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© ORF/A.Leitner

Das ganz Banale sehen

Public Value Bericht 2015/16: Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer – Österreichisches Rotes Kreuz




Das Österreichische Rote Kreuz als große humanitäre Organisation in Österreich und zugleich Teil einer weltweiten Bewegung kann seine Kraft nur dann entfalten, wenn es auf die Unterstützung vieler Menschen bauen kann: Wir brauchen Mitarbeiter/innen, die mittun, Klientinnen und Klienten, die uns akzeptieren, Spender/innen, die Blut und Geld zur Verfügung stellen. Auch brauchen wir Verbündete und Förderer - in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und auch in anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, mit denen wir kooperieren. Dazu braucht es Öffentlichkeit. Eine umfassend informierte, kritische und begeisterungsfähige Öffentlichkeit.
Humanitäres Handeln braucht eine informierte Öffentlichkeit, d. h. Menschen, die wissen, was wo passiert. Dazu ist notwendig, dass die Bevölkerung über bedeutsame Ereignisse, strukturell bestehende Problematiken sowie mittel- wie langfristige gesellschaftliche, politische, kulturelle, technische, ökologische etc. Entwicklungen im In- und Ausland angemessen informiert ist.
Wir wünschen uns eine reflektierte Öffentlichkeit, die danach fragt und sich darüber verständigt, was womit wie zusammenhängen könnte. Eine handlungsbereite Öffentlichkeit, die bereit ist, einzutreten für das, wovon sie überzeugt ist. Und, wir geben es gerne zu: Wir brauchen auch immer wieder Plattformen, sagen wir ruhig auch Bühnen, um unsere Erfahrungen und Erkenntnisse, unsere Leistungen und auch die Grenzen unseres Handelns darzustellen. Es gibt viele Themen und Anliegen, bei denen wir uns kompetent zu Wort melden möchten, uns unsererseits als Quelle von Informationen einbringen können. Das betrifft in besonderem Maße auch Themen, die gar nicht so weit weg sind, die jeden von uns unterschiedlich, aber ganz persönlich betreffen und treffen können. Dazu zählt z. B. Pflegebedürftigkeit in der eigenen Familie bzw. im sozialen Nahraum. Insbesondere in der häuslichen Pflege und Betreuung sind wir im Roten Kreuz Expertinnen und Experten und können vieles erleichtern. Zugleich aber können wir die Angehörigen nur dann wirklich und wirksam unterstützen und unsere Leistungen auch nur dann adäquat weiterentwickeln, wenn wir dies in enger Abstimmung mit den bestehenden Bedürfnissen der Betreffenden tun:
Wir müssen wissen, was die Bevölkerung braucht. Die Bevölkerung soll wissen, was unsere freiwilligen und beruflichen Mitarbeiter/innen tun, welche Unterstützungen wir anbieten und wie und wo man diese bekommt - damit jede/r in Österreich unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen kann, wenn er/sie sie braucht. Und auch, damit jede/r sich informieren und entscheiden kann, ob sie/er selbst als Freiwillige/r oder beruflich Tätige/r mitwirken möchte. Weitere Kernthemen des Roten Kreuzes betreffen Gesundheit/ Prävention generell und mit Blick auf spezielle, schwerer zu erreichende Zielgruppen, soziale Anliegen, Erste Hilfe, Rettungsdienst, Blutspende, Migration und Freiwilligkeit.
Das Rote Kreuz braucht Ansprechpartner/innen in den Medien (Fernsehen, Radio, Zeitschriften, Social Media…), die bereit sind und die Möglichkeit dazu haben, zuzuhören und die erhaltenen Informationen sorgfältig und verantwortungsbewusst weiterzugeben. Um zu berichten, was wir tun. Und warum wir dies tun. Und für wen. Und was es noch bräuchte, um den Menschen genau die Hilfe zu bringen, die diese benötigen - in Österreich, in Europa und im Ausland. Ganz zu schweigen (oder noch viel besser: zu reden) davon, was getan werden müsste, um nachhaltig das Entstehen von Leid zu verhindern, bestehende Not zu lindern, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Für Lebenschancen und Teilhabe aller Menschen.
Es kann keinesfalls darum gehen, die Menschen über die Medien nur zu belehren. Das kann gar nicht funktionieren. Und das soll auch nicht sein. Menschen brauchen Abwechslung, Entspannung, Amüsement, wollen Schönes, Aufregendes, Erhebendes, Kurioses und manchmal auch einfach ganz Banales sehen und hören. Öffentlich-rechtliche Medien können und sollen dazu beitragen, dass die Menschen nicht in einer »Informationsflut« versinken, sondern Möglichkeiten und Anreize dafür erkennen und dazu motiviert werden, sich selbst in die Gestaltung einer humaneren Gesellschaft aktiv einzubringen.
Es braucht dazu informierte, reflektierte, selbstbewusste, eigenverantwortliche und engagierte Menschen. Unser Anliegen ist, Haltungen der Empathie, Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen und des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten sowie in Selbstwirksamkeit zu stärken. Umgekehrt möchten wir dazu beitragen, ein Umfeld zu schaffen, aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen, welches all dies möglich macht - und zwar für möglichst alle Menschen in Österreich.
Die Menschen sollen ermutigt werden, auf sich selbst zu schauen, ihre Rechte auf einen menschenwürdigen Umgang für sich und andere einzufordern, sich als Freiwillige in der Zivilgesellschaft zu engagieren und/oder im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beizutragen, dass das Engagement anderer möglich ist. Bei all dem spielen öffentlich-rechtliche Medien, welche sich weder von kommerziellen Zwängen noch von Regierungen vorschreiben lassen müssen, was gehört und gesehen werden soll und darf, eine entscheidende Rolle. Dieser Verantwortung muss sich der ORF bewusst sein bzw. bleiben! Qualität in der öffentlich-rechtlichen Gestaltung medialer Programme bedeutet zusammenfassend aus unserer Sicht:

1. Ausgewogenheit zwischen Unterhaltung und Information
»Gute Unterhaltung«, die unterschiedliche Zielgruppen anspricht, Raritäten und Klassiker ebenso mit einschließt wie experimentelle und innovative Formen, ist ein wichtiges Kulturgut. Und vieles an Verstehen, Erfahren, Begreifen dessen, was um uns herum und in uns selbst stattfindet, geschieht auch über fiktive Geschichten und sinnliche Erlebnisse wie Bilder und Musik. Zu Information gehören neben Fakten betreffend aktuelle Ereignisse und Neuigkeiten auch Hintergrundanalysen, Dokumentationen, Features und - als solche deklarierte - Kommentare und fundierte Stellungnahmen zu gesellschafts- und gesundheitspolitisch wichtigen Themen.

2. Vertrauenswürdigkeit
Wichtig sind verlässliche, unabhängige Informationsquellen. Qualität in der Programmgestaltung bedeutet eine eigenständige Auswahl und gründliche Recherche relevanter Nachrichten, eine thematisch und perspektivisch ausgewogene Berichterstattung auf Basis belegbarer Informationen, sowie eine couragierte Kommentierung aus verschiedenen Blickwinkeln. Meinungsvielfalt ist darzustellen. Stereotypisierungen sind zu vermeiden und explizit aufzulösen (Bsp. explizite Diskussion vorherrschender unterschiedlicher Meinungen über Flüchtlinge, Mindestsicherungsbezieher/innen, alte Menschen, Menschen mit Behinderungen - und deren jeweils eigene Perspektive).

3. Anregung zur kritischen und selbstkritischen Auseinandersetzung
Öffentlich-rechtliche Medien sollten darauf bedacht sein, ihre Konsumentinnen und Konsumenten immer wieder zu einer kritischen, auch die eigene Haltung reflektierenden Auseinandersetzung mit den - entsprechend aufbereiteten - Informationen und Meinungen anzuregen.

4. Zugänglichkeit
Damit die Programme bei der Bevölkerung ankommen, bedarf es der Berücksichtigung unterschiedlicher Zugänge und der Überbrückung bestehender Hürden. Dazu gehört neben der Beachtung möglicher physischer Einschränkungen (Hören, Sehen) auch das Achten auf Verständlichkeit der verwendeten Sprache. Untertitel bzw. Synchronisationen /Dolmetsche können fremdsprachlich bedingte Hürden überwinden helfen, Bilder und einfache Sprache helfen Menschen mit Lernschwierigkeiten, zu verstehen.
Sendeformate, die diese Vielfalt berücksichtigen, sind gute Mittel, die Themen in ihrer Komplexität darzulegen, verstehbar, begreifbar zu machen. Dazu gehören Reportagen, Features, Interviews, Dokumentationen, Diskussionsrunden mit Expertinnen und Experten ebenso wie »Kulturelles«: Filme, Musik, Hörspiele, Theaterstücke, die auch die bestehende Diversität im Publikum reflektieren.

5. Zeitnähe und Relevanz
Information sollte dann erfolgen, wenn sie gebraucht wird. Zumeist ist dies dann der Fall, wenn ein akuter Bedarf besteht, ein Problem eingetreten ist. »Ratgeber-Features«, die dauerhaft auf Abruf zur Verfügung stehen, wären da eine enorme Hilfe. Wenn »Ratgeber-Sendungen« über längere Zeiträume zur Verfügung stünden und dadurch vermutlich öfter abgefragt werden würden, würde sich nicht nur die Anzahl der Aufrufe und damit der Nutzen erhöhen; es würde sich auch der Aufwand der Herstellung hochwertiger Sendeprodukte umso mehr lohnen. Der ORF ist für uns - wie sicher auch für viele andere Non-Profit-Organisationen in Österreich - ein sehr wichtiger Partner. Die Zusammenarbeit zwischen dem Österreichischen Roten Kreuz und dem österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist seit vielen Jahren sehr fruchtbar und erfreulich. Wir wünschen uns eine Fortführung und hinsichtlich wachsender Herausforderungen auch durchaus einen weiteren Ausbau dieser hervorragenden Kooperation!

Der Autor
Gerald Schöpfer ist Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte in Graz und Präsident des ÖRK.



Public Value Bericht 2017/18