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© ORF/Günther Pichlkostner

Wie sagt man in Österreich?

Public Value Bericht 2015/16: Univ.-Prof. Dr. Alois Brandstetter – Schriftsteller


Christine Nöstlinger bietet im »Kleinen Buch für alle, die Österreich lieben« vier Lektionen über den Unterschied zwischen österreichischem Deutsch und dem Binnen-deutschen. Da steht also Griebe gegen Grammel, überreife Tomaten gegen gatschige Paradeiser. Ich lasse die Mehrzahl der unappetitlichen Beispiele einmal beiseite. Das Standardbeispiel Ribisel gegen Johannisbeere bringt sie originellerweise nicht (Vielleicht hat sie sich an den Spott Friedrich Torbergs über die »Ribisel- und Schlagobersfront« erinnert …). In der vierten Lektion und zum Schluss bringt sie schließlich Beispiele für die Übereinstimmung von österreichischem Deutsch und Binnen-deutsch: "Auch wir sind cool und plantschen im Pool, haben einen Walkman und wollen Movies sehn, fühlen uns O.k, super und fit« … Uns, die Österreicher, und die Deutschen verbindet also der Amerikanismus? Damit ist insinuiert: Unsere deutschsprachige Affinität macht die Vorliebe für »Anglizismen« aus … Das verbindet uns, aber Karl Farkas hat ja gemeint: Von den Deutschen trennt uns die gemeinsame Sprache … Zu Nöstlingers Diagnose in dichterischer Freiheit wäre natürlich viel zu sagen. Dass das Gebiet, in dem Deutsch gesprochen wird, dialektgeografisch sehr strukturiert ist und dass sich das österreichische Deutsch viel Besonderes etwa mit dem Bairischen, oder auch: Süddeutschen teilt. Nicht ganz ein Prozent, nach anderer Zählung 0,4 Prozent der Wörter, die das Duden-Wörterbuch verzeichnet, ist als öst., das heißt »österreichisch« markiert, das ist sozusagen der harte Kern. Und dass auch durch Österreich eine Sprachgrenze läuft, dass also in Vorarlberg das Alemannische gilt, dürfte sich auch herumgesprochen haben, oder! Und im Burgenland und in Kärnten haben wir südslawische Minderheiten. Es ist aufschlussreich, dass sich im Sprachkontakt oft jenseits der Grenze ein »Kennwort« als »Fremdwort« erhalten hat, das diesseits bereits gewichen ist. Zu denken beispielsweise an das Wort Krummbir(n)e für Erdapfel im Slowenischen: krompir.

Jakob Ebner sagt im Artikel »Erdapfel« im Duden-Taschenbuch »Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten«: »Mundartlich in verschiedenen süddeutschen und schweizerischen Gebieten, hochsprachlich nur in Österreich«. Und der Großteil der im »Österreichischen Wörterbuch« verzeichneten Lexeme sind allgemeiner deutscher Gemeinbesitz. Über Konkurrenzwörter (Tischler - Schreiner, Fleischhauer - Metzger - Schlachter - Fleischer, etc.) gibt es eine Fülle von Untersuchungen und Sprachatlaskarten. Einige der ursprünglichen »Kennwörter« (und auch »Kennlautungen«), die Eberhard Kranzmayer in seiner Schrift »Die bairischen Kennwörter und ihre Geschichte« behandelt, sind inzwischen ausgestorben: Ertag für Dienstag oder Pfingstag für Donnerstag, ausgestorben wie die Goten, von denen die Baiern diese Wörter geerbt haben …

Wie ist das aber nun mit dem Österreichischen Rundfunk und seinem Bildungsauftrag in Hinblick auf das österreichische Deutsch? Er soll, meiner Meinung nach, das Interesse an der sprachlichen Eigenart der Österreicherinnen und Österreicher durchaus befriedigen, ohne Chauvinismus und Kantönligeist. Er soll also, in eigenen Sendungen oder Sequenzen in allgemeinen Sendungen ein wenig »Mundartkunde« unter die Leute bringen. Er darf also gern das Bewusstsein stärken, dass die Mundart kein »Pudendum« ist, also etwas, wofür man sich schämen müsste oder was man in bestimmten Situationen tunlichst verschweigt. Es war ein Verdienst des aus Kärnten stammenden Dialektologen Eberhard Kranzmayer, dass er einigen Studentengenerationen, gerade auch Landkindern wie mir, ein Bewusstsein vermittelt hat, dass ihre Vertrautheit mit der Mundart einen Wert darstellt, den man auch in Seminararbeiten und Dissertationen »versilbern« kann … Über 80 Dissertantinnen und Dissertanten hat er auf diese Weise betreut.

Eine konkrete Initiative des Rundfunks in diesem Sinne ist ein kleiner Sendungsteil jeden Montag in »Kärnten heute« von Carl-Hannes Planton. Er schreibt ein meist altertümliches Mundartwort des »Basisdialekts« auf eine Tafel und lässt es dann von einem Mundartsprecher oder einer Mundartsprecherin aussprechen und semantisch erklären. Und zum Schluss kommt die Wissenschaft in der Person des Professors Dieter Pohl zu Wort, der einiges zur Wortgeschichte und Herkunft, also Etymologie der Wörter nachträgt. Die Dramaturgie dieses Sendungsteils, »Formates«, wie man gern sagt, hat sich insofern (nach einem kritischen Leserbrief von mir?) verändert, als man die früher praktizierte quizhafte Straßenbefragung von Jugendlichen, die reihenweise gesagt haben: Keine Ahnung, nie gehört etc., weglässt. Man kann von einer jugendlichen Städterin nicht erwarten, dass sie ein altes Bauernwort der Stallarbeit kennt, wo heute die Menschen mit Milch weniger Kühe als Molkerei oder Supermarkt assoziieren … Ein anderes Beispiel: Es ist, von einer Zeitung initiiert und vom Rundfunk unterstützt, eine Neugier auf die alten Vulgonamen der (Bauern-)Häuser entstanden, einaltes immaterielles Kulturgut, in dem viel »Welthaltigkeit« steckt … Es gibt den Aufruf, Entsprechendes zu melden.

Von diesem Interesse an der Eigenart (vor langer Zeit hat mich einmal Michael Scharang nach einer Wort-Glosse, wie ich 40 für das Spektrum der »Presse« geschrieben habe, gelobt, weil ich vorgeschlagen habe, statt Identität lieber Eigenart zu sagen), von diesem philologischen Interesse an der Sprache abgesehen, bin ich dafür, dass für die Sprache, das heißt auch Aussprache der Wörter, die Normen der Standardsprache gelten sollen, wie sie im Aussprache-Duden und im »Siebs« im IPA, also im Internationalen Phonetischen Alphabet, dargestellt sind. In den Nachrichtensendungen soll hochsprachliches Deutsch, also Standardsprache gesprochen werden, was nicht heißt, dass man die Herkunft der Sprecherin oder des Sprechers aus dem Süden, der Mitte oder dem Norden nicht als Grundierung heraushören darf. Die Lautbildung, die Phonation der Vokale, Monophthonge und Diphthonge und die Artikulation der Konsonanten (Verschlusslaute, Reibelaute, Liquide und Nasale), soll nicht übertrieben prononciert, aber doch deutlich sein, publikumsfreundlich. In den Nachrichtensendungen und den redaktionellen Beiträgen soll, sofern nicht zitiert wird, die »Deutsche Hochsprache«, wie es in den Neuauflagen des Siebs heute heißt (früher »Bühnensprache«) gelten. Es soll so artikuliert werden, dass Hörerinnen und Hörer SPÖ und FPÖ unterscheiden können … Das bildungspolitische Optimum an »Spracherziehung« wäre erreicht, wenn die Printmedien - und der Rundfunk (TV und Radio) - bei den Hörerinnen/ Hörern und Seherinnen/Sehern Verständnis für Regionalvarietäten, Soziolekte und Funktionalvarietäten erzeugen und fördern würden.

Der Autor
Alois Brandstetter ist Autor und lehrte an der Universität Klagenfurt. Er erhielt etliche Auszeichnungen wie den Adalbert-Stifter-Preis und den Großer Kulturpreis des Landes Oberösterreich 2005.


Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung seiner Keynote zum »ORF-DialogForum« über österreichisches Deutsch.





Public Value Bericht 2017/18