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© ORF/Thomas Ramsdorfer

Die Lüge, die Bösartigkeit und das Hässliche

Public Value Bericht 2015/16: DI Franz Neunteufl – IGO


Heute verstehen wir unter Zivilgesellschaft, etwas präziser, die Summe von Akteuren und Operationen, die weder marktwirtschaftlich-profitorientiert noch staatlich organisiert sind, und damit ein Mindestmaß an Autonomie von Markt und Staat aufweisen; die weiters auf die Gestaltung politischer Prozesse und/oder sozialer Lebensbedingungen gerichtet sind, d. h. nicht nur private Interessen verfolgen und die im Rahmen kollektiven Handelns (d. h.im Rahmen von Organisationen, Initiativen oder sozialen Bewegungen) stattfinden.

Inwieweit diese Bedingungen auf den ORF zutreffen und er daher der Zivilgesellschaft zuzurechnen ist, kann und soll hier nicht weiter diskutiert werden. Vielmehr interessiert uns hier die Frage nach der Interaktion des ORF als Teil der »Vierten Gewalt« mit der neben Markt und Staat manchmal auch als »Dritter Sektor« bezeichneten Zivilgesellschaft. Da kommen wir zunächst nicht an den längst zu Institutionen gewordenen Hilfsaktionen »Licht ins Dunkel«, »Nachbar in Not«, »Team Österreich« und - neueren Datums - »HELFEN. WIE WIR.« vorbei, zu deren Erfolg der ORF wesentlich beiträgt. Die Tatsache, dass das größte Medienunternehmen des Landes wertvollen Sendeplatz für hilfebedürftige Menschen nicht nur in Österreich, sondern in so weit entfernten Ländern wie Südsudan oder Pakistan und neuerdings auch für den Umwelt- und Artenschutz - Stichwort »MUTTER ERDE« - zur Verfügung stellt, verdient jedenfalls unsere Anerkennung.

Größte Anerkennung verdienen auch die Hörfunkredaktionen von Ö1 und FM4, die erfolgreich dem flüchtigen Zeitgeist nachspüren und damit nicht nur ein lebendiges »Hörbild« unserer Gesellschaft zeichnen, sondern auch die Kultur des Zu- und Hinhörens am Leben erhalten. Auch die Veranstaltungen des RadioKulturhauses seien hier lobend erwähnt.

Noch etwas unterscheidet den ORF wohltuend von seinen Mitbewerbern und vom Boulevard: Schlechte Nachrichten sind für ihn nicht automatisch »Good News«. Er vereinfacht, übertreibt und skandalisiert nicht, sondern sieht in der Regel genau hin und recherchiert sorgfältig, wenn bei zivilgesellschaftlichen Organisationen - so wie überall - Fehler passieren. Wenn wir uns vom ORF trotzdem etwas wünschen, dann dies:

- Dass er menschenverachtenden Tendenzen im öffentlichen Diskurs und einer schleichenden Erosion der Unantastbarkeit grundlegender Menschenrechte in Politik und Gesellschaft klar entgegentritt, indem er jene noch mehr zu Wort kommen lässt, die die Menschenrechte und demokratische Werte hochhalten.

- Dass er noch öfter zu den Menschen und Initiativen hingeht und ihnen Gehör verschafft, die sich an so vielen gesellschaftlichen Baustellen dieses Landes für ein besseres Leben und ein besseres Miteinander einsetzen und damit jenen Mut macht, die angesichts scheinbar immer größer werdender Probleme immer mutloser werden. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass es in Zukunft mehr denn je die Zivilgesellschaft brauchen wird, um drängende gesellschaftliche Probleme zu lösen.

- Dass er sich bei Schwerpunktsetzungen und Spendenaufrufen einer größeren Anzahl von Anliegen öffnet. Vergleichbare Aktionen in Deutschland oder der Schweiz könnten hier als Beispiel dienen. Die rund 250 Spendengütesiegel-geprüften Organisationen stellen ein mögliches Reservoir für eine solche Öffnung dar.

- Dass er politischen Reformprojekten, an deren Fortgang die Zivilgesellschaft ein vitales Interesse hat, wie zum Beispiel dem Informationsfreiheitsgesetz, der Demokratiereform oder dem jüngst vom Zukunftsausschuss des Bundesrates gestarteten Projekt »Digitaler Wandel und Politik«, mehr Beachtung und Raum schenkt.

- Dass es im Zuge einer zukünftigen Reform des ORF-Gesetzes zu einer noch breiteren und noch legitimeren Vertretung zivilgesellschaftlicher Anliegen in den ORF-Gremien kommt.

Diese Wünsche richten sich natürlich dem Grunde nach auch an alle anderen Medien dieses Landes, die noch mehr vom Markt getrieben sind als der ORF; wenngleich wir nicht erwarten, dass sie dort Gehör finden werden. Umso größere Hoffnungen setzen wir in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dass er der populistischen Versuchung auch weiterhin nicht erliegt. Mit dem Siegeszug der Neuen, sogenannten sozialen Medien hat sich die Abhängigkeit der Zivilgesellschaft von den »alten« Medien drastisch verringert. Gleichzeitig erkennen wir immer deutlicher deren Risiken und Gefahren. Vielfach tritt inzwischen an die Stelle des Wahren, Guten und Schönen die Lüge, die Bösartigkeit und das Hässliche. Es ist mehr als einsichtig, dass sich auch der ORF im Wettbewerb mit den Neuen Medien um neue Formen der Interaktion mit seinem Publikum bemüht. Gleichzeitig erleben wir es aber auch als wohltuend, dass der ORF - um ein altes Kurt-Tucholsky-Wort zu zitieren - nicht nach allen Seiten offen ist.

Der Autor
Franz Neunteufl ist Geschäftsführer der »Interessensgemeinschaft Gemeinnütziger Organisationen«.



Public Value Bericht 2017/18