welten und unsichere Gefilde entführen. Nur im Gewand der Verlässlichkeit lässt sich Überraschendes überbringen.
Im Grunde verhält sich Ö1 wie ein britischer Gentleman: Äußerlich konservativ, innerlich frei von allen Konventionen. Je verlässlicher die Außenwirkung, desto freier kann das Innenleben sich entfalten. Allein die Socken, die Krawatte, das Stecktuch und die Manschettenknöpfe dürfen ein bisschen »fancy« sein.

Der Autor
Peter Klein leitet den Radiosender Ö1.



Public Value Bericht 2017/18