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© ORF/Christian P. Saupper

Die Gegenteile der Authentizität

Christoph Guggenberger, TV-Religionsredaktion


„Sehr gut, aber sehr spät“, das steht angenehm häufig in den E-Mails unser Zuseherinnen und Zuseher als Sendungsfeedback. „Sehr gut“, das freut uns natürlich, bei „sehr spät“ beeilen wir uns hinzuzufügen, dass „kreuz und quer“ auch auf ORF III zu sehen ist und außerdem einen Mittags-Wiederholungstermin hat… Was aber heißt für uns „sehr gut“ im Bereich der TV-Dokumentation für „kreuz und quer“ und was nimmt unser Publikum als „sehr gut“ wahr? Die Zutaten scheinen zunächst selbstverständlich – doch sie haben unbequeme Konsequenzen.
Da ist zunächst einmal gerade bei TV-Dokumentationen ein gehöriges Maß an Authentizität als Hauptzutat. Klingt selbstverständlich und modern. Ist aber schon auf den zweiten Blick ziemlich schwierig. Das wird deutlicher, wenn man bei der Definition von Authentizität versucht, Gegenteile zu formulieren. Ein auf den ersten Blick vielleicht nicht erkennbares aber durchaus gefährliches Gegenteil ist nämlich die „Mission“, oder aber gefälliger formuliert – „wenn ein Film etwas aussagen will“. Sehr schnell ist hier das Gegenteil von Authentizität erreicht, nämlich „das Bemühen, eine Haltung zu vermitteln“. Auf der Suche nach sehr guten TV-Dokumentationen für „kreuz und quer“ ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass es nicht viele Regisseurinnen und Regisseure gibt, die ihrem Stoff, ihren Protagonistinnen und Protagonisten, ihrem Objekt der Berichterstattung wirklich trauen. Und die sich vor allem trauen, Tiefen und Untiefen auszuloten, Vertrauen zur Wirklichkeit zu haben, ins Eintauchen ins Komplexe. Erst dann gelingt es, einen Felsen zu umschiffen, der sich Klischee nennt, auch ein Gegenteil der Authentizität. Denn Klischees machen die Wirklichkeit stromlinienförmiger. Das bietet zwar Vorteile fürs Erzählen, doch wirklich spannende Dokus sind nicht aerodynamisch. Und sind erst dadurch authentisch - und übrigens bei aller erwähnten Vorsicht – überzeugender. Maria Kollers Film über Mutter Theresa „Heilige der Dunkelheit“ (MR-Film) darf hier als Beispiel dienen, in der sie Mutter Theresa mit ihren schwierigen Seiten und auch mit ihren Glaubenszweifeln portraitiert, authentisch.
Dieses Eintauchen in die Wirklichkeit braucht – Zeit. Womit eine weitere wichtige Zutat angesprochen wäre, die Zeit eben – und damit Ausführlichkeit und die Liebe zum Detail. Eine gute „kreuz und quer“-Doku muss das Gegenteil der so modernen „Briefings“ sein. Die vollständige Information, nicht Info-Häppchen. Doch auch diese Zutat ist nicht selbstverständlich, mundet nur auf den ersten Blick. Denn das Bekenntnis zur Ausführlichkeit und der Abbildung der Wirklichkeit in ihren Schattierungen bedeutet auch, Mut zu haben, Themen zu zerlegen. Aspekte einer Thematik auszuwählen, um diese im Detail ausleuchten zu können. Details zu zeigen und Zeit zu haben – „Himmelwärts“ ist so ein Film (Regie Jaqueline Kornmüller, Produktion Navigatorfilm). Ein extrem ruhiger, behutsamer und nachdenklicher Blick voll von innerer aber auch optischer Spannung, der den stillen Tageablauf eines Piaristenpaters zeigt, der mitten in Wien eine spirituelle Nische geschaffen hat.
Wobei dieses Beispiel auch noch eine dritte Zutat aufweist, die viele großartige Dokus aufweisen: Die Liebe zu Nischen nämlich, also dort hinzusehen, wo normalerweise niemand oder niemand gern hinsieht. Themen und Stoffe, die als unattraktiv gelten zu untersuchen. Und doch lassen sich oft gerade dort die vielen Facetten der Wirklichkeit entdecken. Und die weiten den Blick- positiv, negativ, wertfrei, offen für Überraschungen. „Wie Taubblinde ihr Leben sehen" von Johnny Roth ist auch ein Beispiel dafür. Ein Film der das Leben von taubblinden Menschen beschreibt. Solche, die es von Geburt an sind, und solche, die durch Krankheit dazu geworden sind. Er zeigt ihre Hoffnungen, ihre schlimmsten Momente. ihren Alltag. Spannend und überraschend an dem Film ist unter anderem zu sehen, wieviel Glück sie erleben, vielleicht sogar, wie wenig sich ihr Glück von anderen Menschen unterscheidet. Übrigens ein Film, der sehr gute Marktanteile hatte, sehr viele Zuseher/innen haben sich für das Leben von Taubblinden interessiert. Wir haben mit weniger gerechnet, hätten niedrigere Marktanteile akzeptiert, weil wir das Thema für wichtig hielten. Auch da hat uns der Film wieder einmal positiv überrascht. Qualität und Marktanteile müssen kein Widerspruch sein...

Der Autor:
Christoph Guggenberger leitet »kreuz und quer«.




Public Value Bericht 2017/18