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© ORF/Günther Pichlkostner

Reizthema Gendern

Elisa Vass, Radioinformation


Geschlechtergerechte Sprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

"Pfefferstreuer/in", "Menschen und Menschinnen", "Otto Normalverbraucher und Ottilie Normalverbraucherin": Solche weltfremden und abstrusen Beispiele bringen meist jene, die dem Gendern in der Sprache grundsätzlich abgeneigt sind. In ihrem Chor singe ich nicht mit.

Ebenso wenig möchte ich dafür plädieren, dass wir uns im ORF Regeln auferlegen, die unsere Sprache schwer hörbar machen oder gar Aggressionen in unseren Hörern und Hörerinnen wecken: In jedem Satz alle Wörter zu gendern, ist in Radio, Fernsehen und auch online schlicht unmöglich. Man denke an Satzmonster wie: „Jeder oder jede, dem oder der zum Thema „Deradikalisierung von Terroristen und Terroristinnen“ etwas einfällt, kann darüber mit seinem oder ihrem Nachbarn beziehungsweise seiner oder ihrer Nachbarin beratschlagen". Oder: „Männliche, weibliche und Transgender-Flüchtlinge sind der Gewalt durch Schlepperinnen und Schlepper gleichermaßen ausgesetzt." Das geht nicht.

Dennoch sollten wir Journalistinnen und Journalisten uns nicht auf den bequemen Standpunkt: „Ich nenne immer nur die männliche Form, denn alles andere kostet mich zu viel Sendezeit" zurückziehen: Wenn wir, wie es noch immer in den meisten Printmedien praktiziert wird, die Frauen - etwa in der Pluralform - weitgehend verschweigen, etwa mit Formulierungen wie „In vielen Gemeinden wählen die Österreicher heute neue Bürgermeister“, dann nehmen wir damit nämlich zweierlei in Kauf:

1. Das männlich dominierte Weltbild wird in den Köpfen verstärkt und immer weiter gefestigt.

2. Die Realität wird nicht abgebildet - durchaus ein Sakrileg im Journalismus! Denn es gibt eben im Deutschen eine weibliche Form im Plural, und wenn ich nur von Männern rede, dabei aber auch Frauen meine, drücke ich mich, streng genommen, falsch aus. Forschungen belegen, dass bei Sätzen wie „Die vier belgischen Atomphysiker haben dafür den Nobelpreis bekommen", kaum jemand an eine Frau denkt.

Dennoch: Der Widerstand vieler Menschen gegen die Feminisierung der Sprache ist ziemlich mächtig. Nicht selten geht die starke Ablehnung der sprachlichen Hörbarmachung von Frauen mit Angst vor jeglicher Art von Feminismus oder auch vor Änderung bestehender Gesellschaftsstrukturen einher, ebenso mit der Angst davor, nicht mehr in gewohnter Weise reden oder auch hören zu dürfen - Stichwort „Political Correctness“.

Die Frauen in der Sprache sichtbar zu machen und nicht einfach nur mit den Männern „mitzumeinen“, ist dennoch notwendig, weil man damit daran erinnert, dass auch Frauen einen wichtigen Anteil in der Gesellschaft leisten, dass sie gleichberechtigt und daher auch gleich zu behandeln sind. Das im Auge zu behalten, ist durchaus ein Auftrag speziell an ein öffentlich-rechtliches Medium. Diesem Auftrag werden auch die Verpflichtung zur geschlechtergerechten Sprache in den Programmrichtlinien sowie die diesbezüglichen Empfehlungen der ORF-Rechtschreibkommission gerecht.

Wie das aber journalistisch umsetzen?

Ich plädiere, kurz gesagt, für Pragmatismus, Kreativität und Abwechslung, gleich ein Beispiel:

Die Verletzten wurden von Ärztinnen und Physiotherapeuten behandelt. (alternativ: von Ärzten und Physiotherapeutinnen)
Die „Verletzten“ sind ohnehin geschlechtsneutral, beim medizinischen Personal sind beide Geschlechter genannt, ohne dass die Substantive „verdoppelt“ werden.

Man kann auch in der Sprache abbilden, welche Berufsgruppe mehr frauen- bzw. männerdominiert ist, etwa: „Auch für Direktoren und Lehrerinnen war die Verkürzung der Sommerferien letztendlich akzeptabel“. Bei Dirigenten ist die Nennung von Frauen beinahe überflüssig, bei Kindergartenpädagoginnen die der Männer. Es geht in unseren Texten schließlich auch darum, auf die Differenzen und unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten hinzuweisen, die es eben immer noch gibt.

Eine weitere gute Strategie ist es, neutrale Begriffe zu verwenden, etwa „Lehrkraft“ statt „Lehrer oder Lehrerin“, „Teilnehmende“ statt „Teilnehmer/innen“, „rollstuhlgerechter Zugang“ statt „Zugang für Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen“ oder „Beschäftigte“ statt „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ usw.

Nicht in allen Fällen sind solche Lösungen praktikabel - man denke an die mit Häme geführte Debatte über die Bezeichnung „Landeshauptfrau“. Aber anstatt sich hier mit „Frau Landeshauptmann“ oder „Landeshauptmännin“ zu behelfen, könnte man ja auch darüber nachdenken, einen neuen Begriff zu prägen, etwa „Gouverneur/in“.

Es muss meiner Meinung nach auch nicht immer zwingend das Prinzip halbe-halbe herrschen in unseren Berichten. Man kann durchaus einmal „die Italiener“ ohne „die Italienerinnen“ wählen lassen, man kann auch einmal über den „Radiologenkongress“ sprechen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen wegen der unerwähnten Radiologinnen zu bekommen. Die ausschließliche Nennung der männlichen Form, die nach wie vor von vielen Journalistinnen und Redakteuren praktiziert wird, sollte aber nicht die Regel sein; ebenso wenig ist für uns als ORF die ausschließliche Nennung von Frauen, wenn beide Geschlechter gemeint sind, eine gute Idee - wie sie etwa in ORF.at aktionistisch erprobt wurde.

Wir sollten uns der Problematik bewusst und gendersensibel sein und die weibliche Form immer wieder einbauen. Variatio delectat!

Auch Hörgewohnheiten ändern sich und wenn wir mit Augenmaß und Pragmatismus an die Sache herangehen, werden unsere Seher und Hörerinnen vielleicht sogar selbst bewusster mit der Sprache und ihrer Funktion als Spiegel unserer Gesellschaft umgehen.

Die Autorin:
Elisa Vass ist Sendungsverantwortliche des "Journal Panorama" (Mo-Do, 18:25-18:55, Ö1). Für ihre Sendung "Sprache, Geschlecht und Politik" hat sie den Journalistinnenpreis "Silberne Medienlöwin 2016" erhalten.




Public Value Bericht 2017/18