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© Foto: ORF/Roman Zach-Kiesling

Der Rundfunk der Gesellschaft 3.0

Barbara Thomaß, Ruhr-Universität Bochum


Öffentlich finanzierter und öffentlich kontrollierter Rundfunk, der mit einem öffentlichen Auftrag ausgestattet ist, steht aus vielerlei Perspektiven in der Kritik. Eine Antwort aus dem wissenschaftlichen Diskurs, die in die Praxis der Medienpolitik eingegangen ist, ist der Public Value – der gesellschaftliche Wert der Institution des öffentlichen Rundfunks, der seine Legitimität begründen soll. Was jedoch als Public Value anerkannt werden soll, ist nicht nur ein Feld gesellschaftlicher und medienpolitischer Auseinandersetzungen, sondern ist auch – angesichts sich rapide wandelnder Bedingungen im Mediensystem – einem Wandel unterworfen, bzw. muss sich dynamisch den sich wandelnden Bedingungen anpassen. Angesichts der Tatsache, dass der Wettbewerb im globalisierten Medienmarkt durch international aufgestellte Player bestimmt wird, deren Umsatz das Budget eines öffentlich-rechtlicher Anbieters in einem Kleinstaat um ein Vielhundertfaches überschreitet, ergibt sich auch die Herausforderung, dass öffentlich-rechtliche Medien wie der ORF mit anderen Akteuren Kräfte bündeln muss, damit er seinen demokratiepolitischen Funktionsauftrag trotz veränderter Bedingungen weiterhin erfüllen kann. Welche Kooperationen und Allianzen könnten dies sein? Eine wesentliche Antwort auf diese Fragen liegt in der Perspektive, die mit der These „Öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter müssen Plattformen werden“ eröffnet wird.

Die verschiedenen Modelle zu einer Plattform der bzw. mit den öffentlich-rechtlichen Medien orientieren sich an unterschiedlichen Vorstellungen und Prämissen. Als „Public Open Space“ bezeichnet der deutsche Rechtswissenschaftler Bernd Holznagel einen nationalen öffentlichen Kommunikationsraum, der die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit anderen, für den politischen und kulturellen Diskurs wichtigen Angeboten, etwa von Museen oder Wissenschafts- und Kultureinrichtungen, zusammenführt und leichter zugänglich macht. Er beschreibt diese Plattform als Vernetzung oder Bündelung eigener und ausgewählter Inhalte Dritter, die den Nutzerinnen und Nutzern die Auswahl und Orientierung erleichtern soll und stellt als Notwendigkeit heraus, dass ein klar definierter Auftrag bestehen, die Finanzierung geklärt werden und die redaktionelle Verantwortung beim ÖRR liegen muss. Vorangegangen war bereits die BBC, die mit einem „Open Space“ genannten Angebot online gegangen war, das versprach: „Members of the public explore issues important to them“ (BBC). Für die Erneuerung ihrer Charter kündigte die BBC 2015 an, dass sie ihren iPlayer unter dem Label „Ideas Service“ für andere Institutionen aus Kultur, kulturellem Erbe und wissenschaftlichen Institutionen öffnen wolle; im Januar 2018 ging „BBC Ideas“ dann online (BBC 2018). EPOS nennt sich der weitergehende Ansatz einer Gruppe von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, die mit einem European Open Space (EPOS) ein Projekt zur Konzipierung öffentlicher Freiräume in der digital vernetzten Öffentlichkeit anregen wollen. Vier konstitutive Elemente sind dabei vorgesehen: die öffentlich-rechtlicher Medien selbst, öffentliche Wissensinstitutionen wie Europeana, ein Netzwerk von annähernd 4.000 Kulturorganisationen aus ganz Europa, zivilgesellschaftliche Wissensinstitutionen wie Wikipedia und Bürger/innen. Die Tatsache, dass zivilgesellschaftliche Wissens-Allmendgemeinschaften wie Open Access Science, Freie Software, Wikipedia und Open Educational Resources sich für qualitätsgesichertes, relevantes, quellengestütztes Wissen für das Gemeinwohl und für freien und universellen Zugang dazu engagieren, macht sie zu einem natürlichen Partner für öffentlich-rechtliche Medien, die gleiche Werte vertreten. Die vierte Säule, die der Bürger/innen, wird für notwendig erachtet, weil durch sie über Kommentare, Empfehlungen, Kuratierung, Inhalteprodukion sowie Governance die wiederkehrenden Forderungen nach einem nicht-kommerziellen YouTube und nach Partizipation als Grundlage für die gesellschaftliche Integration realisiert wird.

Das wesentliche Merkmal von EPOS gegenüber den bisher genannten Projekten und Angeboten ist die europäische Dimension. Sie wird vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer europäischen Öffentlichkeit begründet, weshalb EPOS von Anfang an paneuropäisch gedacht werden soll. •


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