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© ORF/Thomas Ramsdorfer

Aufmachen #jetzt

Public Value Bericht 2015/16: Mag.a Angelika Simma – Caritas Österreich


Im Herbst war's leicht, das Aufmachen: Die Häuser für Familien, die im Regen zu Fuß über die Grenze nach Österreich kommen, das Herz für den ertrunkenen Buben Alan am Strand von Bodrum, für 71 erstickte Flüchtlinge in einem Kühllaster an der A4. Österreich war hilfsbereit und zur Stelle mit allem, was gebraucht wurde. Kinderwagen, Schuhe, Wasser. Alleine bei der Caritas haben sich 14.000 Menschen gemeldet, die in der Flüchtlingshilfe mit anpacken wollten und das auch bis heute tun. Bis heute. Inmitten der lauten Diskussionen über Köln, »Türln mit Seitenteilen dran«, nach rassistischen Baderegeln und Obergrenzen aka Richtwerten ist das Aufmachen von Haus und Herz nämlich schwieriger geworden. Es fordert ein sehr gefestigtes Vertrauen in eine positive gemeinsame Zukunft in diesem Land und auch Vertrauen in unsere Identität, die weniger leicht verloren gehen kann, als einige uns glauben machen wollen. Es fordert ein Hinhören auch auf die leisen Töne der Diskussion.

Ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk stärkt unser Selbstvertrauen durch die Diversität seiner Berichterstattung und fiktionalen Programme und die Vielfalt der Kanäle, auf denen er Österreich erreicht. Wirklich Österreich nämlich. Jene großartigen Tausenden, die zu uns Hilfsorganisationen kommen, um uns beim Helfen zu helfen, das sind schon die, die sich fürs Aufmachen von Haus und Herz entschieden haben. Ein starker »vierter Sektor«, die solidarische Zivilgesellschaft. Wirklich Österreich sind aber auch jene, die ihre Facebook-Postings mit einer Zierzeile aus Handgranaten-Emojis versehen und umso lauter Schreien, je weniger sie gehört werden. Für die Integration und den sozialen Frieden brauchen wir beide. Doppelte Integration ist die Aufgabe für 2016. Die Integration derer, die da schon gekommen sind und noch kommen werden, und derer, die vor ihnen Angst haben. Ohne immer wieder neu aufzumachen, gelingt diese Integration nicht. Ein negatives Erlebnis und die vorschnelle Erkenntnis »das habe ich immer schon gewusst« lassen die Türe ins Schoss krachen. Bitte keine weiteren Argumente mehr. Daher ist das #jetzt aufmachen so wichtig. Nicht später, wenn sich Frust und Vorurteile bei denen, die Angst haben, weiter verfestigt haben.

Ausgewogenes Wissen über die Faktenlage ist die Basis für einen fundierten Diskurs und dafür, offen zu bleiben. Damit wird der Kopf angesprochen. Es braucht aber auch den Bauch und das Herz - und das wird leichter über Erfahrungen angesprochen. Entweder aus erster Hand, beim Helfen, oder medial vermittelt in Form von Best-Practice-Beispielen. Jeder Beitrag über eine gelungene Vermittlung von Wohnraum lässt bei uns Hilfsorganisationen die Telefone klingeln mit neuen Wohnungsangeboten. Die ORF-Initiative »HELFEN. WIE WIR« ist die Plattform, die zwischen Angebot und Bedarf vermittelt und die Hilfsbereitschaft Österreichs einmal mehr deutlich sichtbar und erlebbar macht.

Die Herausforderung für uns alle bleibt also, immer wieder Aufzumachen, ganz besonders #jetzt, wenn der Ton rauer wird. Mund, Ohren, Haus, Herz. Mit einem guten Grundvertrauen in unsere Zukunft. Für den ORF wünsche ich mir, dass er seine Strukturen weiterhin aufmachen kann für die Menschen, die zu uns gekommen sind. Aufmachen - und damit auf den Weg machen in die gemeinsame Zukunft. Dafür brauchen wir den ORF als starkes und unabhängiges Leitmedium!

Die Autorin
Angelika Simma ist Kommunikationschefin der Caritas Österreich.



Public Value Bericht 2017/18