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© ORF/Milenko Badzic

Geschichte(n) aus 1.001 Sendung

Public Value Bericht 2015/16: Mag. Herbert Hayduck und Camillo Foramitti – ORF-Archiv


Wer kennt nicht die Geschichte von Ali Baba, dem armen Holzfäller, dem es gelingt, eine Höhle mit einem Schatz aus Gold und Edelsteinen zu öffnen, mit dem er in der Folge der weiteren Erzählung sehr klug und maßvoll umgeht?

Dies ist eine der »Geschichten aus Tausendundeiner Nacht«, jener einmaligen Sammlung aus Erzählungen der Scheherazade, die wie ein Archiv an Themen, Motiven und Figuren die Kulturgeschichte seit vielen Jahrhunderten in vielfältigsten Formen der Wiederverwendung prägen.

Für Medienmacherinnen und -macher des 21. Jahrhunderts sind Archive moderne Schatzhöhlen: Nicht Gold und Edelsteine sind Inhalt und Ziel, sondern wertvolle »Contents« als emotionsgeladener und reizvoller Rohstoff für kreative Wiederverwendungen aller Art. Der Zauberspruch zur raschen und einfachen Öffnung dieser Schätze steckt in den digitalen Technologien, die aktuelle Inhalte – genauso wie digitalisierte historische Bestände – zeit-und ortsunabhängig interaktiv verfügbar machen.

Was Erdöl als Roh- und Treibstoff für das Industriezeitalter bedeutet hat, sind digitale »Contents« für die Medienproduktion des 21. Jahrhunderts; Medienarchive sind die Raffinerien zur Verarbeitung und Aufbereitung dieser Rohstoffe. Oder anders formuliert: digitale Inhalte sind Brennstoffe für spannende Erzählungen am digitalen Lagerfeuer.

Lesesäle klassischer Bibliotheken sind magische Orte – ebenso wie Depots und Lagerräume von Film- und Medienarchiven: Sie sind Schatzhöhlen und Speicher für Geschichte und Geschichten, die als materialisierte Vergangenheit darauf warten, in neuen Zusammenhängen und Formen wieder erzählt zu werden und Lebenswelten der Gegenwart reflektierend zu vertiefen. Die Aura dieser Erzählungen umgibt und erfüllt die Zweckarchitektur der Depots. Beim Gang durch die Regale drängt sich eine Vision auf: Würden alle hier lagernden und gespeicherten Erzählungen gleichzeitig ablaufen – egal ob es sich um Fakten oder Fiktion, um »reales« Leben oder »Geschichten« handelt – es entstünde ein Gewirr aus Abertausenden Stimmen, die ihre jeweils eigene(n) Geschichte(n) erzählen. Das ORF-Archiv enthält in seinem Hörfunkbestand ca. 25 Millionen, in seinem Fernsehbestand ca. 20 Millionen solcher gespeicherter Stimmen – mit den zugehörigen Bildern. Über Datenbanken erschlossen, steht diese Fülle an Lebenserzählungen einzeln abrufbar und strukturiert zur Wiederverwendung bereit – als historisches Zitat, als berührende Anekdote, als beeindruckende Bildsymphonie, als erschütterndes Zeugnis, als atemberaubende künstlerische Performance, als einmaliger Spannungsmoment, als Erzählung, als Story.

In dem seit Jänner 2016 etablierten »Multimedialen Archiv« des ORF werden sämtliche Medienarchivbestände des ORF in einer effizienten Netzwerkstruktur medien- und standortübergreifend zusammengefasst. Alle tagtäglich neu entstehenden Inhalte aus Hörfunk und Fernsehen werden ebenso in diese Struktur integriert wie wertvolle historische Bestände aus laufenden, systematischen Digitalisierungsprojekten. Es entsteht damit ein virtuelles digitales Archiv, in dem sämtliche verfügbaren Inhalte aus 60 Jahren Fernsehen und mehr als 90 Jahren Radio in Verbindung mit den täglich neu hinzuwachsenden Contents einheitlich erschlossen sowie zeit- und ortsunabhängig interaktiv zugänglich gemacht werden. Rohstoff für digitales Storytelling in seiner feinsten Form – verfügbar als virtuelles Archiv wie aus »Tausendundeiner Nacht«. Verfügbar zum Beispiel für Programmschwerpunkte wie »60 Jahre Fernsehen«.

Die Bilanz: zahlreiche Dokumentationen auf ORF 2 und ORF III, sechs große »Great Moments«-Hauptabendshows, 26 »Lange Nächte« der Fernsehgeschichte, Beiträge in vielen Magazinen und Landesstudiosendungen sowie thematisch passende Hörfunksendungen; dazu ein Online-Archiv in der ORF-TVthek (TVthek.ORF.at/topic/ 60-Jahre-TV-Historische-Rueckblicke/10539830), ein thematischer Online-Auftritt und ausgewählte Archiv-Contents in den Social-Media-Kanälen – sie alle mussten bebildert und »vertont« werden. Gesucht waren die schönsten und eindrucksvollsten, die bekannten und die vergessenen Fernsehhighlights. Fast ein Jahr lang waren wir zentrale Anlaufstelle für Dutzende Redakteurinnen und Redakteure, lieferten wir Tausende Kassetten und Files aus, digitalisierten Analoges und recherchierten Fakten und Hintergrundgeschichten. In der vom Archiv gestalteten Sendung »Panorama« widmeten wir uns dem Thema ebenso, wie bei Publikumsveranstaltungen im RadioKulturhaus: In einer Folge von »Aus dem Archiv« schwelgte Gerhard Tötschinger mit Fernsehgrößen wie Chris Lohner, Sigi Bergmann oder Peter Resetarits auf der Bühne in Fernseherinnerungen. Das Archiv hat jetzt auch seinen ständigen Platz im Facebook-Auftritt des ORF (#abgestaubt #ORFarchiv) und mit den Archiv-Außenstellen an den Instituten für Zeitgeschichte der Universitäten Wien und Innsbruck öffnet der ORF seine Schatzkästlein auch der Wissenschaft. Die Erzählkunst der Scheherazade wird multimedial, der Sesam bleibt geöffnet – zum Nutzen des Publikums.

Die Autoren
Herbert Hayduck leitet das multimediale ORF-Archiv, ist Vizepräsident der FIAT/IFTA und Lehrbeauftragter der Universität Wien.
Camillo Foramitti ist Leiter der ORF-Archivredaktion.



Public Value Bericht 2017/18