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Das Naserümpfen der Eliten

Mag.a Dr.in Karin Pühringer, Universität Salzburg


2.30 Uhr morgens an einem Montag im Oktober: Der Wecker läutet, damit ich die TV-Live-Übertragung des American Football-Spiels „meiner“ Mannschaft nicht verpasse. Wenn ich dabei bin, dann beeinflusse ich doch sicherlich durch meine positive Energie den Ausgang des Spiels!? So jedenfalls das Fan-Empfinden.

Sport, Medien und Gesellschaft bilden – gemeinsam mit den implementierten wirtschaftlichen Interessen – ein Forschungsfeld, welches in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. „Sports is important because it has the potential to capture and captivate the attention of the world (e.g., the World Cup) and serve as a common bond, binding people together across gender, race, religious, and political divides. Sport is important because of its ever-increasing presence across media and our apparently insatiable appetite for it.” (Gantz 2012: 2)

Große Sportereignisse sind heute zum einen große Medienereignisse. Zum anderen gelten sie angesichts einer immer stärker beobachteten Segmentierung des Publikums als einer der wenigen Medieninhalte, die in allen Bevölkerungsschichten auf Interesse stoßen (vgl. Beck/Kolb 2009: 7). Wie Marschik (2007: 13) ausführt, tragen die Medien wesentlich zur Popularität des Sports bei: Das zeigt sich im Vergleich der Einschaltquoten und Auflagenzahlen mit den Zuschauerzahlen vor Ort, aber auch an der Bedeutung von Sport in öffentlichen Diskursen. Sport ist „a product of society and bears its imprint in every aspect of its manifestation” (Kennedy/Hills 2009: 2).

Die Bedeutung des Sports in der Gesellschaft und seine kulturelle Verankerung

Betrachtet man die Kommunikation über Sport in den letzten vier Jahrzehnten, „it becomes clear that there is a tension between different ways of classifying the subject. Is this phenomenon a ’mythic ritual,’ a ’spectacle,’ a ’mega-event,’ a ’behavioral reaction,’ or just a ’game?’” (Real 2013: 5).

Die allgemeine Bedeutungssteigerung des Sports basiert nicht zuletzt auf dem Wohlstandswachstum des vergangenen Jahrhunderts, welches sich neben der Zunahme frei zu disponierender finanzieller Mittel vor allem auch in der frei zu disponierenden Zeit festmachen lässt. Die dadurch gesteigerte Nachfrage nach Unterhaltung bedingte einen Sportkonsum, der sich als vermarktbares Unterhaltungsgut herausstellte. Und dies sowohl in Sportarten, die von den Rezipientinnen und Rezipienten selbst betrieben werden, als auch in jenen, die ausschließlich medial konsumiert werden. (vgl. Flatau 2011: 84)

Der Sport bietet eindeutige Maßstäbe von gut und schlecht bzw. von Erfolg und Misserfolg. Doch beschränkt sich die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung des Sports nach Marschik (2007: 15) nicht darauf, denn darüber hinaus werden inhärente und von den Medien vermittelte Werte des Sports auf die Gesellschaft übertragen. Dabei geht es nicht um kurzfristige Wirkungen, sondern um eine sukzessive Übernahme sportlicher Normen in das Alltagsleben.

Nach Weiss (1991: 316) konstituiert sich die Bedeutung des Sports für die Medien durch seine kulturelle Verankerung in der Gesellschaft, in der er als zentrale Quelle für Identifikation, Sinn und Gratifikation fungiert. Diesem Umstand trägt auch Bosshart (2009: 221) Rechnung, wenn er feststellt, dass Sportangebote unzweifelhaft über integratives Potenzial verfügen. In Anlehnung an das medienpsychologische Konzept des Eskapismus, das davon ausgeht, dass sich Rezipientinnen und Rezipienten Medieninhalten unter dem Aspekt zuwenden, ihren Alltagssorgen für die Dauer der Rezeption zu entfliehen (Dimitriou/Sattlecker 2011: 59), ist das Involvement als kommunikative Wirkung des Mediensports relevant. Dieser Topos steht nach Dimitriou und Sattlecker (2011: 59f) sowohl für intensive kognitive und emotionale Beschäftigung mit einem Medieninhalt, als auch für die daraus resultierende Fangemeinschaft, die Schramm (2007: 219) folgend einen der wichtigsten Faktoren für die Zuwendung von Rezipientinnen und Rezipienten zum Mediensport darstellt.

(Re-)Präsentation von Mediensport als Teil einer Populärkultur

Bereits 1975 stellen Langenbucher/Mahle (1975: 12) fest, dass Journalismus nicht nur aus den klassischen Aufgaben von Information und Kommentar besteht, sondern vielmehr in Unterhaltung, Rekreation und Entspannung, was für alle modernen Massenmedien gültig ist. Nicht zuletzt deswegen darf sich die Kommunikationsforschung nicht darauf beschränken, kulturell hochstehende oder als hochstehend akzeptierte Kommunikationsphänomene zu untersuchen, sondern muss sich ebenso mit Ausformungen beschäftigen, die von Eliten bzw. Kulturkritikern mit Nasenrümpfen oder erhobenem Zeigefinger zur Kenntnis genommen werden. Dabei handelt es sich um journalistische Produkte, die von Millionen rezipiert werden und damit für eine wirklichkeitsorientierte Kommunikationsforschung wichtige Untersuchungsobjekte sind. In diese Kategorie fällt, wie bereits veranschaulicht, eben auch der mediale Sportkonsum.

Wegen des ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Stellenwerts des Sports in der Gesellschaft sind Beschreibung, Erklärungen und Prognosen zum Verhältnis Sport, Journalismus und Rezipientinnen und Rezipienten (Fans) von hoher Relevanz. Denn „dass Journalismus und Medien im Allgemeinen Wirkungen auf Gesellschaft und Individuen haben, ist heute unumstritten. Die Frage ist indes, welche Wirkungen genau und in welchem Ausmaß.“ (Meier 2007: 112) Die Rezeption von Journalismus ist ein noch eher wenig erforschtes Gebiet (vgl. Altmeppen/ Arnold 2013: 171). Was für die Wissenschaft gilt, ist auch für öffentlich-rechtliche Medien anzusetzen: Auch diese müssen, wollen sie ihrem Funktionsauftrag im Sinn der gesamten Gesellschaft – und nicht nur im Sinn jener, die gerne Zeigefinger erheben – gerecht werden, Spitzensport von hohem Interesse, seien es Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, Wettkämpfe aus bedeutenden europäischen Fußballligen oder der FIA, übertragen, darüber berichten, ihn unterhaltsam wie kritisch darstellen.

5.00 Uhr morgens – immer noch an jenem Montag im Oktober: Ich war eingeschlafen und habe drei Viertel des Spiels verpasst. Meine Mannschaft führt dennoch! Vielleicht liegt es ja doch nicht an meinem

Zusehen? Aber wer weiß das schon. Sicherheitshalber stelle ich mir auch beim nächsten Sunday-Night-Game wieder den Wecker. Echte Sportfans denken – und handeln – schon manchmal etwas merkwürdig! Jedenfalls sind sie äußerst dankbar für die Optionen, die ihnen die mediale Sportberichterstattung bietet.

Literaturhinweise:
Altmeppen, Klaus-Dieter/Arnold, Klaus (2013): Journalistik. Grundlagen eines organisationalen Handlungsfeldes, München.

Beck, Daniel/Kolb, Steffen (2009): Sport, Medien und Gesellschaft. Einleitung und Vorwort. In: Beck, Daniel/Kolb, Steffen (Hg.): Sport & Medien. Aktuelle Befunde mit Blick auf die Schweiz. Zürich, Chur, 7–11.

Bosshart, Louis/Beck, Daniel (2006): Vom Sport zum Spektakel. In: Medien Journal, 30/1, 14–24.

Dimitriou, Minas/Sattlecker, Gerold (2011): Sportjournalismus in Österreich: empirische Fakten und Positionierung im deutschsprachigen Raum. Aachen u.a.

Flatau, Jens (2011): Zum differenziellen Nutzen von Sportgroßveranstaltungen für nationale Sportverbände. In: Büch, Martin Peter/Maennig, Wolfgang/Schulke, Hans-Jürgen (Hg.): Internationale Sportevents im Umbruch? Instrumentalisierung, Digitalisierung, Trivialisierung. Aachen u.a., 82–93.

Gantz, Walter (2012): Reflections on Communication and Sport: On Fanship and Social Relationships. In: Communication & Sport, 00/0, 1–12. Online unter: http://com.sagepub.com/ content/ early/2012/11/29/2167479512467446. full.pdf+html

Kennedy, Eileen/Hills, Laura (2009): Sport,Media and Society. Oxford, New York.

Langenbucher, Wolfgang R./Mahle, Walter A. (1975): Unterhaltung als Beruf? Herkunft, Vorbildung, Berufsweg und Selbstverständnis einer Berufsgruppe. Berlin.

Marschik, Matthias (2007): Sport und Medien – Mediensport. Zur Inszenierung und Konstruktion von Sporthelden. In: medienimpulse, 62, 12–17.

Meier, Klaus (2007): Journalistik. Konstanz.

Real, Michael (2013): Reflections on Communication and Sport: On Spectacle and Mega-Events. In: Communication & Sport, 00/0, 1–13. Online unter: http://com.sagepub.com/ content/ early/2013/01/02/2167479512471188. full.pdf+html

Schramm, Holger (2007): Mediensport und seine Wirkungen. In: Schierl, Thomas (Hg.): Handbuch Medien, Kommunikation und Sport. Schorndorf, 212–229.

Weiss, Otmar (1991): Mediensport als sozialer Ersatz. In: Medienpsychologie, 4, 316–327.

Dieser Artikel ist in TEXTE 11 (2014) erschienen.


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