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© ORF/Hans Leitner

Einfach geil

Public Value Bericht 2015/16: Martin Rothmayer – ORF Unterhaltungsredaktion


Es muss so ungefähr im November 2006 gewesen sein. Produzent John Lüftner und ich am Naschmarkt, zwei Flaschen Weißwein intus – naja man plauscht halt über neue Projekte.

Und dann haben wir uns aufgemacht.
 
Es soll ein ganz neues Format sein, Willkommen Österreich soll es heißen und es »muss« ganz anders rüberkommen. Michi Ostrowski oder Stermann und Grissemann sollen moderieren. Nur so nebenbei – Stermann und Grissemann waren meine Favoriten. Easy going. Aber trotzdem alles hinterfragen, was das Fernsehen bis jetzt geleistet hat. Diskussionen, abwägen, was ist besser, vielleicht mit Bildteilern, Stand-up, reichen zwei Gäste? Es sollte in der alten Willkommen-Österreich-Deko spielen, aber die Zielgruppe sollte wesentlich jünger sein. Was soll die Sendung alles können? Frech soll sie sein, ein bisschen gemein, politisch unkorrekt und selbstironisch.

»Einfach geil« soll das neue Willkommen Österreich sein.

Die dritte Flasche Wein war geleert, David Schalko aus dem Nichts aufgetaucht und dann kam die entscheidende Frage: »Wos is – wüst Du net die Regie machen?«  Ich wollte sofort und bin nun seit 320 Sendungen der Regisseur von Willkommen Österreich. Was will man mehr, als bei der besten Sendung der Welt Regie zu führen. Ich mach es mittlerweile so gerne, dass ich mich manchmal wundere, dafür Geld zu bekommen.
Die ersten 15 Sendungen waren wirklich schräg. So schräg, dass die Quoten mehr als besorgniserregend waren. Nur ein paar Beispiele dazu:
Christoph Grissemann steckt den Kopf fünf Minuten nach Sendungsbeginn in eine Häckselmaschine. Den Rest der Sendung moderiert ein Kilo Faschiertes mit der Brille von Christoph. Bei der Sendung mit dem Motto »Dancing Farce« treten verschiedene Tanzgruppen (Schuachplattla, Schamanen, Esoteriker und andere) auf. Gewinner ist ein russisches Tanzpärchen, mit denen Dirk und Christoph ein fünfminütiges Interview führen, obwohl die einen weder Deutsch und die anderen kein Wort russisch sprechen. Aber auch die gewagte Frage von Christoph an einen Tiroler Schuhplattler, ob er beim Schlagen auf das Gesäß seines Partners homoerotische Gefühle entwickelt, war schon etwas schrill.
In einer Sendung mit dem Titel »die Angst vor dem falschen Ende« konnte das Publikum via Internet entscheiden, welcher der beiden Moderatoren am Schluss der Sendung live begraben werden sollte. In einer Prozession wurde schließlich der Verlierer Christoph auf einer Baustelle im zugenagelten Sarg unter schreiendem Protest beigesetzt.
Ab der 20. Sendung wurden wir ein bisschen »normaler«. Zehn bis 15 Minuten Stand-up von den Zweien und dann ein Studiogespräch mit zwei Gästen. Legendäre Zuspielungen wie Andi und Alex oder die Fischers waren nicht nur im TV, sondern auch auf YouTube die absoluten  Hingucker. Was zeichnet diese Sendung aus?  
Vor allem die Regie – die ist perfekt. Natürlich sind die Moderatoren, der Chefredakteur, die Kameraleute, die Mascheks und das restliche Team auch ganz gut.
Nein. Im Ernst: Wie machen wir eigentlich auf? Meiner Meinung nach machen wir in dreifacher Hinsicht auf. Zuerst einmal machen wir Politiker und prominente Gäste, auch manchmal den ORF auf. Aufmachen heißt in diesem Sinne entblößen, entblättern und manchmal etwas zeigen, so wie es »wirklich« ist. Einfach Satire im klassischen Sinne.
Die zweite Art des Aufmachens besteht im »sich auf den Weg machen.«  Die grundsätzliche Frage: Wohin wird sich dieses Format entwickeln, wie wichtig ist es, einen satirischen Gradmesser zu haben, der den Menschen vor dem TV-Gerät auf eine ironische Weise zeigt, wie die Gesellschaft tickt. Das dritte Aufmachen ist das Öffnen unserer Türen fürs Publikum – und zwar kostenlos. Seit der ersten Sendung verlosen wir via Internet Freikarten für Jedermann. Wir suchen seit Anfang an die Nähe zu unserem Publikum und nur so kann man wirklich evaluieren, ob man »richtig« liegt. Neun Jahre lang stabile Quoten, lustvolles Arbeiten, ein geniales Team, zwei begnadete Moderatoren und ich  mittendrin. Mein Wunsch: noch einmal 320 Sendungen. Mindestens.

Der Autor
Martin Rothmayer führt Regie bei »Willkommen Österreich« und arbeitet in der Redaktion »Familie, Unterhaltung« im ORF-Fernsehen.





Public Value Bericht 2017/18