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© ORF/Günter Gröbl

Expedition ins Naheliegende

Public Value Bericht 2015/16: Tom Matzek – ORF-TV-Wissenschaftsredaktion


Das wahre Abenteuer ist oft näher als man denkt. Dazu braucht es keine Zeitreise ins Reich der Pharaonen oder zu den Stämmen der Seidenstraße. Auch die History-Unternehmung vor der Haustür hat es in sich. Statt dem Fernrohr sorgt die Lupe für den Perspektivenwechsel, der die Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert als ein ebenso unendliches wie spannendes Universum eröffnet. Zeitgeschichte ist die Geschichte von uns allen. Von unseren Eltern, unseren Großeltern, unseren Urgroßeltern – ein unerschöpflicher Fundus von persönlichen Erlebnissen und individuellen Interpretationen. Jede Generation entwickelt ihre eigene Sichtweise. Auch in der Wissenschaft verändert sich der Blick auf historische Ereignisse ständig, durch neue Dokumente, durch Zeitzeugen, die ihre Lebensbeichte ablegen, durch neues Foto- oder Filmmaterial, aber auch durch die veränderte Sichtweise junger Forschergenerationen.

Der Perspektivenwechsel ist ein Prinzip der neunteiligen Reihe »Unser Österreich« – eine völlig neue Annäherung an die Vergangenheit, mit der der ORF ein neues Kapitel in seiner reichhaltigen Doku-Tradition aufschlägt. In Kurzform: »Unser Österreich« ist Personalisierte Regionalgeschichte. Thema dieses Universum-History-Projekts ist die Geschichte der Bundesländer von ihrer Entstehung nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart im Europa der Regionen.

Mit dem Ende der Habsburgermonarchie und der neuen Friedensordnung wurde aus einer Großmacht Europas ein Kleinstaat. Österreich musste als Nachfolgestaat der Monarchie, die den Krieg begonnen und dann auch verloren hatte, rundum Gebietsverluste hinnehmen. Die Grenzziehungen verliefen mitten durch uralte Siedlungs- und Wirtschaftsräume – teilten ehemalige Kronländer wie Tirol, Steiermark oder Kärnten.

Im Mittelpunkt der Reihe steht eine reale Familiensaga – die Erlebnisse einer Familie an den Wendepunkten der Geschichte ihrer Heimat im 20. Jahrhundert und die unterschiedlichen Wahrnehmungen dieser Erlebnisse durch die verschiedenen Generationen. Geschichte nicht top down erzählt, sondern von unten.

In der ersten Folge der Serie »Tirol – Geteilte Heimat« wird die Geschichte der Region zwischen Kufstein und Gardasee am Beispiel von Familie Molling aus Innsbruck, mit Wurzeln in Südtirol, erzählt: Der Urgroßvater Alois war als ehemaliger Offizier der k. u. k. Armee Mitglied der österreichisch-italienischen Grenzziehungskommission in den 1920er Jahren und engagierte sich bei der Heimwehr gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Die Großmutter Herlinde Molling – und ihr Mann Klaudius – unterstützte seit den späten 1950er Jahren den »Befreiungsausschuss Südtirol« bei Sprengstoffanschlägen. Sie schmuggelte Sprengstoff über die Brennergrenze – schwanger mit ihrer Tochter Dominika. Diese, mittlerweile selbst Mütter von zwei Söhnen, hadert bis heute mit den Aktivitäten der Eltern. Für sie und ihre Schwester wurde die permanente Sorge, ob die Mutter von ihren Schmuggeltouren zurückkommen würde, zum Trauma.

Für die junge Generation der heute 20-jährigen, die in einem Europa ohne Grenzbalken aufgewachsen ist, stellt sich die Frage, ob hinter dem Brenner ein anderer Staat beginnt, gar nicht. Sich frei zu bewegen und seine Meinung frei zu sagen, ist in ihrer Welt selbstverständlich.

Die Geschichte der Mollings wird als dokumentarische Spurensuche erzählt: Domenika Nordholm geht der Frage nach, warum ihre Mutter ihr eigenes Leben und das eines ungeborenen Kindes wegen einer Länderteilung riskierte. Eine menschliche Bilanz von Ereignissen, die Schlagzeilen machten.

Diese sehr persönliche Geschichte wird ergänzt durch Spielszenen, die die Protagoninnen und Protagonisten in den 1920er Jahren – Alois Molling – und in den 1960er Jahren – Herlinde und Klaudius Molling – bei ihren Aktivitäten zeigen. Ein Abenteuer: Denn anders als bei der Geschichte der Pharaonen, Maria Theresia oder Napoleon, wo wir nur vage Anhaltspunkte über deren Aussehen haben, ist fast jeder damit vertraut, wie sich Menschen in Österreich im 20. Jahrhunderts gekleidet haben, welche Haarschnitte en vogue waren, wie Straßen ausgesehen haben oder wer welche Autos gefahren hat. »Unser Österreich« – ist wie ein Puzzle, zu dem wir alle ein Stück beitragen können.

Ergänzend zu den neun TV-Dokumentationen wollen wir auf einer multimedialen Plattform ein facettenreiches, widersprüchliches, lebendiges Bild unseres Landes entstehen lassen – mit der Einladung an unser Publikum, ihre eigenen Geschichten einzubringen – ob durch Erzählungen, Berichte, Videos oder Fotoalben.

Basislager für diese Neuvermessung der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist eine Online-Karte mit den markanten Orten für die Geschichte unseres Landes. Wer hier einen bestimmten Ort anklickt, soll bis zum Republiksjubiläum 2018 ein umfangreiches Bildungsangebot bekommen, von Familienchroniken bis zu Amateurfilmen von historischen Ereignissen, von Schülerprojekten bis zu Fachbeiträgen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

»Unser Österreich« – eine Expedition, an der jeder teilnehmen kann. Das Abenteuer vor der Haustür kann beginnen.

Der Autor
Tom Matzek ist stellvertretender Sendungsverantwortlicher von Universum History im »Bildung, Wissenschaft und Zeitgeschehen« im ORF.





Public Value Bericht 2017/18