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© ORF/Günther Pichlkostner

Bildung und Forschung im Umbruch

Public Value Bericht 2015/16: Dr. Hannes Androsch, Vizekanzler a. D. – Bildungsinitiative f. d. Zukunft





Doch wodurch sich ein »gebildeter« Mensch auszeichnet, unterliegt sowohl einem historischen Wandel als auch der unterschiedlichen Bewertung der verschiedenen sozialen Milieus. Christiane Spiel, Bildungsforscherin an der Universität Wien, dazu: »Die historisch am meisten wahrgenommenen Schwankungen liegen zwischen dem humanistischen (ganzheitlichen) Bildungsideal und einem Verständnis, das sich an gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Anforderungen orientiert. Zweifellos geht es jedoch nicht um ein »Entweder-oder«, sondern um ein »Sowohl-als-auch«. Denn Bildung ist nicht nur ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, sondern vor allem auch zentraler Aspekt von Lebensqualität: Mit steigender Bildung erhöht sich nicht nur die Arbeitsmarktbeteiligung und wirtschaftliche Produktivität, sondern auch die durchschnittliche Lebenserwartung und das Gesundheitsniveau. Und sie ist unabdingbar für die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung und Sinnfindung.

Der Umstand, dass in weiten Teilen der Welt Bildung nicht mehr wie noch vor nicht allzu langer Zeit nur einer kleinen Elite zur Verfügung steht, sondern weiten Teilen der Gesellschaft, bedeutet unter anderem, dass nun nicht mehr allein die Quantität, sondern zunehmend die Qualität der Bildung in den Vordergrund rückt. Je besser es einem Bildungssystem gelingt, die Begabungen und Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen zur Entfaltung zu bringen und im Laufe des Lebens weiterzuentwickeln, umso größer ist sowohl der individuelle Nutzen für jeden Einzelnen als auch der gesamtgesellschaftliche Gewinn.

Doch wie haben sich Bildung, Wissenschaft und Forschung im Zeitalter des Internet und digitaler Technologien verändert - wie werden sie sich weiter verändern? Sie waren und sind vom technologischen Wandel stets in besonderer Weise betroffen, man denke nur an die Erfindung des Buchdrucks, welche den breiten Massen den Zugang zu Bildung erst ermöglichte. Ähnlich hat das Internet zu einer exponentiellen Zunahme verfügbarer Informationen geführt: Noch nie war es für so viele so einfach, sich so gut zu informieren über nahezu jedes Thema. Die vielzitierte Datenflut wird zudem in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht ab-, sondern eher noch zunehmen, und auch bei den Distributionswegen für Medieninhalte dürfen wir noch zusätzliche Angebote erwarten. Gleichzeitig aber wird es immer schwieriger, zwischen seriösen und nicht-seriösen oder sogar dubiosen Quellen zu unterscheiden, bzw. die Qualität der angebotenen Informationen zu überprüfen. »Wir mögen ›Informationsriesen‹ sein, aber wir laufen Gefahr, zu ›Wissenszwergen‹ zu verkommen«, schrieb der Kulturhistoriker Peter Burke in dem Werk »Die Explosion des Wissens«. Die Flut an Daten und Informationen bedeutet nicht zwangsläufig schon eine Mehr an Wissen, oftmals erschwert sie dieses sogar. »Moderne Technologien«, so Hans Weiler, ehemals Direktor des Instituts für Bildungsplanung der UNESCO und bildungspolitischer Berater der Weltbank, »machen Informationen unbegrenzt und überall verfügbar - allerdings weitgehend beliebig, ungeordnet und unbewertet. Damit aus solch grenzenloser Information sinnvolles Wissen werden kann, bedarf es der Vermittlung analytischer, kritischer und normativer Fähigkeiten, die in der zeitgenössischen Bildungslandschaft jedoch eine eher marginale Rolle spielen.« Die Enquete-Kommission des deutschen Bundestages zum Thema »Internet und digitale Gesellschaft« diagnostizierte daher, dass die »Vermittlung von Informationskompetenz (…) Lehrende und Lernende in Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen angesichts des ›Information Overflow‹ und der notwendigen Kenntnis der entsprechenden Werkzeuge, die benötigt werden, um relevante und zuverlässige Informationen filtern zu können, vor große Herausforderungen (stellt)«.

Vor allem aber gilt es, eine digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Der Zugang zum Internet und der kompetente Umgang damit haben bereits heute einen erheblichen Einfluss auf die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen und dürfen daher nicht von sozialen Faktoren abhängig sein. Eine bessere Ausstattung von Kindergärten und Schulen, die stärkere Integration der Vermittlung notwendiger Kompetenzen im Umgang mit dem Internet in die Lehrpläne (Stichwort »Medienkompetenz«) und die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte sind deshalb als wichtigste noch umzusetzende Maßnahmen zu nennen. Am stärksten jedoch hat sich die Digitalisierung bisher in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und universitäre Lehre niedergeschlagen. Das Spektrum reicht dabei von neuen Möglichkeiten der Wissensvermittlung durch E-Learning-Angebote bis zu Veränderungen beim wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn aufgrund der automatisierten Handhabung großer Datenmengen und der neuen Möglichkeiten der Visualisierung wissenschaftlicher Sachverhalte. Und wenngleich es verfrüht wäre, das Ende des gedruckten Buches auszurufen, so bleibt gerade auch im wissenschaftlichen Publikationswesen derzeit kein Stein auf dem anderen. Open Access und Open Data, also der freie, d. h. unentgeltliche sowie technisch und rechtlich unbeschränkte Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsdaten, berühren Fragen des Urheberrechts ebenso wie das Schicksal kleiner Verlage.

Ein Ende dieser Entwicklungen ist nicht abzusehen, im Gegenteil. Umso wichtiger ist daher die Reflexion darüber, wie wir die neuen Möglichkeiten kompetent nutzen, wie wir sicherstellen können, dass alle davon profitieren, wie wir die Festlegung der neuen Spielregeln im Netz nicht allein den Internet-Giganten Google, Apple und Facebook überlassen, und schließlich wie wir den richtigen Weg zwischen Technik-Euphorie und Technik-Phobie finden können. Auch hier kann uns nur ein Mehr an Bildung helfen!

Jenseits der Frage, wie wir mit den aktuellen und künftigen technischen Innovationen umgehen, bleibt die Frage, welche Aufgaben den öffentlich-rechtlichen Medien zukommen in einer Zeit, wo Information jederzeit für jedermann (und jede Frau) zur Verfügung steht. Denn die Fähigkeit, nützliche / seriöse Informationen von der Masse der unnützen Information zu trennen, ist nicht nur Ergebnis entsprechender Bildung, sondern, wie Dieter Segert in TEXTE 1 schrieb, »hat auch gesellschaftliche Voraussetzungen. Eine der wichtigsten sind qualitativ hochwertige Massenmedien, die in der Lage sind, jene Flut von Informationen aufzubereiten und uns vertrauenswürdige Informationen zur Verfügung zu stellen.« Nun sind auch Massenmedien nicht vor Manipulationsversuchen durch mächtige politische und/oder wirtschaftliche Interessenvertreter sicher; die besten Voraussetzungen hierfür haben dabei jedoch die öffentlich-rechtlichen Medien, wenngleich auch sie durch eine aktive Bürgerschaft aufmerksam verfolgt werden müssen. Insgesamt gehören nach Blömeke die öffentlich-rechtlichen Medien zur Sphäre des sog. »Public Value«, also zu jenen Gütern, »deren monetärer Wert schwer zu quantifizieren ist, wenngleich ihr Vorhandensein das Leben des Bürgers erst lebenswert macht.« Damit sind sie im Übrigen nicht nur prädestiniert für die Aufbereitung von Informationen, sondern auch und gerade als Speerspitze im Bereich Bildung - eine Tatsache, die sich schon bisher im sog. »Bildungsauftrag« der öffentlich-rechtlichen Medien niedergeschlagen hat, im Zeitalter des Internets jedoch an Bedeutung gewonnen hat, wobei zu den Bildungsaufgaben neben der Wissens-und Kulturvermittlung auch die politische Bildung, also das Verständnis für soziale, kulturelle und geschichtliche Zusammenhänge, sowie die Vermittlung von demokratiepolitisch wichtigen Werten gehören. Letztlich gewinnen die durch Gebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Medien ihre Legitimität gerade aus diesem »Grundversorgungsauftrag«, und müssen daher auch offen bleiben für die verschiedenen Ansprüche, die aus der Gesellschaft an sie herangetragen werden.

Gerade in Zeiten, in denen ihnen viele Bürger/innen mit wachsender Skepsis gegenüberstehen (Stichwort: »Lügenpresse«) und soziale Netzwerke oftmals zur ersten Wahl bei der Nachrichtenversorgung werden, gilt es für öffentlich-rechtliche Medien umso dringlicher, seriöse Information und Angebote zur Bildung zu bieten gegenüber den Meinungs- und Kolportage-Erzeugnissen oft dubioser Herkunft im Netz. Die mit dem digitalen Wandel und dem Internet verbundenen Veränderungen im Informationsverhalten der Bürger/innen bedeuten für die öffentlich-rechtlichen Medien die Notwendigkeit, wenn sich schon nicht neu zu erfinden, so doch wesentliche Neuausrichtungen vorzunehmen. »Wandeln oder weichen« war entsprechend das Thema des diesjährigen deutschen Medienkongresses, bei dem »Zukunftsstrategien in der disruptiven Medienwelt« zur Diskussion standen.

Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien die Berechtigung haben müssen, überall dort sein dürfen, wo sie ihr Publikum erreichen, und entsprechend ihre Kommunikationsangebote verändern bzw. erweitern können. Hierzu gehören die Erschließung anderer bzw. zusätzlicher Vermittlungskanäle, zum Beispiel Online-Formate, Apps und Podcasts, ebenso wie neue Kooperationen, etwa mit sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Snapchat.

Wie immer sich die Kommunikationstechnologien in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch entwickeln werden, die gemeinwohlorientierte Qualität der Medien wird auch (künftig) ein meritorisches Gut sein, wie Mitschka/Unterberger in »Österreich 2050. FIT für die Zukunft« (Holzhausen Verlag) schrieben, »sich also nicht automatisch durch Marktprinzipien ergeben. Daher werden konsensuale, öffentlich-rechtliche Aufträge, die überprüfbar gesellschaftliche Funktionen und Wirkungen sicherstellen können, auch in der digitalen Zukunft von Bedeutung sein. Wie immer die nächsten Jahre die öffentlich-rechtlichen Medien als Institutionen der Medienkultur der europäischen Staaten organisatorisch und strukturell verändern werden, die Tatsache, dass sie Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit, Kontrollmöglichkeit und nicht zuletzt Partizipation für die Gesellschaft bieten, wird eine demokratiepolitische Qualität bleiben, die öffentlich-rechtliche von kommerziellen Medien unterscheiden wird.«


Der Autor
Hannes Androsch ist Aufsichtsratsvorsitzender des Austrian Institute of Technology, Vorsitzender des Rates für Forschung und Technologieentwicklung, Aufsichtsratsvorsitzender bei bwin, Präsident des Vereines »Bildungsinitiative für die Zukunft« sowie Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich.






Public Value Bericht 2017/18