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© ORF/Tosoni Lara

Falsche Horrorgeschichten

Public Value Bericht 2015/16: Dr.in Mathilde Schwabeneder – ORF Rom


Umberto Eco hat sich sein Leben lang mit Journalismus beschäftigt. Auf theoretischer Ebene als Semiotiker, wie auch in der ganz praktischen Umsetzung in diversen Medien. »Über 40 Jahre«, sagte Eco in einem Gespräch mit Roberto Saviano Anfang 2015, »denke ich über Grenzen und Möglichkeiten des Journalismus nach«. In seinem letzten Roman »Nullnummer« münden diese Reflexionen in ein eher düsteres Bild: eine manipulierte Redaktion, Journalisten als unwissende Handlanger, Diffamierung als Handwerk. Ein groteskes Bild wollte er zeichnen, sagte er, wohl eines, das angesichts einer sich rapid verändernden Welt zum Nachdenken anregen soll.

Der anerkannte Intellektuelle, der stets das große Ganze und die öffentliche Ethik im Blick hatte, liebte es, zu provozieren und Dinge zu überzeichnen. Hart ging er mit dem unkontrollierten Gebrauch der sozialen Medien um. Seine Äußerungen: »Das Drama des Internet ist, dass es den Dorftrottel zum Verkünder der Wahrheit macht« sowie »Die sozialen Medien erteilen Millionen von Dummköpfen das Wort« zogen eine Welle an Widerspruch nach sich. Sie lösten in Italien aber auch eine breite Debatte über den grundsätzlichen Umgang mit Information aus. Eco, die moralische Instanz des Landes, mischte sich ein, rüttelte auf – wenn auch nie mit erhobenem Zeigefinger – und regte an. Wie bei der Neuauflage der Zeitung »l’Unità«, als er als Leser die Blattmacher anregte, Fakten im richtigen Stellenwert zu liefern und die Journalistinnen und Journalisten ermunterte, hinaus zu den Menschen zu gehen. Sprich: nicht den Politikern hinterher zu hetzen, sondern die Geschichten dort abzuholen, wo sie sich abspielen.

Vieles, was der unermüdliche Analytiker kommunikativer Prozesse, Umberto Eco, im Laufe seines Lebens sagte und schrieb, kann auch heute als Leitfaden für journalistisches Arbeiten dienen: Neugierde, Lust auf Recherche und der Blick hinter die Dinge, gepaart mit der nötigen Portion Verantwortungsgefühl und dem Wissen darüber, was eine Schlagzeile, was ein Bericht beim Empfänger auslösen kann.

Kriterien, die angesichts der »größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg« wichtiger denn je sind. Das Thema polarisiert und emotionalisiert in diesen Monaten wie kein anderes. Angesichts einer Flut von Informationen und Bildern, die Tag für Tag über uns hereinbrechen, ist die Einordnung des Gesehenen und Gehörten daher unverzichtbar. Genauso wie der Mut, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Das Thema Flüchtlinge ist zu wichtig, als dass es nicht von allen Seiten her beleuchtet werden müsste. Einseitigkeit schürt oft Hass und Aggression. Dem entgegenzuwirken: Das ist die große Chance – und auch die Pflicht – der öffentlich-rechtlichen Medien.

Eine ausgewogene Berichterstattung ist wohl nur durch die Berücksichtigung aller Akteure möglich. Die oftmalige Ausklammerung ganzer Gruppen – wie z. B. die der vielen freiwilligen Helfer/innen – führt hingegen zur Verzerrung des Bildes. Erst wenn man z. B. sieht, mit welch großem, persönlichen Einsatz Ärztinnen, Ärzte, Krankenschwestern und Marineoffiziere im Mittelmeer Menschenleben retten, wird die wahre Dimension des sich täglich abspielenden Flüchtlingsdramas deutlich. Das hat nichts mit Manipulation durch Emotion zu tun. Das sind Fakten, auf die es ankommt.

Der Bericht Carta di Roma (Leitlinien für einen korrekten journalistischen Umgang mit den Themen Asyl, Migration und Menschenhandel), der im Dezember 2015 im italienischen Parlament vorgestellt wurde, kam zu folgendem Schluss: Noch nie wurde in Italien so viel über das Thema Flüchtlinge und Migranten geschrieben sowie in Radio und Fernsehen berichtet. Doch in fast der Hälfte der Fälle »in panikmachendem Ton«. Fazit: die Italiener würden zwar mit Informationen überhäuft. Ihr tatsächliches Wissen über die Vorgänge sei jedoch gering oder fehlerhaft. Verantwortlich machen die Verfasser eine bestimmte Form des Journalismus, die den Menschen damit das Recht nehme, sich aufgrund gesicherter Informationen eine Meinung bilden zu können.

Guter Journalismus hingegen informiert glaubwürdig. Und Glaubwürdigkeit entsteht dann, wenn man sich keinem publizistischem Konformismus unterordnet. Von welcher Seite auch immer. Sonst wären wir wieder bei Ecos »Nullnummer« und damit bei der These des Romans: »Die Zeitungen sind nicht gemacht, um Fakten zu verbreiten, sondern um diese zu vertuschen.«

Die Autorin
Mathilde Schwabeneder ist seit 2007 Korrespondentin und Leiterin der ORF-Außenstelle in Rom (für Italien, den Vatikan und Malta), wie auch Buchautorin.





Public Value Bericht 2017/18