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Unterhaltung ist ungezwungenes Orientierungswissen

Univ.-Prof. Dr. Jürgen Grimm

Transkription
Ja, Unterhaltung gehört ja zum Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Also erstmal brauchen natürlich Menschen, die Arbeiten eine Chance, um sich auch erholen zu können. Das ist ein Faktor. Aber die Bedeutung der Unterhaltung geht natürlich weit darüber hinaus. Es geht eigentlich um ein Setting, in dem man ungezwungen ein Orientierungswissen erwirbt. Also wir lernen eigentlich aus unseren Analysen im Hinblick auf Popularität von bestimmten Sendungen, dass gar nicht so sehr der emotionale Gehalt ausschlaggeben ist, sondern der Informationswert. Das mag überraschen, weil man Unterhaltung gewöhnlich als Gegensatz von Information sieht, aber wenn Sie jetzt zum Beispiel eine Castingshow sehen, dann wird eigentlich die Information vermittelt, wenn man sich anstrengt, kann man aufsteigen. Oder wenn Sie eine Daily Soap sehen oder eine Telenovela – letztendlich ist die Message: Liebe ist etwas Wunderschönes und wir streben alle danach. Und Sie wissen natürlich, dass die Realität in Partnerbeziehung nicht immer eitelsonnenschein ist und da kann so eine Information dann hilfreich für die Alltagsorientierung sein. Und so ist es dann auch mit den anderen Formaten, wie zum Beispiel Actionfilme. Sie haben die Information oder die Message, man kann etwas erreichen, man kann sich auch als einzelner durchsetzen, man ist nicht den Umständen passiv nur ausgeliefert. Umgekehrt dann wieder: bei den Formaten, wo es um Schicksalsschläge geht, wo es um traurige oder melancholische Ereignisse geht, da lernen wir natürlich uns damit abzufinden, was wir nicht ändern können. Die Information lautet dann: Sei aktiv soweit du es beeinflussen kannst und finde dich mit dem ab, was du nicht ändern kannst. Und all dies ist etwas, was Unterhaltung in ihrer Informations- und Orientierungsfunktion leisten. Neben der Rekreation, neben der reinen Erholung.

Also es ist sehr wohl auch möglich, dass durch die Rezeption von Unterhaltungssendungen, Orientierungen vermittelt werden, die problematisch sind. Beispielsweise im Zusammenhang mit Gewaltdarstellungen. Da ist das ja auch häufig kritisch diskutiert worden. Allerdings muss man sehen, die Standardformate zum Beispiel, ein Kriminalfilm, verherrlicht ja nicht die Gewalt. Sondern es gibt am Anfang den Mord und dann wird am Ende vermittelt: „Mord lohnt sich nicht, denn der Verbrecher wird ja gefangen, entdeckt und bestraft“. Natürlich muss dann hin und wieder dafür so etwas wie „gute“ Gewalt eingesetzt werden, um das „Böse“ zur Strecke zu bringen und dann haben wir eine gespaltene Message, die aber mit unserer gesellschaftlichen Realität ja voll übereinstimmt. Wir haben ja ein Gewaltmonopol des Staates, das ist sozusagen die „gute Gewalt“. Und wir haben natürlich jede Menge sanktionsbewährter Verbrechen, die wenn man sie begeht – zum Beispiel jemanden zu überfallen – führen dann zwangsläufig ins Gefängnis oder zu einer anderen Form der Bestrafung. Und diese Formate leisten als weit mehr als nur zu zeigen, wie Gewalt geht. Sie helfen, sich mit Gewalt in der Gesellschaft zu Recht zu finden. Und was ist denn beruhigender, als am Ende des Krimis zu sagen: „Gott sei Dank, er ist gefasst. Jetzt kann ich gut einschlafen.“




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