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© ORF/Dietmar Mathis

Öffnet die Opern!

Public Value Bericht 2015/16: Mag.a Madlene Feyrer – ORF-TV-Kulturredaktion


Die Oper als unbestrittenes Faszinosum ist seit jeher fixer Bestandteil der kulturellen Identität im westlichen Raum. Gekonnt vereinigt sie unterschiedliche Kunstformen wie Dichtung, Musik und szenische Darstellung. Als reines Produkt der Hochkultur blieb sie jedoch über Jahrzehnte hinweg einer breiteren Publikumsschicht vorenthalten. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gelang es mit Hilfe der modernen Medientechnologien, die prunkvollen Opernhäuser zu öffnen und einem Millionenpublikum zugänglich zu machen.

Die Entwicklung des Fernsehens geht Hand in Hand mit einer Orientierung und Adaptierung bereits existenter theatralischer Darstellungsformen wie etwa dem Theater oder der Oper. Live-Übertragungen nehmen daher seit Anbeginn einen wichtigen Stellenwert auch im Österreichischen Rundfunk ein. So gilt die Übertragung der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper mit »Fidelio« von Ludwig van Beethoven unter der musikalischen Leitung des charismatischen Karl Böhm noch heute als Meilenstein. Mit der Initialisierung von Opernübertragungen kam es zu einer »Aufmachung«, einer Demokratisierung. Das einstige Produkt der Hochkultur wurde für die gesamte österreichische Bevölkerung erschlossen.

Die unterschiedlichen ästhetischen Codes von Oper und Fernsehen erschweren eine gekonnte Übertragung. Während die Vorstellung einer Oper im Opernhaus von der Unmittelbarkeit der Darbietung lebt, ist die Fernsehübertragung von der Gleichzeitigkeit der Produktion und Rezeption geprägt. Geht der Orchestergraben hier zwar meist verloren und verliert das Fernsehbild an weiterer Tiefe, wird mit Hilfe von Kameraeinstellungen und Bildschnitten eine Intimität geschaffen, welche im Zuschauerraum niemals erreicht werden kann. Im Bewusstsein der unterschiedlichen ästhetischen Codes sowie der Weiterentwicklung der technischen Gegebenheiten, wie etwa Dolby E oder HD wurde die Übertragung von Opern im Fernsehen zu einer eigenen Kunstform erhoben. Während man in den ersten Jahren des Fernsehens versuchte, eine eigene Bildsprache wie Ästhetik zu entwickeln, stehen wir heute vor völlig neuen Herausforderungen.

Die Kommerzialisierung des Marktes sowie die Einführung des dualen Rundfunksystems mit Mitte der 1980er Jahre erschwert die Realisierung anspruchsvollen Programms. Aber auch der Kulturbegriff ist im stetigen Wandel. Kultur wird nicht mehr als reine Hochkultur verstanden, sondern als Eventkultur. Kulturelle Ereignisse stehen daher immer stärker in Konkurrenz mit weiteren Freizeitangeboten. Die heutige Erlebnisgesellschaft lässt eine Tendenz hin zum Außergewöhnlichen, Nicht-Alltäglichen erkennen. Das Event als singuläres, nicht wiederholbares, zeitlich begrenztes Erlebnis erfreut sich dabei größter Beliebtheit. Unbekanntes muss dargeboten werden, Neues muss entdeckt werden können, eine Interaktion forciert werden und eine Identifikation ermöglicht werden. Die Übertragung von Opern steht daher vor völlig neuen Aufgaben. Wie kann die Präsentation des Nicht-Massenmediums »Oper« im Massenmedium »Fernsehen« heute an Attraktivität gewinnen? Wie ist es möglich, auch das Interesse der jüngeren Generation für die Oper zu wecken?

Die Grenzen zwischen dem Bildungsauftrag und der Unterhaltung scheinen immer stärker zu verschwimmen. Opernübertragungen müssen als Event inszeniert werden, um eine möglichst breite Publikumsschicht anzusprechen und hohe Einschaltquoten zu garantieren.

Die Vereinigung von Event und Bildungsauftrag war auch Voraussetzung für das multimediale Großprojekt »Turandot – Behind the scene«. In einem länderübergreifenden Medienspektakel übertrugen die drei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ORF, SRF und SWR 2015 die Neuinszenierung der Turandot in der Regie von Marco Arturo Marelli live von den Bregenzer Festspielen. Während der gemeinschaftliche Kultursender 3sat die vollständige Oper on stage zeigte, verließen ORF, SRF und SWR immer wieder das Bühnengeschehen, um Orte aufzuspüren, die dem Publikum ansonsten verborgen bleiben. Die Menschen hinter der Bühne, ohne welche eine Opernvorstellung nicht möglich wäre, wurden bei ihrer Arbeit aufgesucht und interviewt. Garderoben der Solisten, der Aufenthaltsraum der Akrobaten, die Tonregie oder die Wetterküche aufgesucht. Allesamt Schauplätze, welche dem/der Opernbesucher/in verschlossen bleiben. Es entstand somit ein Mehrwert an Intimität und Einmaligkeit für das Fernsehen. Ungewöhnliche Bestandteile einer Opernaufführung bei den Bregenzer Festspielen wie etwa der »Führerstand« oder das Orchester vor »Geisterpublikum« wurden den Zuseherinnen und Zusehern mit Hilfe von insgesamt drei Moderatoren erklärt und gezeigt. Diese exemplarische Zusammenarbeit der Fernsehanstalten konnte somit nicht nur den Erwartungen des klassischen Opernpublikums gerecht werden, sondern die Oper auch einem völlig neuen Publikum zugänglich machen.

Aus Werkstatt und Kunstwerk wurde ein multimediales Event geschaffen, welches bewusst versuchte, auch die jüngere Generation dazu einzuladen, sich dem Faszinosum Oper hinzugeben. Oper handelt stets von großen Emotionen, und auch wenn der dramaturgische Inhalt oft aus Märchen, alten Geschichten und Erzählungen stammt, sind die Emotionen der Oper zutiefst menschlich, greifbar und nicht fern vom Alltag, vom Leben im Hier und Jetzt. »Turandot – Behind the scene« ermöglichte nicht nur außergewöhnliche Blicke hinter die Kulissen, sondern zugleich eine Aufmachung des Opus magnum »Oper«.

Trotz des großen Erfolgs des Projekts sind noch lange nicht alle Fragen nach der optimalen Übertragung von Opern geklärt. Es bleibt weiterhin spannend, welche neuen Möglichkeiten für die Umsetzung gefunden werden können, um stets Neues anzubieten, und welchen Herausforderungen wir uns künftig für unser Publikum stellen werden.

Die Autorin
Madlene Feyrer ist Redakteurin in der ORF-TV-Kulturredaktion.







Public Value Bericht 2017/18