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Weder polarisieren noch moralisieren

Zur sozialen Verantwortung der Medien im Umgang mit »dem Fremden«


DR: BEATE WINKLER
BUREAU OF EUROPEAN POLICY ADVISERS DER EUROPÄISCHEN KOMMISSION

Integration. Kaum ein anderes Thema erhitzt die Gemüter so wie dieses – nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Wir können ihm nicht entgehen, denn wir wissen, dass die Gesellschaft in Europa aufgrund der demografischen Entwicklung und der Globalisierung kulturell, ethnisch und religiös immer vielfältiger werden wird. Dies sollte nicht Anlass zur Panik sein, sondern Aufforderung, die Zukunftschancen aufzugreifen, die im Bereich Integration und Migration liegen – ohne die Probleme zu verschweigen. Wir wissen aus Forschungsergebnissen, dass Gesellschaften wirtschaftlich am erfolgreichsten sind, wenn sie drei T haben: Förderung von Technologien, Talenten und Toleranz.


Doch dass ist nicht im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen. Studien – zum Beispiel der Bericht der EU-Grundrechtsagentur zu Erfahrungen von Diskriminierung oder die Studie der „Initiative Menschenrechte“ – belegen, dass Minderheiten alltäglich diskriminiert werden und negative Einstellungen zu Minderheitenrechten weit verbreitet sind. Dies spiegelt sich wider in Vorurteilen und Abwehrhaltungen, mit denen Minderheiten konfrontiert sind. Beispielhaft erwähnt sei die Studie über gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit in Europa von 2009. Danach stimmen 50,4 % der Europäer der Auffassung zu, dass es zu viele Einwanderer gibt. 24,4 % nehmen an, Juden haben zu viel Einfluss und 54,4 % der Europäer glauben, dass der Islam eine Religion der Intoleranz ist. Fast ein Drittel der Europäer gehen davon aus, dass es eine „natürliche Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen“ gibt. Diese Einstellungen werden aufgegriffen von populistischen Parteien in ganz Europa. Die Niederlande, Schweden und nicht zuletzt Wien sind Beispiele.

Umgang mit Fremdenangst und soziale Verantwortung der Medien

Wachsender Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund einerseits und abwehrhaltungen gegenüber Minderheiten andererseits lassen die Zweifel an einer zukunftsorientierten Integrationspolitik noch weiter steigen. Warum gibt es immer noch so starke Abwehrhaltungen? Die Gründe sind vielfältig. Ein Aspekt ist aber von zentraler Bedeutung, doch in Konzeptionen zu Integration und Zuwanderung kaum zu finden: der Umgang mit Gefühlen und mit Fremdenangst. Sie werden kaum berücksichtigt – oder fatalerweise jenen Populisten überlassen, die daraus ihr eigenes Süppchen kochen. Vergessen wird, dass jedes Problem zwei Dimensionen hat: eine faktische und eine emotionale. So blockieren unaufgegriffene Abwehrhaltungen auch die Lösung faktischer Probleme. Mit negativen Einstellungen kann man keine positiven Lösungen finden.

Da bekanntlich die Vorstellungen von Tatsachen wichtiger sind als die Tatsachen selbst, heißt es Gefühle und Abwehrhaltungen aufzugreifen. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Hier sind die Medien gefragt. Hier kommt ihre soziale Verantwortung ins Spiel. Wie kaum ein anderer Bereich sind sie in der Lage, Einstellungen und Abwehrhaltungen zu beeinflussen, denn sie produzieren Bilder. Und Bilder sind einflussreicher als jedes Wort, jeder Bericht, jede Rede.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk: Garant für eine demokratische Kultur der Vielfalt

Ist in einer solchen Situation nicht allein das Spiel freier Kräfte gefragt? Garantiert nicht der „Markt“ die Vielfalt der Meinungen und Weltanschauungen? Nein – ganz im Gegenteil. Wie selten zuvor ist hier der öffentlich-rechtliche Rundfunk gefragt: Er – und nicht die privaten Anbieter – hat es zur Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass die Pluralität unserer Gesellschaft sich im Programm widerspiegelt und dass die journalistischen Beiträge sich auf dem Boden des gemeinsamen Wertesystems bewegen. Insoweit kann die Bedeutung des öffentlich- rechtlichen Rundfunks gar nicht unterschätzt werden. Dies ist in einer Situation, in der Minderheiten mit einer breiten Abwehr des öffentlichen Bewusstseins konfrontiert sind, von ganz besonderer Bedeutung. Im Gegensatz zu den privaten Anbietern, die sich in allererster Linie nach den Bedürfnissen und Gefühlen der Mehrheit der Zuschauer und Zuhörer ausrichten, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen, ist es gerade die Aufgabe der öffentlichen-rechtlichen Rundfunkanstalten, Minderheiten zu Wort kommen zu lassen und ihnen Raum im öffentlichen Diskurs zu geben. Dieser diskursive Raum trägt nicht nur zu einem größeren Pluralismus bei, sondern ganz entscheidend auch zu einer effizienten Lösung von tatsächlichen Problemen. Studien haben wiederholt belegt, dass kontroverse Themen konstruktiv gelöst werden können – wie z. B. die Diskussion um den Bau von Moscheen und Minaretten –, wenn eine breite öffentliche Diskussion darüber stattgefunden hat, in der die unterschiedlichsten Positionen vertreten werden konnten. So erfüllt der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur seine Verpflichtung, gesellschaftliche Werte in der Öffentlichkeit zu vertreten, sondern trägt zu der effizienten Lösung von aktuellen Konflikten bei – gerade weil er nicht einseitige wirtschaftliche Interessen verfolgt. Insofern ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein oft unterschätzter und zu wenig genutzter Garant für unsere gesellschaftliche Vielfalt und unsere Zukunftschancen. Doch was heißt das nun ganz konkret? Wie könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Aufgaben in diesem Bereich noch effektiver ausfüllen? Eine Fülle von Möglichkeiten tut sich hier auf – Beispiele seien genannt:

Die eigene Kompetenz im Umgang mit den Phänomenen Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit stärken

In den Medien fehlt vielerorts ein differenzierter und sensibler Umgang mit der „Angst vor dem Fremden“. Unsere Kenntnisse über den Ursprung und den Umgang mit Gefühlen, mit Angst, Neid und Hass, mit Aggressionen und Projektionen sind allgemein gering. Dieses Defizit spiegelt sich auch in den Medien wider. Besonders wenn es um das Zusammenleben von einheimischer Mehrheit und zugewanderten Minderheiten geht. Ich nenne Beispiele:

Das Thema Fremdheit und Fremdenangst wird in den Medien meist zu polarisierend behandelt: Hier „die Guten“, dort „die Bösen“. Fremdheit und Fremdenangst sind aber immer ambivalent. Die „Angst vor dem Fremden“ gehört zu jedem Menschen. Sie ist eine der Grunderfahrungen des Menschen, die fast jeder von uns kennt. Sicherlich ist sie unterschiedlich ausgestaltet und wird unterschiedlich erlebt und gewichtet. Aber die Frage bleibt die gleiche: Überwiegt die Neugier, die das Fremde immer auslöst, oder überwiegt die Angst vor der Fremdheit, auch weil man mit ihr nicht umgehen kann? Zweifellos ist es schwer, ambivalente Gefühle zu ertragen. Es erfordert Stärke, sie zu sehen und auszuhalten, dass es meist weder „die Guten“ noch „die Bösen“ gibt, selten „den Ausländerfeind“ noch „den Ausländerfreund“. Bei der Suche nach einfachen Antworten und polarisierenden Darstellungen fehlt es oft an der Bereitschaft, sich in Menschen, die andere Auffassungen haben, überhaupt einzufühlen und sie zu verstehen. Nicht um zu akzeptieren oder gar zu legitimieren, sondern um die Ängste und Nöte der vielen Verunsicherten aufzugreifen und sie ernst zu nehmen. In diesem Zusammenhang muss sich mancher Journalist und manche Journalistin auch die Frage stellen, ob er oder sie mit seinem oder ihrem Engagement nicht manchmal das Gegenteil dessen bewirkt, was er oder sie eigentlich möchte: sich selbst nur bestätigen will, in erster Linie die Anerkennung der Kollegen sucht, das schwierige Gespräch mit andersdenkenden Menschen umgeht und die eigene Unsicherheit nicht wahrhaben will. Um schädliche Polarisierungen zu vermeiden, sollte man folgende Aspekte im Auge haben:

These 1: Keine einseitig negative Darstellung von Zuwanderinnen und Zuwanderern, etwa nur als exotische Fremde oder als Sorgenkinder, aber auch keine einseitig positive Darstellung von Zuwanderern. Eine rein fremdenfreundliche Berichterstattung kann bei vielen Medienkonsumenten den gegenteiligen Effekt haben. Sie fühlen sich nicht ernst genommen in ihren Sorgen und Nöten, wenn beispielsweise nur positiv über Migrantinnen und Migranten berichtet wird und sie so zu besseren Menschen stilisiert werden.

Meinung ist weder in der einen noch in der anderen Richtung zu verordnen. Auch werden Ängste in der Bevölkerung oft zu schnell für Fremdenfeindlichkeit gehalten und nicht ernst genommen. Anstatt Ängste und Konfliktsituationen aufzugreifen, zum Beispiel die Angst von Eltern, deren Kinder Schulen mit hohem Migrantenanteil besuchen, werden Äußerungen, die diese Ängste widerspiegeln, gern als Beispiel für Fremdenfeindlichkeit abgestempelt, mit denen man sich erst gar nicht auseinanderzusetzen braucht. Man behält ein klares Feindbild, das bekanntlich das Leben erleichtert.

Die alleinige Schilderung fremdenfeindlicher Aktionen ist meist kontraproduktiv. Sie entfaltet in der Regel keine abschreckende Wirkung. Man braucht zusätzlich Erläuterungen der Ursachen und der Entstehungsumstände, die zu diesen Aktionen geführt haben. Fremdenfeindlichkeit wird dabei auf keinen Fall entschuldigt, sondern die Umstände werden thematisiert, aus denen Angst, Unsicherheit und fremdenfeindliche Aktionen erwachsen. Dies ist besonders schwierig bei Livesendungen: Die Begegnung mit fremdenfeindlichen Positionen verlangt hier schnelle Reaktionen und eine fundierte Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Argumenten, die viele erst durch Schulungsmaßnahmen erwerben.

These 2: Vorurteile nicht direkt bekämpfen.
Fremdenfeindlichkeit speist sich oft aus Vorurteilen, die Menschen eine Schutzfunktion und eine Orientierung für ihre eigenen Unsicherheiten, Aggressionen und Ängste bieten. Oft wird durch eine solche frontale Überzeugungsarbeit die Angst, die durch das Vorurteil abgewehrt werden soll, sogar noch vergrößert. Dies geschieht vor allem dann, wenn Fremdenfeindlichkeit moralisch verurteilt, wenn sie jemandem als persönliche Schuld zugerechnet wird. Zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit kann man beitragen, wenn man vergleichbar große Probleme der österreichischen Bevölkerung als ebenso dringend darstellt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Den moralischen Zeigefinger zu erheben und das multikulturelle Glück ohne Konflikte zu verkünden, ist ebenso wenig hilfreich. So versichert man sich gegenseitig, auf der richtigen Seite zu stehen und nach hohen Idealen zu streben, die kaum einer erfüllen kann. So verhalten sich ja die gescholtenen Ausländerfeinde oft selbst: Hier „die Guten“, dort „die Bösen“. Man grenzt aus, man spaltet ab – vielleicht auch, um sich selbst zu erhöhen, sich den Beifall der Kollegen zu sichern, sich gegenseitig zu bestätigen. Wahrgenommen wird dabei nicht die Not derjenigen, die Angst vor Benachteiligung und vor weiterer Ausgrenzung haben, man denkt nicht an die vielen, die die Ursachen ihrer schlechten sozialen Situation auf den vermeintlich Fremden projizieren, die vielen Verunsicherten, die in „den Fremden“ die Ursache allen persönlichen Übels, des eigenen Leids, der eigenen Ängste sehen. Dieses Verhalten fiel mir besonders bei Talkshows auf, zu denen drei oder vier „Fremdenfreunde“ und ein „Fremdenfeind“ eingeladen waren. Nach solchen Sendungen stieg in meinen früheren Ämtern nicht nur die rechtsradikale Post an, sondern wir erhielten einen Schwall von Briefen von Menschen, die sich nicht verstanden und ernst genommen fühlten, ihre Position nur von Rechtsextremen aufgegriffen sehen. Deshalb ist das öffentliche Vorführen von „Fremdenfeinden“ zwecks moralischer Entrüstung leider auch kein Patentrezept zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit. Ganz im Gegenteil: Werden sie abgestempelt und in die Ecke gedrängt, identifiziert sich mancher Zuschauer leicht mit ihnen, weil er sich selbst ökonomisch und sozial bedroht und moralisch verurteilt fühlt. Es sind meist die Opfer unserer Gesellschaft, die leicht zu Tätern werden, wenn ihre Ängste nur von rechtsextremen Politikern und Funktionären aufgegriffen werden.

Information und Emotion stärker miteinander verbinden

Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit lassen sich mit Informationen alleine nicht bekämpfen. Viele Menschen sind für rationale Argumente gar nicht offen. Oft ist das Vorurteil auch eine Chiffre, hinter der sich ganz andere Verunsicherungen verbergen. Diese Chiffre muss durchbrochen werden, um die gefühlsmäßige Ebene zu erreichen, durch die andere Einstellungen gewonnen werden können. Das bedeutet: in der Medienarbeit den Gefühlsbereich viel stärker zu berücksichtigen, mehr Features und Spielfilme zum Thema auszustrahlen, persönliche Geschichten zu schreiben, die zu einer Identifizierung einladen und dabei Nähe und zugleich Distanz ermöglichen. Durch eine stärkere Personalisierung von ethnischen, kulturellen und religiösen Minderheiten in den Medien können bei vielen Fernsehzuschauern leichter Verständnis und Mitgefühl für einzelne Personen und Schicksale eines Volkes geweckt werden. Der vielzitierte Film „Holocaust“ hat in Deutschland Beispielhaftes bewirkt. Zweifellos war die Zeit dafür reif, aber auch unabhängig davon ist es hier gelungen, mit den Mitteln der Seifenoper eine Identifizierung zu erreichen und Gefühle hervorzurufen, was die beste Informationssendung nicht geschafft hat.

Viel ist aufzugreifen – mit Witz und Humor und nicht allein und einseitig mit Argumenten, umfangreichen Informationen und vielfältigen Vorurteilskatalogen, die an den Zuschauern und Zuhörern, Lesern und Betrachtern oft vorbeigehen, weil sie ihre Ängste und Nöte wieder zudecken. Nichts gegen Vorurteilskataloge und Informationen, sie sind notwendig und tragen zur Versachlichung der Diskussion bei – aber sie gehen ins Leere, wenn sie bestehende Ängste und Verunsicherungen nicht aufgreifen und diesen kein eigener Raum gegeben wird.

Den Umgang mit Rechtsextremismus in den Medien stärker hinterfragen

Der Umgang mit Rechtsextremisten und Rechtsextremismus in den Medien bringt für den nachdenklichen Medienmacher fast immer Verunsicherung mit sich; er ist eine Gratwanderung, denn man sieht sich gegenläufigen Ansprüchen ausgesetzt: eindeutig gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus Position beziehen und gleichzeitig verhindern, dass man unfair und aggressiv wirkt, denn dies ist auch Rechtsextremen gegenüber in der Regel fast immer kontraproduktiv.

Konkret bedeutet dies: Rechtsextremen darf nicht die Gelegenheit gegeben werden, ihre Thesen ungestört und ohne Eingreifen zu verbreiten. Die Ziele der Parteien müssen hinterfragt und ihre Thesen aufgegriffen werden. Der Kern rechtsextremistischen Verhaltens sind Ideologien der Ungleichheit und der Gewaltakzeptanz. Medienbeiträge sollten diese Auffassung über die politische und rechtliche Ungleichheit von Menschen nicht unkommentiert lassen. Die politischen Konzeptionen dürfen daher von Rechtsextremisten nicht allein formuliert werden. Dies sollte beispielsweise auch der Interviewer leisten: dagegen Position beziehen, argumentieren oder andere mit entsprechenden Gegenargumenten zu Wort kommen lassen. In diesem Zusammenhang sollte sich auch manche Journalistin und mancher Journalist fragen, inwieweit sie in ihren eigenen Beiträgen Politikern aus den demokratischen Parteien, die rechtsextreme Positionen vertreten, ein öffentliches Forum geben. Viel zu wenigen ist bewusst, dass in den letzten Jahren Positionen und Grundhaltungen, die der politischen Mitte zugerechnet werden, in immer stärkerem Maße infrage gestellt oder aufgegeben werden, um rechtsextreme Wähler einzubinden. Extrem rechte Positionen werden damit auch in der Öffentlichkeit enttabuisiert und gesellschaftsfähig gemacht.

Manchmal werden Nazi-Parolen aus Gründen der Provokation oder der Legitimation von Gewalt geäußert. Viele Jugendliche wissen, dass diese Parolen provozieren wie kaum andere. Manche werden auch zuerst gewalttätig und liefern nachträglich erst die vermeintlich politische, rechtsextreme Ideologie. Dies dient in der Regel der Legitimation der Gewalt. Jugendliche aber vorschnell als Rechtsextreme oder Neonazis abzustempeln, kann gefährlich sein: Man kann sie mit einer solchen Stigmatisierung im Sinne einer negativen Identität in eine wirkliche Identifizierung treiben mit dem, was rechte Rattenfänger ihnen als Köder anbieten. Der Versuch zu verstehen, ohne zu legitimieren oder gar zu akzeptieren, ist eine Gratwanderung, die den Medien nicht erspart werden kann.

Sich mit den Wirkungen von Gewalt in den Medien auseinandersetzen und angemessene Formen des Umgangs mit ihr finden

Ob und inwieweit die Gewalt in unserer Gesellschaft durch Medien verstärkt wird, wird in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Vor allem Journalisten und Programmverantwortliche sind aufgefordert, sich mit den Ursachen von Gewalt, der Wirkung ihrer Darstellung in den Medien und den Möglichkeiten, mit ihr angemessen umzugehen, auseinanderzusetzen. Die Medien müssen das Thema Gewalt ernster nehmen, um damit kompetent umzugehen. Das bedeutet, einerseits von einer Bagatellisierung und Verharmlosung der Gewalt, andererseits von ihrer Dramatisierung und Dämonisierung abzusehen. Bei der Suche nach den Ursachen von Gewalt sind Schuldzuweisungen zu vermeiden. Es ist weder die Gesellschaft noch die Familie allein verantwortlich zu machen, denn auch andere Aspekte müssen gesehen werden. Gewaltaktionen sind oft unbewusste Lösungsversuche für nicht leicht lösbare Konflikte. Manchmal ist es ein abgebrochener Kontakt: Viele Menschen, vor allem Jugendliche, werden dann gewalttätig, wenn sie das Gespräch mit anderen verloren haben. Zu einer gewohnheitsmäßigen, destruktiven Gewalthandlung kommt es in der Regel erst dann, wenn man den Hilferuf nicht hört oder sich dem Gespräch verweigert. Dies kann dazu führen, dass der andere noch weiter ausgegrenzt wird und seine Gewaltbereitschaft zunimmt.

Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit lassen sich auch aus der Tatsache erklären, dass Kinder und Jugendliche oft stellvertretend für die Gesellschaft oder ihre Eltern handeln. Sie führen dann etwas aus, was von anderen vorgedacht ist. Wir brauchen daher gesellschaftliche Orientierungen für den Umgang mit Gewalt. Gefragt ist in diesem Zusammenhang auch nach den langfristigen Wirkungen von Gewaltdarstellungen in den Medien. Die Gewalt wird dort sehr vielschichtig dargestellt. Daher muss man jeden einzelnen Beitrag und seine mögliche Wirkung analysieren. Untersuchungen, die sich auf das Thema des Umgangs mit Gewalt erstrecken, müssen daher immer beide Seiten im Auge behalten: die Medien und die Rezipienten.

Die Darstellung der Opfer sollte in den Medien angemessener erfolgen

Die Vielfalt und Komplexität der Ursachen von Gewalt sowie das Leiden der Opfer bleiben in der Regel in den Programmen ausgespart, sollten aber stärker einbezogen werden. Beiträge über rechtsextreme Gewalttaten sollten nicht allein den Täter in den Vordergrund stellen und die Opfer vergessen. Beide Wirklichkeiten, die des Täters und die des Opfers, müssen gleicher­ maßen transportiert werden, auch wenn dies die Machtverhältnisse nicht richtig wiedergibt. Die Opfer angemessener und breiter in den Medien zu berücksichtigen ist notwendig, denn wenn Opfer oder bedrohte Menschen nur sehr kurz gezeigt werden, kann auch kein positives Gefühl für sie entstehen. Die Bedrohten kommen in den Medien in der Regel zu wenig zu Wort.

Die Opfer nicht zu vergessen bedeutet aber nicht, sie auf ihre Opferrolle zu reduzieren. Es wäre fatal und kontraproduktiv, wenn Migrantinnen, Migranten und Asylsuchende nur noch als Opfer dargestellt würden. Manche greifen zu dieser Art Darstellung in der Hoffnung, dadurch einen Mitleidseffekt zu erzielen, Solidarität mit den Opfern zu schaffen. Auch hier tritt meistens nur das Gegenteil ein, wie wissenschaftliche Analysen gezeigt haben: Ohne dass wir uns dessen immer bewusst wären, denken wir, dass die Welt gerecht ist. Dann muss das Opfer an seiner Situation auch selbst schuld sein. Es ist eben nicht leicht zu ertragen, dass die Welt ungerecht ist und wir nicht das bekommen, was wir glauben zu verdienen. Nur als Opfer dargestellt zu werden ist außerdem entwürdigend. Es werden Bilder produziert, die die Ausländer sehr klein und ohnmächtig erscheinen lassen und ihnen kein positives Selbstgefühl geben. Notwendig ist eine Änderung in der Wahrnehmung: Die Opfer zu Wort kommen lassen – sie aber nicht auf die Opferrolle reduzieren.

Alltägliche, positive Zusammenhänge müssen außerhalb der aktuellen Berichterstattung stärker Berücksichtigung finden

Das Alltägliche, das Einheimische und Zugewanderte gemeinsam erleben, wird immer noch zu wenig als etwas Selbstverständliches wahrgenommen. Migranten sind in
der Regel nicht etwas „Exotisches“, sondern viele Menschen teilen den Alltag mit ihnen – ohne große Probleme. Alltäglichkeit bedeutet auch, kulturelle Unterschiede ohne Werturteile zu erklären – nicht als exotische Ausnahmen, sondern als objektive Gegebenheiten des vielfältigen kulturellen Lebens in unserer Gesellschaft. Die alltägliche, selbstverständliche Wahrnehmung wird auch dadurch belastet, dass das Thema Migranten zu sehr im Zusammenhang mit Problemen dargestellt wird. Wenn aus Aktualitätsgründen beispielsweise die Probleme des Zusammenlebens und die Fremdenfeindlichkeit das bestimmende Kriterium bei der Gestaltung des Programms sind, dann überwiegt der negative Aspekt. Auch so wird ein Klima der Angst und der Unsicherheit erzeugt, denn durch die vorwiegend aktuelle Berichterstattung entsteht leicht der Eindruck, dass Migranten nur Unruhe, Gewalt und Unordnung ins Leben bringen, wodurch Vorurteile begünstigt und die Bildung klischeehafter Denkmuster verstärkt werden. Es ist daher notwendig, neben Problemen und Ängsten auch Normalität, Alltäglichkeit und positive Erfahrungen aufzugreifen, ohne dabei bemüht zu wirken, indem man Ausländer z. B. auch in Unterhaltungssparten stärker berücksichtigt. Dies vergrößert die Identifikationsbereitschaft mit den zugewanderten Minderheiten und sensibilisiert für ihre Teilnahme an unserem gesellschaftlichen Leben.

Mehr Informationen über kulturelle Unterschiede und die Kultur der Herkunftsländer

Oft fehlen Informationen über kulturelle Unterschiede und über die Kultur der Herkunftsländer der zugewanderten Bevölkerung. Manches Problem im Zusammenleben ist verständlich, wenn uns kulturelle Unterschiede und ihre Hintergründe bekannt sind. Dies gilt zum Beispiel für Fragen der Scham und der Ehre, des Umgangs mit Zeit und der Rolle von Mann und Frau. So hat unsere Gesellschaft einen ganz anderen Begriff von Ehre als andere Kulturen vom Wert der Rationalität und legt dadurch auf Emotionen wie z. B. Scham nicht den Wert, den andere Kulturen ihnen beimessen. Diese Unterschiede prägen nicht nur die Einstellungen, sondern auch unmittelbar die Verhaltensweisen.

Mehr Wissen über kulturelle Unterschiede bedeutet auch, größere Sensibilität zu entwickeln und die Fähigkeit zu gewinnen, seinen eigenen Standpunkt zu relativieren und zur Diskussion zu stellen, zu akzeptieren, dass eigene Einstellungen und Verhaltensweisen nur beschränkte Bedeutung haben. Es heißt, einen gesellschaftlichen Diskurs zu führen und zu fragen, welche Bedeutung das „Recht auf kulturelle Differenz“ hat; diese Differenz zu achten läuft aber darauf hinaus, auf der Achtung der Menschenrechte in jedem Fall zu bestehen.

Bilder und Sprache hinterfragen

Viele Bilder in den Medien verstärken Ängste, ebenso wie ein undifferenzierter Umgang mit Sprache. Bilder dürfen nicht den Eindruck erwecken, dass wir von einer „Flut“ überzogen würden. Wir müssen unsere eigene Sprache überdenken, einer „Schubladensprache“ entgegenwirken; zum Beispiel sollten wir sehr genau hinschauen, ob Jugendliche wirklich rechtsextrem sind oder ob Rechtsextremismus als ideologische Rechtfertigung von Gewalttaten nachgeschoben wird. Haben wir Jugendliche erst einmal in einer Schublade gesteckt, dann brauchen wir uns nicht mehr mit ihnen auseinanderzusetzen.

Besonders wichtig ist es auch, sich der Symbolkraft der Bilder bewusst zu sein, vor allem bei der Verwendung von Grafiken, Schaubildern, Titelseiten, die den Eindruck von Invasionen, von Menschenfluten hervorrufen. Bei der Darstellung von Opfern sollte man beachten, dass diese auch dazu führen kann, mitleidig verachtend mit ihnen umzugehen. Das Opfer sollte selbst zu Wort kommen, ohne dass dabei das Gefühl entsteht, es werde jetzt vorgeführt. Eine besondere Gefahr liegt, wegen der Kraft der Bilder, im Fernsehen; Spektakuläres wird oft in den Vordergrund gestellt und dadurch ein Ereignis erst geschaffen, das Angst macht.

Größere Distanz zur Politik wahren

Gesellschaftliche Probleme werden in Medienbeiträgen oft verlagert: Zum Beispiel verbergen sich hinter dem Phänomen Fremdenfeindlichkeit nicht selten tiefe soziale Spannungen in der Bevölkerung, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben, zum Beispiel die Furcht vor Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, sozialem Abstieg, aber auch Orientierungslosigkeit, Unübersichtlichkeit unserer Gesellschaft und Angst vor kultureller Ausgrenzung. Dies wird in den Medien meist viel zu wenig deutlich gemacht. Statt dessen werden Äußerungen von Politikern häufig einfach wiedergegeben, kaum hinterfragt und damit verstärkt und multipliziert. Medien beschränken sich oft darauf, die von Politikern angebotenen einfachen Lösungen zu wiederholen. Dies ist fatal, vor allem wenn es um Probleme geht, die kompliziert und nicht leicht vermittelbar sind. Gerade dann versucht man aber, sich auf einfache Antworten zu beschränken. So findet man zum Beispiel wenig Sendungen, die die Themen Zuwanderung und Zusammenleben der einheimischen Mehrheit mit den zugewanderten Minderheiten facettenreich und differenziert aufgreifen. Das Gleiche lässt sich sagen zu den Problemen der Wanderungsbewegungen und der Einwanderung, zur Entwicklung einer Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik, zu Fragen von Diskriminierungen. Und es wird in den Medien zu wenig hinterfragt, ob die Politik die notwendigen Orientierungen für das Zusammenleben gibt, ob sie Interessen benennt oder auch Regelungen für das Zusammenleben formuliert. Größere Distanz seitens der Medien zur Politik ist notwendig. Nur so kann auch das Maß, in dem die Politik für die Situation verantwortlich ist, aufgespürt werden. Die Ursachen für die wachsende Fremdenfeindlichkeit müssen dort aufgespürt werden, wo sie auch tatsächlich liegen. Die Probleme dürfen bei der Berichterstattung nicht verschoben und Politikersprache nicht bestärkt werden; sie gilt es schärfer zu hinterfragen.

Zugang zu den Medien für die Minderheiten selbst schaffen

Nicht zuletzt sollten aber die Minderheiten selbst in den Medien als Programmmacher und Programmverantwortliche, als Redakteure, Journalisten, Nachrichtensprecher, Moderatoren und Schauspieler viel stärker einbezogen werden. Die Zuwanderer und ihre Sichtweisen werden dadurch selbstverständlicher in das gesellschaftliche Leben integriert, und das Gefühl, dass es Fremde sind, nimmt ab. Vor allem im Mainstream-Programm sollten sie deutlicher und bewusster zu Wort kommen und nicht im Wesentlichen auf Minderheitenprogramme beschränkt bleiben.

Im Folgenden werden Anregungen formuliert, die in Rundfunkanstalten der Nachbarländer – z. B. bei der BBC – oft bereits praktiziert werden: Möglichkeiten der Hospitanz für ethnische Minderheiten schon während des Studiums; Trainingsprogramme zur Wahrnehmung von Rassismus und kultureller Unterschiedlichkeit für Programmmanager und Programmmacher; Einrichtung eines Beauftragten für den interkulturellen Dialog beziehungsweise einer Abteilung für Chancengleichheit; Austausch von Programmachern und Praktikern über Erfahrungen in den europäischen Nachbarländern; Erarbeitung einer speziellen Politik für die Integration von Minderheiten in den Sendeanstalten selbst, die sich auch auf neue Programmansätze wie multikulturelle Werkstätten oder Europa-Werkstätten (Redaktionen- und Themenübergreifend) erstrecken; Einrichtung einer Dokumentation über multikulturelle Programme und ihre Praxis in Europa; spezielle Schulungen der Minderheiten, um stärker zu den Hauptprogrammen Zugang zu finden. Insbesondere ist darauf zu achten, dass die ethnischen Minderheiten nicht allein auf die Minderheitenprogramme festgelegt bleiben, sondern sich im allgemeinen Programm wiederfinden; Beteiligung von ethnischen Minderheiten in Kommissionen, um ihre Belange ausreichend zu berücksichtigen; Erstellung eines Berichts über die Situation der ethnischen, religiösen und kulturellen Minderheiten in den Medien; Bildung eines speziellen Netzwerkes, das sich im Medienbereich für die Belange der Minderheiten einsetzt; spezielles Training von Managern, um bei der Personalauswahl die besondere Situation der ethnischen Minderheiten besser berücksichtigen zu können; spezielle Förderung

von Mitgliedern ethnischer Gruppen durch die Einsetzung eines Mentors oder einer Mentorin, die die berufliche Laufbahn begleiten; stärkere Berücksichtigung des Aspekts der kulturellen Unterschiedlichkeit bei der allgemeinen Ausbildung von Journalisten und Entwicklung von entsprechenden Fortbildungsangeboten.

In conclusion

Diese unterschiedlichen Anregungen zum Nach- und Weiterdenken sind keine Patentrezepte, sondern Anlass, zu fragen, zu verwerfen und zu konkretisieren. Und noch eines: Erforderlich ist eine breite Diskussion in unserer Gesellschaft, wie wir mit Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rechtsextremismus umgehen – auch in den Medien. Jeder hat für seinen eigenen Bereich Verantwortung: Voraussetzungen für das Zusammenleben fördern, gegenseitige Verständigung unterstützen und Gewalt und Rechtsextremismus entgegenwirken. Dafür haben die Medien die gesellschaftliche Verantwortung und dazu kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen besonders wertvollen Beitrag leisten – den er heute bereits leistet, der aber noch wesentlich effektiver gestaltet werden kann.





Die Leitmedien der Medienmacher, Dr. Daniela Kraus, MEDIENHAUS Wien abspielen
Die Leitmedien der Medienmacher
Dr. Daniela Kraus, MEDIENHAUS Wien
An Evaluation of Public Broadcasting in the International Context, Anthony Mills, IPI Press Freedom Manager abspielen
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Anthony Mills, IPI Press Freedom Manager
MedienKunst Unterhaltung, Anmerkungen zum Faktor Unterhaltung in Medien und Kunst abspielen
MedienKunst Unterhaltung
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Die komplexe Welt erklären, Können Medien diese Aufgabe heute noch wahrnehmen? abspielen
Die komplexe Welt erklären
Können Medien diese Aufgabe heute noch wahrnehmen?
Weder polarisieren noch moralisieren, Zur sozialen Verantwortung der Medien im Umgang mit »dem Fremden« abspielen
Weder polarisieren noch moralisieren
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Texte 4, u.a. mit Beträgen von Beate Winkler, Anthony Mills und Daniela Kraus abspielen
Texte 4
u.a. mit Beträgen von Beate Winkler, Anthony Mills und Daniela Kraus