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Gleich gelingt’s uns besser

Public Value Bericht 2015/16: Doris Fennes-Wagner – Gleichstellungsbeauftragte im ORF



Wie steht es mit der Gleichstellung im ORF – ist sie umgesetzt? Noch lange nicht. Ist die vorgegebene Frauenquote von 45 Prozent erreicht? Noch lange nicht. Verdienen die Frauen im ORF gleich viel wie die Männer? Noch lange nicht.

Es ist noch viel Arbeit zu tun, wiewohl man mit gutem Gewissen sagen kann, dass sich punkto Gleichstellung im ORF Vieles in eine positive Richtung bewegt. Mit einem durchschnittlichen Frauenanteil in Höhe von 43,3 Prozent im ersten Halbjahr 2015 nähert sich der ORF schrittweise der im ORF-Gesetz festgeschriebenen Frauenquote von 45 Prozent. Wie die jährliche Überprüfung des Genderstatus zeigt, findet – mit Ausnahme der Technischen Direktion – in allen Bereichen eine kontinuierliche Annäherung der Ist-Werte an die Zielwerte statt.

Die Erhöhung des Frauenanteils ist in nahezu allen Verwendungsgruppen zu beobachten, erfreulicherweise auch in den höchsten Gehaltsstufen. Hier konnte der Frauenanteil bereits auf 31 Prozent gesteigert werden; zu Beginn der aktiven Gleichstellungsarbeit lag er bei 24 Prozent. Mit dem Überschreiten der 30-Prozent-Marke des Frauenanteils in Führungspositionen liegt der ORF auch knapp über Vergleichswerten deutscher Medienunternehmen.

Dadurch hat sich auch der »Gender Pay Gap«, die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen, wieder leicht geschlossen – vergleicht man die Jahresbruttogehälter, verdienen Männer im ORF im Durchschnitt aber noch immer um 14 Prozent mehr als Frauen

Das ist Motivation genug, um weiterzumachen, aber auch aufzumachen. Im Bereich der Technik etwa mit einem neuen Traineeship für Frauen. Konkret sollen ab heuer in der Technischen Direktion durch ein einjähriges, bezahltes Ausbildungsprogramm bereits gut qualifizierte Frauen für höhere Positionen fit gemacht werden. Die Vorarbeiten für diese Technik-Akademie sind schon abgeschlossen; der Start ist für den Herbst 2016 geplant.

Auch punkto Vereinbarkeit – wo viele Forderungen der Gleichstellungsbeauftragten schon umgesetzt wurden – gibt es noch viel zu tun. Geplant ist etwa die Entwicklung von Grundmodellen in den Bereichen Topsharing und Führung in Teilzeit in Anlehnung an das bereits eingeführte Modell Altersteilzeit, sowie die flächendeckende Ermöglichung von freiwilliger Teilzeitarbeit.

Dass sich der ORF der Gleichstellung verpflichtet fühlt, soll man aber nicht nur an Zahlen, Strukturen und der Haltung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennen, sondern auch in unseren Programmen sehen, hören und lesen können. Daher ist es ein erklärtes Ziel, einen stärkeren Fokus auf eine gendergerechte Darstellung von Männern und Frauen zu legen, nicht tradierte Rollenstereotype zu strapazieren, sondern die bestehende Vielfalt von Frauen und Männern in der Arbeitswelt und im Familienleben abzubilden. Die Arbeit der Programmverantwortlichen wird durch jährliche Programmanalysen unterstützt. Das »Weiter- und Aufmachen« beschränkt sich aber nicht nur intern auf den ORF; unsere Gleichstellungsarbeit stößt auch in anderen Medienunternehmen auf großes Interesse. Mit einem Wort: Die Gleichstellungsarbeit des ORF »goes international«

Traditionellerweise eng ist dabei die Zusammenarbeit mit ZDF und ARD – gewachsen auch durch die langjährige Teilnahme der ORF-Frauen an den Herbsttreffen der Medienfrauen in Deutschland. Ein aktuelles Ergebnis dieser Zusammenarbeit: Einige Sendeanstalten von ZDF und ARD übernehmen die Kampagne »Papa im ORF«, um auch in ihren Radio- und Fernsehstationen die Väterkarenz zu bewerben. Auch ORF-Initiativen wie das Projekt »New Faces« haben schon Nachahmer gefunden.

Sicher ist es auch eine Auszeichnung für den ORF und seine Gleichstellungspolitik, dass die Gleichstellungsbeauftragten von MedMedia und COPEAM eingeladen wurden, an einem Projekt der EU zur Unterstützung struktureller Reformen in den Rundfunkanstalten der Mittelmeeranrainerstaaten mitzuarbeiten. Von BBC und weiteren europäischen und arabischen Institutionen unterstützt, wird dabei an der Implementierung des Gendergedankens in den Medienunternehmen dieser Länder gearbeitet. Ziel ist es, Reformen im Mediensektor durch den Austausch von Kompetenzen und Erfahrungen voranzutreiben, trotz unterschiedlicher Wertegemeinschaften gemeinsam Lösungen zu finden und diese Länder stärker mit Europa zu vernetzen.

Für die Rundfunkanstalten ERTU (Ägypten), JRTV (Jordanien) und PBC (Palästina) ist nun der ORF konkreter Ansprechpartner beim Aufbau von Gleichstellungsstrukturen. Ägypten wird konkret bei einer Genderanalyse unterstützt, Jordanien bei der Durchführung einer Gender-Sensibilisierungskampagne und Palästina bei der Erstellung eines Gleichstellungsplans. Der ORF-Gleichstellungsplan soll dafür als Grundlage dienen.

Eben dieser Gleichstellungsplan, für den im Vorjahr ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz – als einer von weltweit fünf Managern – mit dem »Women’s EmpowermentPrinciples CEO Leadership Award« von der UNO in New York ausgezeichnet worden ist. Der ORF ist weltweit das erste Medienunternehmen und auch das erste Unternehmen Österreichs, dem diese Auszeichnung zuteil wurde – für sein Engagement zur Förderung der Gleichstellung von Frauen im ORF. Eine hohe internationale Auszeichnung , die nicht nur eine besondere Ehre ist, sondern auch eine große Motivation, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen – die Rolle von Frauen im Unternehmen zu stärken und Gendergerechtigkeit zu verwirklichen.

Die Autorin
Doris Fennes-Wagner ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Gleichstellungsfragen im ORF.





Public Value Bericht 2017/18