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Augenmaß gefordert

Karl Petermichl, Technische Direktion


Rad, Dampfmaschine, Automobil, Buchdruck, Radio, Fernsehen, Computer, Internet, Smartphone: Im Schnelldurchlauf eine Aufzählung jener technischen Entwicklungen, die einerseits die Fähigkeiten der Menschheit erweitert und völlig neue individuelle Möglichkeiten eröffnet haben, andererseits jedoch auch dramatische ökonomische, soziologische und politische Umwälzungen in den diese Entwicklungen nutzenden Gesellschaften bewirkt haben. Über die Hardware hinausgehend bewirken die damit transportierten Inhalte und Konzepte tiefgehenden Wandel: Industrialisierung, Mobilität, Bildung, Information, Unterhaltung, individuelle Vernetzung in Form von „Social Media“ und der eben eingeläuteten „Sharing Economy“.

So wertvoll sich technologische Umbrüche über einen gewissen Beobachtungszeitraum auch darstellen (und wer möchte sich eine Welt ohne Automobil, Radio oder Bücher vorstellen?), so kritisch sollte man auch vergängliche „Hypes“ und Moden, kurzfristige Quick-Wins und veritable Flops kenntlich machen: Innovation mit Verantwortung bedeutet, eine möglichst vielschichtige Sicht auf die Auswirkungen von neu einzuführenden technischen Systemen zu werfen, die Diversität an mögliche Lebenswelten zu würdigen, niemanden auf Grund von Zugangshürden von relevanten Inhalten auszuschließen.
Für einen öffentlich-rechtlichen Sender gilt dies umso mehr, als Gebührengelder gewissenhaft verwendet werden müssen. Bei näherer Betrachtung gleicht nämlich die vielgelobte Innovationsdynamik in hochentwickelten techno-ökonomischen Arrangements wie etwa dem Silicon Valley eher den Regeln im Casino: Das reichlich verfügbare Risikokapital wird auf unterschiedliche Felder gesetzt, von zahlreichen (Startup-)Möglichkeiten kommen nur sehr wenige zum Erfolg, die Hoffnung ruht auf dem einen großen Ertragsbringer, der die anderweitigen Verluste ausgleicht.

Die Entscheidung, in eine neue Technologie zu investieren, wird im ORF mit zahlreichen Parametern und Analysen gestützt, zumal je nach Vorhaben Laufzeiten von mehreren Jahren für einen kompletten Systemumstieg zu projektieren sind: Wie kompatibel ist die neue Technologie mit derzeit vorhandenen Geräten in den Haushalten? Wie entwickelt sich der Verkauf einer neuen Gerätegeneration in den Elektronikmärkten? Wie viele Fernsehgeräte in Österreich sind tatsächlich mit dem Internet verbunden? Welches Smartphone-Betriebssystem wird tendenziell an Bedeutung gewinnen, welches wird Marktanteile verlieren? Entwickeln sich Spielekonsolen zum Mediengerät der Zukunft? Aus solchen und vielen weiteren Fragen hervorgehend sind Entwicklungen in der Bildtechnik wie 3D-TV, HDTV und UHDTV zu bewerten, ist die Gewichtung der Verbreitungswege zwischen Satellit, Kabel, Terrestrik und Internet zu definieren oder auch der Bandbreitenbedarf im Live-Streaming perspektivisch zu planen.

Neben den internen Investitionsentscheidungen sind auch die angesprochenen inhaltlichen und methodischen Auswirkungen Gegenstand von Abwägungen: Wie setzt man zeitgemäßes Storytelling multimedial um? Unterstützt die Studiodekoration optimal das Sendungskonzept und dessen visuelle Präsentation? Welche Formate kommen für die Umsetzung mit „Virtual Reality“-Technologie in Frage? Ist die zusätzliche Ebene einer sendungsbegleitenden App mit Audiosteuerung geeignet komplexere Handlungsstränge zu vermitteln?

Qualität im Sinne medientechnischer Entwicklungen entfaltet sich daher vor allem dann, wenn Innovation gefördert, aber nicht zum Selbstzweck wird, wenn Technologien erst nach sorgfältiger Nutzungsanalyse ausgerollt werden, wenn Barrierefreiheit ebenso hochrangig wie der neueste Medientrend in den Prioritätenlisten aufscheint. Dafür steht die ORF-Technik, und die Summe solcher Aspekte prägt unsere spezifisch öffentlich-rechtliche Stimme im Chor der Medienunternehmen.

Der Autor:

Karl Petermichl verantwortet die Investitionen der Technischen Direktion des ORF.






Public Value Bericht 2017/18