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Demokratie braucht Verständlichkeit
Forschungsprojekt zu Einfacher Sprache
Komplizierte Fremdwörter, abstrakte Formulierungen und verschachtelte Sätze: Was in vielen Nachrichtentexten üblich ist, schließt zahlreiche Menschen vom Informationsfluss aus.Steffen Grütjen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, zeigt auf, dass abstrakte oder übermäßig komplexe Sprache viele Menschen von der Nachrichtenrezeption ausschließt. „Was teilweise geschrieben wird, ist einfach zu komplex, und es gibt Personen, die dadurch erheblich ausgeschlossen werden“, sagt Grütjen. Als Beispiel nennt er Formulierungen wie „Berlin gibt grünes Licht“ — obwohl nicht die Stadt, sondern der Bundestag gemeint ist.
Was als gängige Formulierung im Journalismus erscheint, kann für einige Personen hinderlich sein. „Solche Abstraktionen und die übermäßige Verwendung von Synonymen erschweren das Verständnis“, dies verdeutliche die Notwendigkeit, Sprachbarrieren bewusst zu reduzieren, so Grütjen. Viele nutzen zwar klassische Nachrichtenangebote, verstehen aber nur einen Teil davon. Im Rahmen seiner Forschung habe Grütjen festgestellt, dass die wenigsten Befragten bestehende Angebote in Leichter oder Einfacher Sprache kennen würden.
Grütjen betont, dass die Konsequenzen unverständlicher Nachrichten über individuelle Befindlichkeiten hinausgehen, und verweist auf die publizistische Verantwortung: „Nicht verständliche Texte können dazu führen, dass Menschen auf zweifelhafte Quellen zurückgreifen oder sich gänzlich von Nachrichten abwenden.“ Personen, die Nachrichtenbeiträge nicht verstehen, würden aufhören, Nachrichten zu konsumieren oder auf Angebote ausweichen, die zwar leicht verständlich seien, allerdings keinen Qualitätsstandards genügten. Im schlimmsten Fall würden Menschen zu Nachrichtenangeboten greifen, die sich gegen die Demokratie stellen. Verständliche Sprache könne hingegen ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen.
Verschiedene Kanäle berücksichtigen„Medien sollten nicht nur Texte auf Websites anpassen, sondern möglichst viele Ausspielkanäle berücksichtigen“, nennt Grütjen eine weitere zentrale Forschungserkenntnis. Radio, Fernsehen, Instagram und sogar WhatsApp seien relevante Kanäle für die Zielgruppen leicht verständlicher Nachrichten. Manche Befragte, die erst mit 40 oder 50 Jahren Lesen und Schreiben gelernt haben, seien eher über das Fernsehen zu erreichen.
Im europäischen Vergleich zeigt sich: Textbasierte Angebote in Einfacher Sprache existieren bereits bei mehreren Medienunternehmen, für die Zukunft planen viele Organisationen verstärkt audiovisuelle Formate. Öffentlich-rechtliche Sender wie der ORF sind durch gesetzliche Vorgaben bereits verpflichtet, Nachrichten in Einfacher Sprache anzubieten und das Angebot leicht verständlicher Nachrichten stetig auszubauen.
Forschungsprojekt: ORF EINFACH für ALLEIm Rahmen des EU-Projekts ENACT haben der ORF und die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt ein Forschungsprojekt zur Weiterentwicklung der Angebote in Einfacher Sprache durchgeführt. Das Projekt „ORF – Einfach für Alle“, das im Sommersemester 2026 von Alexander Adelsgruber, Alexander Busch, Christian Staudt, Lea Knupper, Marius Börgmann, Mira Krevet, Mona Laufs und Niklas Mai, Studierenden des Fachs Journalistik mit Schwerpunkt Innovation, Management und Gesellschaft, und unter Leitung von Steffen Grütjen, M.A., durchgeführt wurde, widmete sich der Verbesserung der Zugänglichkeit von Informationen in Einfacher Sprache innerhalb des Österreichischen Rundfunks. Dabei wurden zwei Hauptaspekte fokussiert: die Einführung eines Wörterbuchs in Einfacher Sprache zur konsistenten und effektiven internen Kommunikation und die Entwicklung eines neuen Instagram-Formats, das Inhalte in Einfacher Sprache vermittelt.
Anna Mark, ORF