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© ORF/Günther Pichlkostner

Es gehören immer zwei dazu

Public Value Bericht 2015/16: Dr.in Gabriela Jahn – ORF SPORT +


60 Jahre Fernsehen waren geprägt von überwiegend passivem Konsum des Programmangebots, das den Zuseherinnen und Zusehern von den »Fernsehmachern« geboten wurde. In den Anfängen war all das, was »da beim Fernsehen« passiert, für die meisten auch schlichtwegunvorstellbar. Kaum jemand hatte technisches und auch redaktionelles Wissen. Die ersten 8-mm-Filme gaben erstmals einer breiteren Öffentlichkeit die Möglichkeit, selber Filme zu drehen. Ob Urlaub oder Familienfeste – wer es sich leisten konnte, setzte sich mit dem neuen Medium auseinander und produzierte erste kleine Filmchen. Noch einfacher – und billiger – wurden die Versuche mit VHS-Kameras. Später fanden sich fast in jedem Haushalt DVD-Player, die Vorführung selbst gedrehter und bearbeiteter Videos wurden zum stolzen »Höhepunkt« jeder Einladung.

Mit dem Computerzeitalter und der Handy- bzw. iPhone-Selbstverständlichkeit lernen nun schon die Allerjüngsten, kleine Sequenzen am iPhone selber zu drehen – und auch gleich zu verschicken. WhatsApp und ähnliche Angebote bieten völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation – auch mittels bewegter Bilder. Wer sich etwas intensiver mit der Materie beschäftigt, kreiert eigene Videos und präsentiert sie auf eigenen Kanälen der ganzen Internetcommunity. Was liegt also näher, als dieses Wissen und diese Kreativität gerade auf einem Spartensender und in Magazinen, die eine besondere Klientel ansprechen und sehr kostenminimiert arbeiten müssen, zu nutzen?

Sich zu öffnen für diese neuen Möglichkeiten und dadurch, trotz finanziell sehr begrenzter Mittel, eine bunte Vielfalt an Themen präsentieren zu können, war eines der Ziele, die ich mir, als die beiden Magazine »Schule bewegt« und »Ohne Grenzen« aus der Taufe gehoben wurden, gesetzt habe. Interessierte sollten die Sendungsteile gestalten können, die sie sich vorstellen. V. a. beim Schulsportmagazin war die Hoffnung groß, dass das Medium Fernsehen Anreiz für die jungen Zuseherinnen und Zuseher sein könnte, sich selbst einzubringen. Dazu wurden bewusst Moderatorinnen und Moderatoren ausgewählt, die keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet hatten und ihre Persönlichkeit »Learning by Doing« schärfen konnten.

Was daraus geworden ist? Eine durchwachsene Bilanz.

Beim Behindertensportmagazin »Ohne Grenzen« hat diese Öffnung zumindest einige sehr erfreuliche Auswirkungen gehabt. Die beiden Spitzensportler/innen Andreas Onea (Schwimmen) und Claudia Lösch (Monoski) wurden ausgewählt, um authentisch über den Behindertensport zu berichten. Mirna Jukic, Ex-Schwimmerin, sollte in »Schule bewegt« die Kinder und Jugendlichen für den Nachwuchssport begeistern.

Bei Andreas Onea ist das perfekt gelungen. Durch seine spontane und ungekünstelte Art der Moderation und seine interessante Interviewführung sind auch andere Abteilungen auf den Spitzensportler aufmerksam geworden. Mittlerweile ist der Niederösterreicher bereits zum vierten Mal nicht nur einer der Moderatoren der »Licht ins Dunkel«-Gala, sondern führt auch mit viel Einfühlungsvermögen und Eloquenz am 24.12. durch den langen »Licht ins Dunkel«-Tag. Ihn auch abseits von Sendungen, die sich mit allen Formen der Behinderung auseinandersetzen, sein Potenzial ausschöpfen zu lassen, wäre für mich eine logische Folge und ein Signal nach außen: Ein fehlender Arm kann kein Hindernis sein.

Ebenso erfreulich verlief ein Filmprojekt, das sich fünf Schülerinnen und Schüler der »Grafischen« als Abschlussarbeit ausgewählt hatten: Der Film »Vom Fallen und Fliegen«, in dem fünf Paralympische Sportler bei ihren Vorbereitungen zur möglichen Teilnahme bei den Paralympischen Spielen begleitet wurden, ist ein Paradebeispiel dafür, was engagierte Schülerinnen und Schüler (wenn sie auch von der Schule richtig begleitet werden) zu leisten imstande sind. Nicht nur grafisch sehr gut aufbereitet, hat man sich auch inhaltlich viel überlegt und 30 sehr anspruchsvolle Minuten gestaltet, die im Rahmen unseres Magazins ausgestrahlt wurden.
Sehr durchwachsen dagegen war die Ausbeute beim Magazin »Schule bewegt«. Vielleicht waren die Ansprüche zu hoch, jede Sendung zumindest 10 Minuten quasi in Schülerhand zu geben. Trotz intensiver Werbung und vielen persönlichen Gesprächen ist es letztendlich bei bisher 72 Ausgaben nur 19-mal gelungen, Schülerinnen und Schüler (bzw. ihre Lehrer/innen) dafür zu begeistern, sich und ihre Schule bzw. einzelne Projekte vorzustellen. Bei den Videos, die wir bekommen haben, gab es qualitativ klar ersichtliche Unterschiede. Jene, bei denen letztlich die Lehrer/innen die Regie übernommen hatten, durchaus interessant – reine Schülervideos waren kaum sendbar. Wobei die Vorgaben ganz klar im inhaltlichen Bereich lagen und nur technische Mindeststandards verlangt wurden (also das, was jede iPhone-Kamera zu leisten imstande ist). Generelles Feedback: Der Aufwand sei zu hoch, die Zeit für die Schüler/innen aufgrund des dicht gedrängten Schulkalenders zu kurz und das Interesse, sich inhaltlich etwas zu überlegen, kaum vorhanden.

Ein Beispiel dafür: die Berichterstattung über die Children’s Games in Innsbruck im Jänner 2016. Die Medienarbeit wurde von Schülerinnen und Schülern bzw. Studierenden einer Medienschule bzw. eines Medienkollegs übernommen. Trotz vieler Gespräche im Vorfeld ließ nicht nur die technische Umsetzung viele Wünsche offen. V. a. inhaltlich hielt sich die Kreativität mehr als in Grenzen.

Während in Social Media oft die professionelle TV-Berichterstattung mit Spott und Hohn gerade von den jungen Zuseherinnen und Zusehern bedacht werden, agierten die Jungreporter genauso, wie sie es den Profis vorwerfen: langweilige, oft sinnentleerte Fragen, Interviews, bei denen ganz klar wurde, dass sich niemand darauf vorbereitet hatte, etc. Vielleicht eine ganz gute Schule für den Nachwuchs, zu sehen, dass Journalismus nicht heißt, ein paar Bilder zu drehen und ein paar simple Fragen zu stellen – sondern Vorbereitung und Beschäftigen mit der Materie verlangt.

Fazit: Unsere Magazine bleiben offen für alle, die sich bzw. ihren Sport, ihr Projekt präsentieren wollen. Es sind jene herzlich eingeladen, die einmal etwas anderes probieren wollen, vielleicht durchaus »schräge« Ideen einbringen wollen, genauso aber auch alle, die einfach die Chance nutzen wollen, den Bekanntheitsgrad einer Sportart, einer Schule, eines Projekts zu erweitern. Sosehr jegliche Kreativität gefragt ist, muss der Vollständigkeit halber angemerkt werden, dass alle Beiträge natürlich vor Ausstrahlung redaktionell auf mögliche inhaltliche Fehlentwicklungen überprüft werden. Doch bei keinem einzigen der bisher eingegangen Videos musste redaktionell etwas geändert werden.

Es wäre schön, wenn in Zukunft von dem Angebot, eigene Videos anzubieten, vermehrt Gebrauch gemacht werden würde. Nicht zuletzt deshalb, um zu beweisen, dass Jugendliche tatsächlich gerne aktiv die Chance nützen wollen, selbst zu gestalten, neue Ideen einzubringen, und nicht nur passiv konsumieren wollen. Wer weiß? Vielleicht wird durch so einen kleinen Beitrag auch ein neuer TV-Star geboren.

Die Autorin
Gabriele Jahn ist Sendeverantwortliche für die beiden Magazine »Schule bewegt« und »Ohne Grenzen – Das Behindertensport-Magazin« in ORF SPORT +.





Public Value Bericht 2017/18