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© ORF/Günther Pichlkostner

Kritikfähigkeit als Querschnittskompetenz

Public Value Bericht 2015/16: Dr. Gerhard Bisovsky – Verband Österreichischer Volkshochschulen


Eine langjährige Zusammenarbeit mit dem ORF kennzeichnet die Medienpreise der Erwachsenenbildung. Seit 1967 wird der Fernsehpreis für österreichische Produktionen und für solche, an denen österreichische Sender maßgeblich beteiligt sind, vergeben. Der Radiopreis wird seit 1998 für Eigenproduktionen österreichischer Sender verliehen. Ziel der beiden Preise ist die Förderung der Zusammenarbeit von Erwachsenenbildung und Fernsehen bzw. Radio für eine kritische und sachliche Auseinandersetzung mit beiden Medien und eine Anregung für die Gestalter/innen der Programme.

Der Fernsehpreis kann in den Sparten Dokumentation, Fernsehfilm und Sendereihen eingereicht werden. Die Jury vergibt zudem den »Axel-Corti-Preis« für erwachsenenbildnerisch besonders wertvolle Leistungen im Rahmen von Sendungen im österreichischen Fernsehen. Beim Radiopreis gibt es die Sparten Information, Kultur, Bildung, Interaktives/Experimentelles und Sendereihen/ Themenschwerpunkte. Der Preis in der Sparte Bildung/ Wissenschaft ist nach dem verstorbenen Erwachsenenbildner und ORF-Kurator Eduard Ploier benannt. Die Anzahl der für die Preise eingereichten Sendungen bewegt sich seit mehreren Jahren auf einem konstant hohen Niveau: 60 Produktionen beim Fernsehpreis und jährlich 90 Sendungen beim Radiopreis.

In den Jahren bzw. Jahrzehnten, in denen die Medienpreise der Erwachsenenbildung vergeben werden, sind mehrere Öffnungen geschehen. Eine davon ist die Öffnung für die gemeinnützigen freien und privaten Radios und Fernsehsender, die vom ORF immer mitgetragen wurde. Weiters finden sich Themen der Erwachsenenbildung in den Produktionen für das Fernsehen und das Radio. Zahlreiche Produktionen in Fernsehen und Radio setzen sich mit zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinander. Beim zuletzt stattgefunden Radiopreis wurde die Reihe »Wenn Erwachsene lesen und schreiben lernen. Bildungsbenachteiligung in Österreich« ausgezeichnet. Dieses Grundthema der Erwachsenenbildung ist deswegen so wichtig, weil die weltweite Studie zu den grundlegenden Kompetenzen von Erwachsenen (PIAAC) ergeben hat, dass in Österreich rund 970.000 Menschen über geringe Lesekompetenzen verfügen und dass sich mehr als 600.000 Personen auf den untersten Kompetenzstufen in allen drei Bereichen (Lesen, grundlegende mathematische Fertigkeiten und Problemlösen mit Computer und Internet) befinden. Personen mit geringen Grundkompetenzen stimmen der Frage »Menschen wie ich haben keinerlei Einfluss darauf, was die Regierung macht« mehrheitlich voll zu, ihr Vertrauen in andere Menschen, das als Hinweis auf die soziale Einbindung interpretiert werden kann, ist deutlich geringer als bei jenen, die keinen Basisbildungsbedarf haben - und schließlich schätzen sie ihren Gesundheitszustand mehrheitlich schlechter ein als jene, die keinen Basisbildungsbedarf haben.

Angesichts zahlreicher Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft sollte die Zusammenarbeit von Erwachsenenbildung, Fernsehen und Radio intensiviert werden. Die BBC bietet seit vielen Jahren »Free online lessons« zum Sprachenlernen an. Gemeinsam mit der österreichischen Erwachsenenbildung könnte ein multimedial gestütztes Deutsch-Lernen umgesetzt werden: Der ORF produziert kleine Lernhappen für Fernsehen und Radio, für die bestehende Sendungen sehr gut verwendet werden können. Die Erwachsenenbildung stellt Online-Sprachlernkurse zur Verfügung, durch die das Lernen bereits im Ausland möglich wird. Ebenso werden begleitend Präsenzkurse oder hybride Formate, die Präsenzlernen mit Online-Lernen kombinieren, durchgeführt.

Das ARTE-Format »Karambolage« präsentiert wöchentlich französische Wörter, Begriffe und Kuriositäten, die dem Publikum kreativ nähergebracht werden. In Österreich könnte dies sowohl mit Französisch als auch mit anderen Fremdsprachen gemacht werden. Im Radio wäre die Einbindung von Muttersprachlern eine Möglichkeit. So zum Beispiel könnte im Wetterbericht der/die Moderator/ in nach dem spanischen Wort für Sonne und Wind oder dem englischen oder französischen Wort für Lawine fragen. Darüber hinaus kann über die Kultur erzählt werden, kulinarische Tipps können gegeben werden, usw. Schön wäre es, auch die Sprache von Migrantinnen und Migranten einzubeziehen.

Ein heute sehr wichtiges Thema ist die Medienkompetenz. Zu viele Menschen sind nicht in der Lage zu entscheiden, welche Informationen welchen Wahrheitsgehalt haben. Es gibt mittlerweile zahlreiche Beispiele, wie aus Gerüchten, die einzelne Menschen streuen, über das Internet falsche Nachrichten verbreitet werden, die in weiterer Folge von Printmedien unhinterfragt übernommen werden. Studierende verwechseln Forschen mit dem Recherchieren im Internet und sind vielfach nicht in der Lage, die Validität von Google-Treffern zu bewerten. Oder sind es gar die ersten drei Treffer bei Google, die einen hohen Wahrheitsgehalt besitzen?

Kritikfähigkeit und die Fähigkeit zum kritischen Denken sind Querschnittskompetenzen, die in der Berufswelt an Bedeutung gewinnen. Die kritiklose Annahme dessen, was heute über verschiedene Medien kommuniziert wird, ist in einem Zusammenhang mit demokratiepolitischer Bildung zu sehen. Demokratie ist nicht Selbstverständliches, sie muss immer wieder gelernt werden. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey (1859-1952), der die Erwachsenenbildung maßgeblich beeinflusst hat, hat dazu geschrieben: »Democracy has to be born anew every generation, and education is its midwife«. Die Erwachsenenbildung kann hier gemeinsam mit Fernsehen und Radio die Geburtshelferin sein.

Medienkompetente Menschen sollen in der Lage sein, die Medientechniken verantwortungsbewusst zu nützen, sie sollen auf vielfältige Medienformen und Inhalte zugreifen und eine Auswahl treffen können. Sie sollen verstehen, warum Medieninhalte produziert werden und in der Lage sein, die Techniken, Sprachmuster und Botschaften kritisch zu analysieren. Schließlich geht es um die kreative Nutzung von Medien, um Ideen, Informationen und Meinungen auszudrücken und die Menschen sollen Medien für die Ausübung ihrer demokratischen Rechte nutzen können. Medienkompetenz und digitale Kompetenz sind heute eng miteinander verbunden. Eine besondere Aufgabe des ORF - aber auch freier Radios und der Erwachsenenbildung - sehe ich darin, geeignete Formate für den Erwerb einer kritischen Medienkompetenz zu entwickeln, die sodann gemeinsam und flächendeckend umgesetzt werden. Neue Bildungsformate und Bildungskanäle sollten in einer Kooperation von Erwachsenenbildung und ORF angedacht werden, die eine zeitgemäße Umsetzung ohne einen pädagogischen Zeigefinger erlauben.

Der Autor
Gerhard Bisovsky ist Generalsekretär des Verbands Österreichischer Volkshochschulen.



Public Value Bericht 2017/18