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Konrad Mitschka Künstliche trifft menschliche Intelligenz 2022/23 sind nicht nur Jahre des Krieges, des Klimawandels und zahlreicher sozialer Krisen. Es sind auch die Jahre, in denen Künstliche Intelligenz zum ersten Mal in vollem Umfang sichtbar wurde. ChatGPT, ein Chatbot der Firma Open AI, schreibt nicht nur - auf Eingabe seiner User:innen - heitere Gedichte, umfangreiche Artikel und längere Antworten auf alle möglich Fragen, sondern auch Reden für Abgeordnete des steirischen Landtags und des Europaparlaments. Prompt folgt eine öffentliche Auseinandersetzung zur Frage, inwieweit diese Software für das Verfassen akademischer oder schulischer Texte verboten werden sollte. Gleichzeitig werden Bilder veröffentlicht, die ebenfalls nicht von Menschen erdacht und geschaffen, sondern von Künstlicher Intelligenz produziert werden. Bilder, die aufgrund ihrer Brillanz fotorealistische Wirkung erzielen und auf den ersten Blick deutlich machen: Pandoras Büchse ist weit geöffnet.

Künstliche Intelligenz ist nicht nur imstande, durch neue Technologien schneller als jeder Mensch zu formulieren und abzubilden, sondern auch in der Lage zu täuschen und zu manipulieren. Die Diskussion um Gefahren, Nutzen und Chancen Künstlicher Intelligenz ist freilich nicht neu. Bereits in ihrem Beitrag zur Public Value-Studie "Digitale Transformation - vom Broadcaster zum Qualitätsnetzwerk" analysierten Uwe Hasebrink, Jan-Hinrik Schmidt und Stephan Dreyer algorithmische Empfehlungssysteme. Reinhard Christl untersuchte die Optionen Künstlicher Intelligenz für öffentlich-rechtliche Medien. Was also tun? Sind Algorithmen dämonische Geister, die menschliches Wissen und menschliche Kreativität verdrängen? Muss Künstliche Intelligenz, solange es geht, verhindert oder umgangen werden? Darf sie von öffentlich-rechtlichen Medien genützt werden?

Im aktuellen Public Value-Bericht finden Sie keine endgültige Antwort auf diese Fragen, aber, wie wir hoffen, eine interessante Kombinatio n aus beiden Welten. Wie jedes Jahr haben wir nach Möglichkeiten gesucht, die Struktur der Public Value-Qualitätsdimensionen, die die wesentlichen Werte und Leistungskriterien für die Medienproduktion darstellen, nicht nur durch Beispiele zu dokumentieren, durch Kommentare von ORF-Mitarbeiter:innen und Medienexpert:innen zu erklären, durch Zahlen, Daten und Fakten zu beweisen, sondern sie auch durch Bilder und Graphiken deutlich zu machen. Bunte Werbebilder, grinsende photogeshopte Portraitfotos wollten wir vermeiden. Da tauchte die Idee auf: Warum nicht Künstliche Intelligenz damit beauftragen, Orientierung, Kompetenz, kulturelle Vielfalt, Wissen oder Bürgernähe optisch interpretiert?

Die Ergebnisse waren irritierend und beeindruckend, naheliegend und vollkommen abwegig, kreativ und plump, schwarzweiß und knallbunt. Daher haben wir einen Kompromiss versucht: Wir haben menschliche mit Künstlicher Intelligenz kombiniert und haben der KI unsere Wertvorstellungen diktiert, kurz: wir haben die Kontrolle behalten. Die kalifornische Firma "Midjourney" hat auf Basis ihrer digitalen Technologien und unseren Angaben Bilder gestaltet, vorhandenes Fotomaterial mit Hilfe verschiedener Bearbeitungsbefehle der Software abgeändert und variiert.

"Midjourney" beschreibt sich auf der eigenen Website als kleines Laboratorium mit elf Mitarbeiter:innen. Gegründet wurde die Firma vom US-Amerikaner David Holz. Details zu "Midjourney" sind auf http://midjourney.com veröffentlicht - hier kann man sich auch einloggen, um Bilder zu generieren. Im Wesentlichen gibt man dazu Stichwörter ein, die sowohl Bildinhalt wie Bildstil beschreiben. Die Software wirft vier Bilder aus, aus denen man eines auswählen und ggf. weiterbearbeiten kann. Unabhängig davon ist es auch möglich, eigene Bilder mithilfe von Stichwörtern zu bearbeiten. So entstanden auch die Portraitfotos der Autor:innen im Bericht. Das Resultat unserer bildgebenden Kombination aus menschlicher und Künstlicher Intelligenz sehen Sie im aktuellen Public Value Bericht 2022/23.

Bilder, die darstellen sollen, worum es in den einzelnen Kapiteln geht: Eine Wurzel, aus der eine Geige und jede Menge Geld blüht, sollte ein Hinweis darauf sein, was wir unter ökonomischer und intellektueller Wertschöpfung verstehen, eine rot-weiß-rote Torte mit einer Feige und türkischem Tee könnte auf die Frage nach nationaler, kultureller und ethnischer Identität verweisen etc. Was wir mit der Verwendung Künstlicher Intelligenz nicht erreichen wollen, ist, die naive Euphorie über Künstliche Intelligenz noch zusätzlich anzufeuern. Wie in unseren Studien und Texten festgehalten, kann Medienqualität nicht delegiert werden, weder an Geschäftsmodelle noch an Künstliche Intelligenz. Fragwürdige, manipulative Anwendungen müssen gestoppt, reguliert, zumindest gekennzeichnet werden.

Eine kreative Erweiterung von Möglichkeiten durch digitale Technologien kann demokratischen Gesellschaften und ihrer Leistungsfähigkeit aber auch nützen. Es wird daher auch in Zukunft auf menschliche Intelligenz, soziale Interessen, auf Erfahrung und Klugheit ankommen, wie Künstliche Intelligenz angewandt, reguliert und öffentlich kontrolliert werden kann. Daher haben wir alle Illustrationen und Portraitbilder der Autor:innen auch entsprechend gekennzeichnet. Für öffentlich- rechtliche Medien mag gelten, was der Medienökonom Reinhard Christl in seinem Beitrag für die Public Value-Studie "Digitale Transformation" antizipiert: "Richtig eingesetzt, kann KI dazu beitragen, die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien offensiv neu zu interpretieren - nämlich dann, wenn es gelingt, die traditionellen Werte und Qualitätsstandards mit den neuen digitalen Möglichkeiten zu verbinden und auf diese Weise bessere journalistische Produkte zu generieren."