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© ORF/Hans Leitner

Vom Fernsehen zum Nahsehen

Waltraud Langer, TV-Magazine


„Der Mensch von Nebenan“ – warum wir die Lebensrealität von Menschen zeigen und zeigen sollen. Der ORF als mediale Heimat.

ORF-Korrespondententagung Ende November 2016. Wir sitzen im Studio 3 im Funkhaus, diskutieren die Gründe für den Wahltriumph von Donald Trump. Hat der abgehoben im New Yorker Hochhaus lebende Milliardär tatsächlich gewonnen, weil er der Arbeiterklasse im sogenannten „Rust belt“ das Gefühl gegeben hat, sie besser zu sehen, zu hören und wahrzunehmen, als seine Konkurrentin Hillary Clinton?
Aber: Hat sich nicht auch in europäischen Staaten eine gefühlte Distanz zwischen politischer Klasse, Medien und Bürgerinnen, Bürgern eingeschlichen? Erreichen wir als ORF, als öffentlich rechtlicher Rundfunk, unser Publikum gut genug? Kümmern wir uns ausreichend um die Sorgen und Anliegen der „ganz normalen Menschen“?
In die konzentrierte, nachdenkliche Stimmung bringt es eine Frage unseres Kollegen in Kairo, Karim El-Gawhary, auf den Punkt: „Aber warum fühlen sich denn so viele so abgehängt?“
Meine Vermutung: Die Ursache ist ein giftiger Mix unterschiedlicher globaler Ereignisse. Seit 2008 prasseln Nachrichten auf uns ein, die Politik und Medien extrem beanspruchen: Die Finanzkrise, mit enormen Auswirkungen auf Wirtschaft, Banken, Unternehmen, Arbeitsplätze. Dem folgen die Krise des Euro, das Griechenland Finanzdesaster und gleich anschließend die Flüchtlingskatastrophe. Hunderttausende Menschen, die Richtung Europa und Österreich drängen. Zusätzlich eine beunruhigende Serie an Terroranschlägen, von Paris bis Brüssel und Berlin, die zu einer massiven Sorge um den Verlust der vertrauten Sicherheit führt. Allesamt emotional enorm beanspruchende Themen, die weder sachlich einfach zu beantworten sind, noch mit einer bestimmten Frist versehen sind. Niemand vermag zu sagen, ob all diese Probleme je wieder gelöst werden und das Leben politisch und wirtschaftlich wieder in das lange Zeit gewohnte stabile Umfeld kommt. Die Befürchtung: Die Zeit des jahrzehntelangen ökonomischen Aufstiegs ist vorbei. Hinein in die seit Jahren aufgeregte Stimmung fällt der Aufstieg des Internets, der Aufstieg von Facebook, Twitter & Co: Millionen Meinungen täglich, stündlich, minütlich. Wer hat recht, was ist falsch, wer lügt, wem geht es worum und wer von allen ist wirklich seriös? Es ist eine Entwicklung weniger Jahre: Dank neuer Technologien sehen wir zwar sehr viel mehr von der Welt, haben aber gleichzeitig den Überblick verloren.
In dieser permanenten internationalen Herausforderung, in dieser neuen Unübersichtlichkeit, ist der „Mensch von nebenan“ aus dem Blickwinkel geraten. Dabei braucht er uns gerade jetzt mehr denn je.
Damit sich der „Mensch von nebenan“ im ORF wiedererkennt, muss er sich bei uns sehen – in seiner Lebensrealität. Ob es die Alleinerzieherin ist, die Alltag und Beruf mit Mühe meistert, der Hotelier in Obertauern, der keine Köche bekommt, die Frau, die unter größten Anstrengungen ihre betagten Eltern pflegt, die Mindestpensionisten, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Sie wollen von uns in ihrer oft schwierigen Lebensrealität gesehen, gehört, wahrgenommen werden.
Nach Ansicht des Medienforschers Rasmus Kleis Nielsen vom Reuters Institute for the Study of Journalism wird die Deutungshoheit über die private und politische Realität gerne den Boulevardmedien überlassen – und das sei auch ihr Erfolg: „Boulevardmedien haben sich der Sorgen kleiner Leute traditionell angenommen, stärker als die Qualitätsmedien oder der öffentliche Rundfunk, das Fernsehen. Aus dem Blickwinkel der Arbeiterklasse hatten die Boulevardmedien immer sehr hohen Sinn: Da sieht jemand die Welt, wie ich sie sehe.“

Sieht jemand die Welt, wie ich sie sehe – da muss öffentlich rechtlicher Rundfunk hinschauen, egal ob für Arbeiterinnen, Studenten, Unternehmerinnen oder Pensionisten als Publikum. Mit Qualität und ohne Zynismus. Analyse, einordnen, Wege zeigen, nicht nur im Negativen oder im Konflikt steckenbleiben, Information anbieten. Genau das ist schon jetzt eine Stärke der ORF TV-Magazine. In Formaten wie „Am Schauplatz“, „Thema“, „Report“ , „heute konkret“ oder „Bürgeranwalt“. Wir zeigen in diesen Formaten Interesse für Probleme und Sorgen, ohne zu kränken oder aufzuhetzen. Das konstruktive Miteinander im Vordergrund, ohne Probleme auszusparen. Kritischer, unabhängiger Journalismus als oberste Regel.
Doch die Begleitumstände, das Publikum mit dieser Qualität zu erreichen, sind in den letzten Jahren schwieriger geworden.

Viele Jahre war das ORF-Fernsehen eine Art Lagerfeuer der Nation. Seit Privatisierung und Digitalisierung konkurrieren Hunderte TV-Kanäle um Zuschauer/innen. Und mit dem Smartphone und Social Media wie Facebook, Twitter oder YouTube wird das einstige Lagerfeuer zu einem Meer an Feuerzeugen, das millionenfach mit unterschiedlichsten Inhalten aufleuchtet.
In dieser zunehmenden medialen Zersplitterung müssten alle wesentlichen Institutionen, denen die Demokratie am Herzen liegt, aus purem Selbstinteresse größtes Interesse an einem starken, nationalen öffentlich-rechtlichen Sender interessiert sein. Einem Sender, wie es der ORF ist, der aufgrund zahlreicher Auflagen per Gesetz zur Objektivität verpflichtet ist, der niemanden benachteiligt, der per Gesetz verpflichtet ist, ein Programm und umfassende Information für alle in diesem Land anzubieten.
Je mehr globale Angebote für jeden einzelnen abrufbar sind, umso klarer ist: Niemand kann so sehr wie der ORF eine mediale Heimat anbieten. Unser Publikum soll sich im ORF wie in einem Haus fühlen, mit vielen unterschiedlichen Zimmern - sprich: Inhalten - in denen sich die Menschen dieses Landes wiederfinden. Ein Haus mit starkem Fundament und wirksamen Spielregeln, die das Zusammenleben fördern. Der Mensch von Nebenan, der von uns gesehen, gehört und wahrgenommen wird, in seiner Lebensrealität, ohne provinziell zu sein. Der Blick nach außen auf das Weltgeschehen, auf Gesellschaftspolitik, Wirtschaft und Kultur als Selbstverständlichkeit.
Statt der lodernden Aufgeregtheit ein gemeinsames Lagerfeuer. Ein Rundfunk für alle, in dem sich niemand abgehängt fühlt, niemand übersehen wird, unabhängig von ökonomischen Verhältnissen. Heimat schafft Identität. Der ORF kann genau diese Fläche für Identität bieten, denn sie scheint in den millionenfach irrlichternden Medienangeboten verloren zu gehen.

Die Autorin:
Waltraud Langer ist Chefredakteurin der TV-Magazine.





Public Value Bericht 2017/18