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© Grafik: ORF, Bild: ORF/Hans Leitner

Lebenselixier für die heimische Musikszene

Christoph Becher, Intendant des RSO


Die Förderung der heimischen Musikszene ist eine der zentralen Aufgaben des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien – und eine Herzensangelegenheit. In der Jubiläumssaison 2019/20 (das RSO Wien wird 50 Jahre alt) spielen österreichische Gegenwartskomponisten daher eine Hauptrolle, sei es in Form von Uraufführungen, sei es in Konzerten außerhalb Österreichs. Denn zur Förderung österreichischer Musik gehört nicht nur, dieser zum Leben zu verhelfen, sondern auch, sie durch kontinuierliche Pflege am Leben zu erhalten.

Neu und doch vertraut: Als vor 50 Jahren, am 19. September 1969, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien sein erstes Konzert gab – damals noch unter dem Namen „ORF-Symphonieorchester“ –, saß ein neues Orchester auf der Bühne des Funkhauses in der Argentinierstraße. Und doch sahen die Besucher/innen bekannte Gesichter. Den Grundstock nämlich bildete das „Große Orchester des Österreichischen Rundfunks“, gegründet unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Komponisten Max Schönherr im Auftrag der RAVAG, der Vorläufergesellschaft des ORF.

Das Programm dieses ersten Konzertes verdient einen genaueren Blick: Mit Mozarts prachtvollem Klavierkonzert Es-Dur KV 482 präsentierte man ein Werk der Wiener Klassik, der jeder Wiener Musiker, jede Wiener Musikerin noch heute seinen und ihren Zugang zur musikalischen Tradition verdankt. Mozart gegenüber stand Igor Strawinskys Ballettmusik zu „Petruschka“, das Erfolgsstück der Pariser Ballettsaison 1911. Ein Klassiker der Moderne von einem jener Komponisten, der, wie Hans Werner Henze bezeugt hat, den europäischen Komponisten nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges zunächst als Kompass diente. Mit „Petruschka“ markierte das RSO Wien 1969 seine Weltoffenheit und wählte gleichzeitig die hörerfreundlichste Ballettmusik aus der Feder Strawinskys.

Den Abend eröffnete Chefdirigent Milan Horvat freilich mit österreichischer Gegenwartsmusik: der „Philadelphia“-Symphonie, geschrieben von Gottfried von Einem, dem damals international erfolgreichsten lebenden Tonsetzer Österreichs. Damit rücken wir mit einem kühnen Zeitsprung an das Radio-Symphonieorchester von heute heran: Denn im Jahre 2018, dem 100. Geburtstag von Gottfried von Einem, erwies das Orchester dem Komponisten durch die Aufführung gleich zweier seiner damaligen Erfolgsopern seine Referenz: „Der Besuch der alten Dame“ (nach Dürrenmatt) im Theater an der Wien und „Der Prozess“ (nach Kafka) bei den Salzburger Festspielen sowie bei Wien modern.

Tradition – Moderne – Gegenwart. Mit diesem Dreischritt stellte sich das Radio-Symphonieorchester im September 1969 der Öffentlichkeit vor. Dabei ist es bis heute geblieben. In der Jubiläumssaison 2019/20 – gleichzeitig die erste Saison der neuen Chefdirigentin Marin Alsop – setzt das RSO Wien markante programmatische Signale, insbesondere durch Förderung und Propagierung zeitgenössischer österreichischer Kompositionen. Neben einigen Auftragswerken gilt es auch, die heimische Musik bei in- und ausländischen Gastspielen aufzuführen. So wird beispielsweise die Orchesterkomposition „The Waste Land“ von Richard Dünser (60. Geburtstag am 1. Mai 2019) bei Festivals in Bukarest und Eisenstadt präsentiert. Ein anderes Beispiel ist Gerhard E. Winklers dreiminütiges Orchesterstück „Pussy (r) Polka“, eine vom ORF in Auftrag gegebene wilde und witzige Polka, für die das RSO Wien regelmäßig bei seinen Asien-Tourneen umjubelt wird und die es im Sommer 2019 bei den renommierten Festspielen Mecklenburg-Vorpommern vorstellt.

Ein Höhepunkt des Programms ist die Neuproduktion von Olga Neuwirths theatralischer Musikinstallation „The Outcast. Hommage a Herman Melville“. Das zweistündige Werk avancierte bei seiner Erstaufführung im Rahmen von Wien modern im November 2018 zum Überraschungserfolg; im März 2019 reist das RSO Wien mit dem Werk der international erfolgreichsten österreichischen Komponistin nach Hamburg, um in der Elbphilharmonie zu debutieren. Die Königsdisziplin in der Förderung der heimischen Musikszene ist die Uraufführung. Musikwerke anzuregen und zum Leben zu erwecken gehört zu jenen Aufgaben, die das RSO Wien im vergangenen halben Jahrhundert immer besonders gerne übernommen hat. Auf diese Weise sorgt das RSO mehr als alle anderen Orchester Österreichs dafür, dass lebende Komponisten die Tradition der Gegenwartsmusik fortschreiben. Neben Uraufführungen der Komponisten Dieter Kaufmann, Bernd Richard Deutsch und Peter Ablinger, an denen das RSO Wien unmittelbar (mit Auftragshonorar) oder mittelbar (als Anreger) beteiligt ist, wird auch im ersten Konzert von Marin Alsop ein Auftragswerk im Mittelpunkt stehen, deren Urheberin an dieser Stelle noch nicht genannt werden darf. Nur so viel: Es handelt sich um eine der weltweit gefragtesten Komponistinnen, die seit 2018 in Wien lebt und inzwischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt hat. Das Auftragshonorar für das neue Werk teilt sich das RSO Wien mit den Orchestern in Baltimore und Hilversum sowie mit der Wiener Konzerthausgesellschaft. Wer die Konzerte nicht besuchen kann, weiß die Vorteile eines Radio-Symphonieorchesters zu schätzen: Jede Aufführung des RSO Wien wird im Programm Ö1 übertragen.

Weitere Beiträge zum österreichischen Musikleben fußen auf der Zusammenarbeit mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die Kooperation zeigt sich nicht nur beim renommierten Kreisler-Violinwettbewerb, sondern auch beim alljährlich stattfindenden Musikvereinskonzert, bei dem junge Dirigentinnen und Dirigenten ein Konzert mit dem RSO Wien einstudieren. Auch ein Kirill Petrenko hat einmal mit einem solchen Konzert angefangen.

Der Österreichische Rundfunk hat für die Vermittlung und Förderung von Kunst, Kultur und Wissenschaft sowie für die Vermittlung eines vielfältigen kulturellen Angebots zu sorgen. ORF-GESETZ § 4. (1)
Auf Initiative von Marin Alsop ruft das ORF Radio-Symphonieorchester 2019 zudem eine umfangreiche und nachhaltige Zusammenarbeit mit dem Wiener Verein „Superar“ ins Leben. Bei „Superar“ erhalten Kinder eine musikalische Ausbildung im Gruppenunterricht. Das Projekt ist im zehnten Wiener Gemeindebezirk in der ehemaligen Ankerbrotfabrik angesiedelt und weist Ähnlichkeiten mit dem Aufsehen erregenden „Il Sistema“ aus Venezuela auf. Die Zusammenarbeit zwischen RSO Wien und „Superar“ beginnt im August 2019 im Rahmen von Feriencamps und mündet – als ein erster Höhepunkt – in gemeinsamen Aufführungen anlässlich des Beethoven-Jahres 2020 im Wiener Konzerthaus. Mit diesem Engagement trägt das RSO Wien dem Gedanken einer universellen Musiksprache Rechnung, die unabhängig von Alter und sozialer Herkunft gesprochen und verstanden wird. In den Worten Marin Alsops: „In den letzten zehn Jahren bin ich bei meinen Projekten in Baltimore Hunderten von Kindern begegnet und konnte dabei unmittelbar beobachten, wie klassische Musik ihre Leben verändert. Ich verstehe heute noch besser, welche Kraft die Musik besitzt, und setze mich dafür ein, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, Zugang zu ihr zu erlangen.“