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© ORF/Petro Domenigg

Lust auf Kontrast

Public Value Bericht 2015/16: Dr. Heinrich Mis – Fernsehfilm im ORF


Jede Boulevardzeitung, mehr noch die Illustrierte, ist auf der täglichen Suche nach Seitensprüngen, Ehebrüchen und Treulosigkeiten – und konfrontiert eine wehrlose Öffentlichkeit mit Schlagzeilen über die jeweils neuen und manchmal nur vermuteten Liebhaber der Schauspielerin X und Details aus dem Beziehungsleben des Prinzen Y. Unscharfe Bilder, mit Teleobjektiven geschossen, suggerieren Sodom und Gomorrha auf den Motorjachten der Hollywood- und anderer Prominenz vor den Küsten von Monte Carlo und Marbella. Das Schlüpfrige und der süffisante Unterton sollen die Phantasie des Publikums und damit den Kaufanreiz beflügeln. Werte wie Treue und Bekenntnisse zu einer dem Partner oder der Partnerin gegenüber verantwortungsvollen Lebensführung werden nicht behandelt, spielen keine Rolle.
Die Serie »Vorstadtweiber« macht es sich zur Aufgabe, mit der Beleuchtung des zügellosen Strebens nach vordergründigem Genuss durch Konsum und Sex die Sinnentleerung heutigen Großstadtlebens an den wohlhabenden Peripherien zu beleuchten. Für die Angehörigen der Ellenbogen-Gesellschaft ist Sexualität ein Teil ihrer Freizeitbeschäftigungen, neben Tratsch, Konsum, Verachtung und Verächtlichmachung jener, die mit einer durch ethische Grundsätze geleiteten Lebensführung zur Festigung und zum Fortbestand der Gesellschaft beitragen.
Die Charaktere der Serie sind als einsame, nicht in sich selbst ruhende Personen dargestellt. Ihr Beziehungsleben ist von Lüge, Betrug und Kälte definiert. So ist auch ihre Sexualität dargestellt: als nach innen, in sich selbst gewandte Triebbefriedigung und nicht als Erfüllung gemeinsam erlebten Glücks. Das ist zweifellos eindrücklicher und eindringlicher als weichgezeichnete und romantisierende Liebesszenen, auch wenn bei genauerer Betrachtung die effektive Zeit, die der Darstellung sexueller Handlungen gewidmet wird, gering ist. Es beeindruckt jedoch, es macht betroffener, wenn kalter Erfüllungssex oder auch dessen Verweigerung die Handlung der Folgen ergänzen und abrunden.
Zweifellos wird das Publikum des Fernseh-Hauptabends dadurch gefordert. Es ist jenes Publikum, das in Fernsehkrimis zwar sehr gut mit den Abläufen eines kriminalpathologischen Instituts vertraut ist und sich nicht an phantasievoll erfundenen Kapitalverbrechen stößt. Die Herausforderung durch die Serie »Vorstadtweiber« besteht darin, sich mit leerem, kaltem, unsinnlich und hedonistisch konsumiertem Beziehungsleben auseinanderzusetzen.
Dadurch leistet die Serie einen Beitrag, die Allgegenwart von Sexualität als Konsumartikel zu hinterfragen. Zu hinterfragen deshalb, weil das Streben der Protagonistinnen und Protagonisten ja nicht zum Lebensglück führt, sondern, je nach Figur, in die mehr oder weniger große Katastrophe. Nicht nachahmenswert deshalb. Die Selbstverständlichkeit eines Sex-Shops an der nächsten Ecke, die Partner- und Seitensprung-Börsen, die schon eingangs genannten spekulativen Schlagzeilen der Yellow Press, das alles ist von Fernsehen bisher nicht thematisiert worden. Es lässt sich zumindest dieser Aspekt der Serie in der Erkenntnis zusammenfassen: Hinter den Mauern und Zäunen der Häuser der »besseren Gesellschaft«, also derer, die es sich per vor sich hergetragenem Augenschein leisten können, ist zwar das Streben nach Glück vorhanden, dessen Erfüllung aber scheitert an Gier, Egoismus und falsch verstandener Freizügigkeit.
Die beiläufige Thematisierung in einer unterhaltenden Hauptabendserie mit ironischem und gesellschaftskritischem Subtext stellt ein Novum dar, öffentlich-rechtlicher Anstalten durchaus würdig. »Vorstadtweiber« bieten ein Kontrastprogramm zu den beiden zumeist vorherrschenden Ausprägungen an Hauptabendunterhaltung. In Fernsehkrimis findet Sexualität letztendlich immer in Zusammenhang mit Gewaltverbrechen statt, in Romanzen und Schmonzetten wird sie unrealistisch und zeitfremd romantisiert. Die Darstellung von Zuneigung, Liebe und Sexualität ist darin zumeist blutleerer Ästhetizismus. Eine Reflexion wird dadurch nicht ausgelöst, im Gegenteil, eine verlogene und ausschließlich die Soziusfunktion des Fernsehens benutzende Technik angewandt. Sich selbst ernst nehmendes Fernsehen bricht mit diesen oberflächlichen Sichtweisen auf geschmackvolle Weise. Wollte man politisch korrekte Fernsehserien machen, müssten wir viele unserer Drehbücher einstampfen.
Wenn jetzt zum Beispiel ein Film oder eine Serie mit einem sprachliche korrekten, konfliktfreien Setting beginnt, und mit einem idealtypischen Menschenbild, was wäre dann? Ohne Fehler gibt es keinen Konflikt. Ohne Konflikt kein Film. Es muss sich etwas entwickeln, verändern, sonst gibt es ja keinen Erzählfluss – und das birgt eine Tücke. Geht man nämlich von einer idealen Welt aus, dann kann sich alles nur zum Schlechten wenden, zum Negativen, zum Bösen. Zum überkommenen Frauenbild.
Wir aber wollen dem Guten, Edlen und Richtigen zustreben. Die Welt verbessern. Sehen wir also die »Vorstadtweiber« als Teil dieser Aufgabe. Vom Fegefeuer zu den lichten Höhen einer besseren Gesellschaft. Das ist ein langer und mühsamer Weg, und noch ist ja das Ende der Serie lange nicht erreicht. Deshalb sind wir noch immer nicht in der idealen Welt angekommen. Dafür aber inmitten einiger Debatten: Darf man heutzutage noch »Weiber« sagen? Was ist das für ein Frauenbild? Von welcher Partei ist der schwule Minister? Wieso geht es hier nur um Sex? Haben die nix anderes im Kopf?
Ja, was haben die denn wirklich alle im Kopf? Das Streben nach Glück, nach Liebe, nach einem erfüllten Leben. Nicht alle von uns sind so fesch, nicht alle von uns sind so goschert, nicht alle von uns sind so patschert. Manche sind ein bisserl geschickter, manche weniger geschickt. Genau genommen wie wir alle. Männer und Frauen, ein bisserl »Vorstadtweiber« ist in allen von uns.

Der Autor
Heinrich Mis leitet die ORF-Hauptabteilung »Fernsehfilm« im ORF.



Public Value Bericht 2017/18