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© ORF/Hans Leitner

Die Enzyklopädie-Strategie

Public Value Bericht 2015/16: Dr. Günther Ogris – SORA Institute for Social Research and Analysis


Der tägliche Aufmacher für die Nachrichten ist eine täglich aktuell angewandte Kunst im Kampf um die Reichweiten des ORF, er reicht aber nicht aus, um den ORF langfristig strategisch zu positionieren. Im Bereich Information und Unterhaltung haben die Menschen ihre täglichen Gewohnheiten, beeinflusst durch Digitalisierung und Globalisierung, stark verändert. Vor allem jüngere Menschen sind ständig online, vier von zehn Österreicherinnen und Österreichern informieren sich regelmäßig über alle Arten von Medien: Fernsehen, Radio, Printmedien und Online.

Der ORF hat mit »ORF.at« die reichweitenstärkste Dachseite im Internet in Österreich (mehr als 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung pro Monat) und erreicht damit vor allem auch jüngere Menschen - die er mit seinem Fernseh-Hauptabendprogramm unterdurchschnittlich erreicht. Das ist eine günstige Ausgangsposition, um sich mit einer guten Strategie in die Zukunft aufmachen.

Da der ORF einen öffentlich-rechtlichen Auftrag hat, geht es nicht nur um Reichweiten, sondern auch um eine Verantwortung für die Zukunft der demokratischen Gesellschaft. Nur noch eine Minderheit glaubt, dass unser Wirtschaftssystem unseren Kindern ein ausreichendes Einkommen oder auch eine ausreichende Pension gewährleistet. Ursache ist, dass die untere Hälfte der Einkommensbezieher/innen seit fast 20 Jahren Reallohnverluste hat und das Wirtschaftswachstum vor allem im obersten Fünftel der Einkommensbezieher/innen und im obersten Prozent der Vermögenden ankommt.

Die Gesellschaftskritik gegen Konzerne, Banken und Institutionen der Demokratie nimmt zu, Politiker/innen, Journalistinnen und Journalisten verlieren an Vertrauen. Autoritäre und nationalistische Tendenzen werden stärker - fast drei Zehntel der Bevölkerung wünschen sich einen »starken Mann, der sich nicht um die Diskussionen im Parlament kümmern muss«. Mit betroffen von dieser gesellschaftskritischen Entwicklung sind die Medien. Die Medien sind von der generellen Kritik der Schönfärberei betroffen, und die Rechtsextremen sind mit dem Kampfbegriff »Lügenpresse« in den sozialen Medien derzeit besonders aktiv.

Der ORF hat mit seinen Informationssendungen eines der glaubwürdigsten Informationsangebote in Österreich. Die Strategien des ORF im Onlinebereich können auf diese Position des ORF aufbauen und weiter ausbauen. Hier einige Ideen, wie sich der ORF gemeinsam mit anderen auf den Weg in eine bessere Demokratie machen kann:

Die Enzyklopädie-Strategie: Der ORF kann in seinen Online-Angeboten aktuelle Informationen stärker mit lexikalischem Wissen (Begriffserklärungen) verbinden und so seine Texte verständlich machen. In der Flüchtlingsdebatte können zu Begriffen wie Flucht, Asylwerber/in, subsidiär schutzberechtigt, Genfer Konvention etc. relevante Zusatzinformationen leicht zugänglich gemacht werden, damit Nutzer/innen Informationen besser einordnen können.

Die Kooperation mit der Wissenschaft: Im Gegensatz zu Politik und Journalismus haben Wissenschaftler/innen eine immer noch hohe Glaubwürdigkeit. Für sehr viele aktuelle politische Debatten und geplante Maßnahmen sind »Good-Practice-Studien«, internationale Vergleiche, ökologische oder soziale Folgenabschätzungen zu finden - und könnten in für Nutzerinnen und Nutzer verständlicher Form gesendet werden. Die aktuellen Informationen könnten gezielt in Kooperation mit Forschungsinstituten und Universitäten mit den Angeboten auf »science. ORF.at« verbunden werden. So könnten aktuelle Nachrichten mit einem wissenschaftlichen Informationsangebot verknüpft werden.

Die Medienkompetenz-Strategie: Das Online-Angebot des ORF könnte auch für den Medienunterricht im Schulsystem aufbereitet werden, damit die Jugend Österreichs lernt, Informationen zu recherchieren, zu überprüfen und zwischen redaktionell oder gar wissenschaftlich geprüften Informationen und den oft zweifelhaften Informationen in sozialen Medien zu unterscheiden.

Das wären nur drei Möglichkeiten für erste Schritte im Sich-Aufmachen in die Zukunft. Der Gesetzgeber wird für die entsprechende Rahmung - und die ORF-Verantwortlichen und -Mitarbeiter/innen für die passende Füllung sorgen müssen.

Der Autor
Günther Ogris ist Geschäftsführer von SORA sowie Vorsitzender des Universitätsrates der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.






Public Value Bericht 2017/18