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© ORF/Roger Sala

Flucht und Qualitätsjournalismus

Public Value Bericht 2015/16: verschiedene Autorinnen und Autoren


Flüchtlinge an den Grenzen, Terror in Paris, Übergriffe in Köln, Hassbotschaften im Internet: Was kann, was soll, was muss (öffentlich-rechtlicher) Qualitätsjournalismus tun? Diese Frage stellten die »TEXTE«, die Publikation des ORF zum öffentlich-rechtlichen Qualitätsdiskurs, Vertreterinnen und Vertretern der Wissenschaft, des Journalismus und der Zivilgesellschaft aus Österreich, Deutschland, Ungarn und der Schweiz. Die vollständige Ausgabe ist auf zukunft.ORF.at downloadbar; im Folgenden kurze Zitate aus den jeweiligen Beiträgen.

Stefan Raue, MDR

»Die Digitalstrategie der Öffentlich-Rechtlichen muss sich abkoppeln von Facebook, YouTube und Co. Diese kommerzielle Zone ist ohne Moral, ohne seriösen Beitrag zu einer demokratischen Community, sie ist gewissenlos kapitalistisch. Auch Hetze, Paranoia, Demagogie und Desinformation bedeuten Einnahme und Rendite für Facebook und Co. Die Teilnahme der Öffentlich-Rechtlichen bei Facebook und Co. kann nur noch für eine Übergangszeit sinnvoll sein, bis eigene Portale, eigene populäre Apps, eigene attraktive Mediatheken verknüpft mit der Markenstärke der Informationsangebote kraftvoll genug sind, um sich mit den kommerziellen Konkurrenten messen zu können.«

Der Autor
Stefan Raue ist Chefredakteur des MDR.

Dr. Fritz Dittlbacher, ORF

»Wir müssen einen neuen Begriff in unserem journalistischen Glaubensbekenntnis in den Vordergrund holen: Neben Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit oder Kontrolle ist in Zeiten wie diesen auch die Frage der ›Verantwortung‹ eine zentrale, die immer wieder beantwortet werden muss.«

Der Autor
Fritz Dittlbacher ist Chefredakteur des ORF-TV.

FH-Prof. Mag. Dr. Heinz M. Fischer, FH Joanneum Graz

»Es braucht größte Anstrengungen, glaubwürdigen und seriösen Journalismus nicht zu einer elitären Veranstaltung mutieren zu lassen. Es wird eine der maßgeblichen gesellschaftlichen Aufgaben sein, Journalismus als elementaren Grundwert einer funktionierenden Demokratie nicht nur anzuerkennen, sondern alles zu tun, sein Weiterbestehen zu fördern. Und der Gesetzgeber muss verstehen, dass Restriktionen und Auflagen in der Distribution qualitativ hochwertiger journalistischer Inhalte ein Anachronismus sind. Nicht jene dürfen behindert werden, die nachhaltig Information und Bildung auf ihre Fahnen heften. Vielmehr müssen jene in die Schranken verwiesen werden, die den digitalen Kapitalismus in lichte Höhen treiben. Womöglich eine Utopie, aber jedenfalls eine Vision wert.«

Der Autor
Heinz M. Fischer leitet das Department »Medien und Design« der FH Joanneum Graz.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Bauer, Universität Wien

»Die zivilgesellschaftliche Reaktion war in Österreich und in Deutschland auf Basis des Netzmedienaustausches schneller, effektiver, unbürokratischer und vor allem freundlicher und empathischer aufgestellt, als es öffentlichen Einrichtungen gelungen ist, die ihren Handlungsbedarf (immer noch) stärker an dem Öffentlichkeitsbild bzw. an der öffentlichen Auseinandersetzung, soweit sie von linearen, traditionellen Medien getragen wird, ausrichten. Umgekehrt lässt sich aber feststellen, dass etablierte Medien, hier vor allem der ORF, neben der reinen Berichterstattung und über diese hinaus als Medium mit öffentlichem Auftrag das nachhaltigere - mit anderen Konditionen der strukturellen Vernetzung ausgestattete - Modell der Hilfestellung über den spontanen Moment hinausreichend aufgestellt hat. Daraus ließe sich, wie schon bemerkt, lernen, das - für den Fall welcher Krise auch immer - ein Management der Kooperation beider Medienwelten sinnvoll wäre: die Verknüpfung von Spontaneität und Nachhaltigkeit sowie von Intuition und System. Das wiederum langfristig und nachhaltig zu ermöglichen, wäre eine Vorsorge, die politische Einrichtungen wahrzunehmen hätten.«

Der Autor
Thomas Bauer lehrt an der Universität Wien.

Dr.in Liriam Sponholz, Österreichische Akademie der Wissenschaften

»Der interne Lernprozess in den Medieninstitutionen über den Umgang mit ›Hate Speech‹ sollte der Ausgangspunkt sein, um diese menschenfeindlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Erst diese interne Konsensbildung bezüglich des Phänomens ermächtigt die öffentlich-rechtlichen Medien auf diesem Feld, ihren Bildungsauftrag wahrzunehmen und ›Hate Speech‹ in ihren Programmen ansprechen, um so einen gesamtgesellschaftlichen Lernprozess anzustoßen.«

Die Autorin
Liriam Sponholz ist Post-Doc an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Dr.in Patricia Käfer & Mag.a Daniela Kraus, fjum

»Der ORF kam seiner Verantwortung im vergangenen Jahr mit Formaten wie dem ›Bürgerforum‹ zum Thema ›Flüchtlingskrise‹ nach. Dass sich eine solche Sendung nicht im Detail planen lässt und von ihrer Spontanität lebt, ist natürlich. In der Live-Auseinandersetzung mit oft unerwarteten Wortmeldungen sind Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung - von Redaktion über Moderation bis zu Regie - gefragt. Beim Sammeln weiterer solcher Erfahrungen im partizipativen Bereich können auch öffentlich-rechtliche Sender noch viel dazulernen, an dieser Aufgabe wachsen und Standards im neu erschlossenen Feld setzen.«

Die Autorinnen
Daniela Kraus und Patricia Käfer verantworten das »forum journalismus und medien Wien.«


Univ.-Prof.in Dr.in Mag.a Larissa Krainer, Universität Klagenfurt

»Es ist erforderlich, erstens die rechtlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Informationen (erg.: des ORF) auch langfristig abrufbar bleiben (keine Befristung für die Online-Nutzung von Inhalten!), zweitens eine integrierte Informationsstrategie über sämtliche Kanäle hinweg anzubieten (inkl. Social Media) und drittens ein gut funktionierendes und leicht bedienbares Datenarchiv einzurichten.«

Die Autorin
Larissa Krainer lehrt an der Universität Klagenfurt.

Mag. Dimitri Prandner, Universität Salzburg

»Auch wenn ein Bericht zur zehnten politisch motivierten Hassrede, die die Übergriffe in Köln als Begründung für Xenophobie vorschiebt, eher der öffentlichen emotionalen Lage entspräche, muss öffentlich-rechtlicher Rundfunk seine Aufgabe als ›Kläranlage‹ erfüllen, dieses ›schädigende‹ Element filtern und im Gegenzug sicherstellen, dass auch Flüchtende zu Wort kommen und ihrer Perspektive zum Thema Raum gegeben wird - unabhängig von gesellschaftlichen Hegemonieverhältnissen.«

Der Autor
Dimitri Prandner ist Senior Scientist an der Universität Salzburg.


Hannes Aigelsreiter, ORF-Radio

»Was wir tagtäglich tun müssen ist, die Qualität unserer journalistischen Arbeit permanent zu hinterfragen, selbstkritisch zu sein und von den Nachrichten über die Journale, die Magazine, den Teletext und das Online-Angebot bis hin zu den sozialen Medien nur das glaubwürdigste Informationsprodukt auf Sendung zu bringen. Nur seriöse, glaubwürdige Aufklärung immunisiert gegen Populisten, Extremisten und Terroristen.«

Der Autor
Hannes Aigelsreiter ist Chefredakteur der ORF-Radios.

Robert Neukirchner, ORF

»Wir alle sind Zeitzeugen, uns als (ORF-) Journalisten kommt dabei aber eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zu. Wir dürfen nicht nur tagtäglich generalisierend über anonyme Tausender-Massen berichten, denn genau auf diese Art und Weise werden gerade in den sozialen Netzwerken Ängste geschürt. Wir müssen dem mit Aufklärung entgegenwirken und dürfen den Blick für das Detail nicht außer Acht lassen. Daher ist es unverzichtbar, möglichst oft direkt von den ›Hot Spots‹ zu berichten. Nur wer ›live‹ dabei ist, sieht auch den Einzelnen in der Masse. Er sieht den Menschen - und nicht nur die Menschenmasse.«

Der Autor
Robert Neukirchner ist Redakteur des ORF-Steiermark.

Dr.in Rubina Möhring, Reporter ohne Grenzen

»Qualitätsmedien halten sich an die Regel, Herkunft und Religionszugehörigkeit eines vermutlichen Täters ohne begründbaren Sachbezug nicht zu nennen. Das hat nichts mit einer angeblich einseitig gefärbten Sympathie-Berichterstattung über Flüchtlingspolitik und Flüchtlinge gemein. Wenn, dann müsste die Berichterstattung bei allen Personen konsequent transparent sein, etwa: ›Die aus Köln stammende, evangelisch getaufte, mutmaßlich atheistische und 2011 wegen Verleumdung verurteilte deutsche Steuerhinterzieherin Alice Schwarzer.‹ Oder: ›Der 2014 verurteilte bayrische, katholisch sozialisierte Steuerhinterzieher Uli Hoeneß.‹ Das wäre sehr irreführend.«

Die Autorin
Rubina Möhring leitet »Reporter ohne Grenzen« in Österreich.


Mag. Thomas Kralinger, VÖZ

»Auf komplexe Probleme dürfen Medien keinesfalls mit simplen Botschaften reagieren. Aber Medien müssen gleichzeitig die Emotionen zurückfahren. In einem Meer an Emotionen, die bei Nutzerinnen und Nutzern von sozialen Netzwerken nicht selten in Hass umschlagen, müssen Qualitätsmedien die Insel der Sachlichkeit bleiben. Doch - und das ist ganz zentral - Medien dürfen keine Informationen unter den Tisch fallen lassen.«

Der Autor
Thomas Kralinger ist Präsident des VÖZ.

Balázs Bende, MTV

»What should the press do then? Just what it is supposed to. Report what, where, how and why it happens. And most importantly - just as the motto of Hungarian Public Media news channel m1 says - : ›Whenever it happens.‹ And stop trying to tell the people what and how to think about the events of the world.«

Der Autor
Balász Bende ist leitender Redakteur von MTV.


Philipp Cueni, EDITO

»Es gehört zu unseren Aufgaben, Gegenfragen zum vorherrschenden Meinungstrend zu stellen. Zu warnen, wenn etwas tabuisiert oder verteufelt wird. Und ja, durchaus auch die Skeptikerrolle zu übernehmen und so vor möglichen Problemen nüchtern zu warnen, falls der Wind allzu euphoristisch blasen sollte. Mit dem Angebot von erklärenden Hintergründen soll das Publikum die Möglichkeit erhalten, sich an Fakten statt an Emotionen zu orientieren.«

Der Autor
Philipp Cueni ist Chefredakteur von »EDITO«.

Dr.in Ilse Brandner-Radinger, ORF Publikumsrat

»Den öffentlich-rechtlichen Medien kommt bei der notwendigen Aufklärung gerade jetzt eine Schlüsselposition zu. So wie gefordert wird, Flüchtlinge über den gesamten Bereich der EU zu verteilen, um die Lasten auszugleichen, so bieten die gemeinsame Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender die Möglichkeit, mit gutem Beispiel das zu tun, was ihr Auftrag ist, nämlich umfassend und korrekt zu informieren.«

Die Autorin
Ilse Brandner-Radinger ist Vorsitzende des ORF-Publikumsrats.

Dr.in Barbara Helige, österreichische Liga für Menschenrechte

»Es kann und darf keine Neutralität in der Berichterstattung geben, sondern es müssen die zentralen Gedanken der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem Kommentar, in jeder Reportage die selbstverständliche Basis bilden.«

Die Autorin
Barbara Helige ist Präsidentin der »Liga für Menschenrechte«.

Dr. Günther Ogris, SORA

»Der ORF kann auf mehreren Wegen seine Verantwortung für Österreich wahrnehmen: Weiterhin rasch, ausgewogen, sachlich und unabhängig berichten und Information zur Verfügung stellen, um Unsicherheiten zu reduzieren und Informationsbedürfnisse zu befriedigen; den Menschen weiterhin Handlungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten aufzeigen, da gerade die Wahrnehmung von Handlungsmöglichkeiten hilft, Ängste abzubauen; und der ORF hat die Möglichkeit, aufgrund seiner starken Position auch im Online-Angebot neue Wege zu suchen, um eine neue Qualität und eine neue Kultur des Online-Diskurses zu entwickeln.«

Der Autor
Günther Ogris leitet »SORA«

Vizerektor Univ.-Prof. Dr. Heinz Fassmann, Integrationsrat

»Der erste und wohl wichtigste Schritt, manipulatives Vorgehen bei einer qualitätsorientierten Berichterstattung zu vermeiden, liegt in der kritischen Selbstreflexion. Sie muss eine zentrale Verpflichtung jeder Berichterstatterin und jedes Berichterstatters sein, die/der Qualität für sich beansprucht. Man kann sie auch verordnen, aber dann ist sie nicht mehr wirkungsvoll. Nein, sie muss in der Tiefenstruktur des journalistischen Ethos liegen und sie muss als qualitätssichernde Instanz immer präsent sein.«

Der Autor
Heinz Fassmann leitet u. a. den »Expertenrat für Integration« im BMEIA.





Public Value Bericht 2017/18