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© ORF/Madlene Feyrer

Neunmal besungen

Public Value Bericht 2015/16: Sharon Nuni – ORF-TV-Kulturredaktion


Klassischer Liedgesang ist eine große Kunst für eine kleine Schar von Musikfreunden. Höchste Zeit, den Kreis zu erweitern. Wie könnte man junge Menschen dafür gewinnen? Wie lässt sich die Faszination gesungener Poesie vermitteln? Am besten wohl, indem man es die jungen Menschen selber versuchen lässt. Indem ihnen andere junge Menschen dabei zuschauen und daraus spannende, berührende oder witzige, jedenfalls überraschende Bildergeschichten machen – filmische Miniaturen, Videoclips der anderen Art.

Diese Idee war die Initialzündung für das Projekt »Songbook«, das die Fernsehkulturredaktion 2015 gemeinsam mit der Filmakademie, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und der Konservatorium Wien Privatuniversität gestartet hat.

Unterstützt von prominenten Mentoren wie Oscar-Preisträger Michael Haneke (»Ich bin ein großer Lied-Fan und freue mich über dieses Projekt. Da die klassische Musik im öffentlichen Bewusstsein immer weiter wegrückt, was viele Gründe hat, ist so ein Projekt eine wunderbare Sache.«) und Ildikó Raimondi haben junge Sänger/innen und Filmemacher/innen ein innovatives audiovisuelles Konzept entwickelt. Ziel war es, Lieder aus der klassischen Literatur neu einzuspielen und zu verfilmen, moderne Videoclips entstehen zu lassen, die sowohl im Fernsehen als auch online präsentiert werden und in weiterer Folge als Unterrichtsmittel dienen können.

Regisseur Florian Gebauer hat das spannendes Making-of für den »Kulturmontag« dokumentiert. Er begleitete die Sänger/innen zum Casting, war bei den Aufnahmen im Tonstudio dabei und filmte die Dreharbeiten zu den Videoclips. »Der Kulturmontag« stellte die neun »Songbook«-Clips auch wöchentlich vor. Den Auftakt am 2. November machten Michael Podogils filmische Adaption von Schumanns »Der arme Peter« (Gesang: Daniel Foki, Bariton) und die Interpretation von Schuberts »Wer nie sein Brot mit Tränen aß« von Henri Steinmetz (Gesang: Dymfna Meijts, Mezzosopran). Die weiteren Videoclips, die so vielseitig sind wie das klassische Liedgut selbst, sind Interpretationen von »Gute Nacht« aus Schuberts »Winterreise« (Regie: Henning Backhaus; Gesang: Kristján Jóhannesson, Bariton), Brahms’ »Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh« (Regie: Peter Brunner; Gesang: Christina Maria Fercher, Sopran), Mozarts »Abendempfindung an Laura« (Regie: Tobias Dörr; Gesang: Anna-Katharina Tonauer, Mezzosopran), Haydns »Lob der Faulheit« (Regie: Patrick Vollrath und Anna Hawliczek; Gesang: Christoph Filler, Bariton) sowie drei weitere Schubert-Lieder: »Der Erlkönig« (Regie: Stefan Polasek; Gesang: Matthias Hoffmann, Bariton), »Heidenröslein« (Regie: Barbara Schärf; Gesang: Pavel Kvashnin, Tenor) und »Gretchen am Spinnrade« (Regie: Magdalena Chmielewska; Gesang: Caroline Jestaedt, Sopran). Die Filme eröffneten interessante inhaltliche Zugänge zu den Liedthemen: Gezeigt wurde u. a. das Selbstmorddrama des verlassenen Sockens Ingbert, eine Gothic-Hochzeit mit einem enttäuschten Punk als Ehrengast, der denkbar faulste, aber dennoch schönste Sonnenaufgang, Gretchens Liebeswahn an der Ostsee oder die Geschichte eines gewaltbereiten Stalkers.

Nicht alles an dem Projekt hat so funktioniert wie gedacht; für manche hat es sich als schwieriger als erwartet herausgestellt, Fernsehen zu machen, für andere, immer dann ein offenes Ohr zu haben, wenn eines vonnöten war.  Aber das sind letztlich Anfangsschwierigkeiten auf einem Weg, den öffentlich-rechtliche Medien weiter beschreiten werden: »Songbook« war ein wundervolles Eröffnungsprojekt für die Öffnung von Radio, Fernsehen und Internet Richtung Publikum. Der Kreis wird erweitert, darauf können Sie sich verlassen.

Die Autorin
Sharon Nuni leitet das Dokumentationsressort der ORF-TV-Kultur.





Public Value Bericht 2017/18