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Zeigen, nicht erklären!

Dr.in Angelika Simma-Wallinger, MSc, FH Vorarlberg


Die Welt ist in einer höchst außergewöhnlichen Lage. Das Corona-Virus hat unser soziales Leben in Österreich binnen weniger Märztage stärker verändert, als alles, woran sich die Nachkriegsgeneration sonst erinnern kann.

Die Medien sind besonders gefordert: Wieso sollen wir niemandem mehr die Hand schütteln - eine Geste des Friedens, die wir seit römischen Zeiten pflegen? Wieso sollen wir im Alltag Masken tragen, die unsere Emotion und damit die wechselseitige Einschätzbarkeit verbergen? Das waren und sind drastische Maßnahmen, die schneller, umfassender und vor allem zuverlässiger Erklärung sowie kritischer Beleuchtung bedürfen. Die hohen Einschaltquoten beweisen den enormen Informationsbedarf in dieser Zeit.1

Ein Format, das diese schnelle und umfassende Erklärung besonders unterstützt, ist die Informationsgrafik. Wir leben in einem visuellen Zeitalter (Paul 2016) und die affektive Erfassbarkeit einer Grafik sowie deren scheinbare Eindeutigkeit passen perfekt zum zunehmenden Bedürfnis der schnellen Informationsverarbeitung (Waralak 2013). Infografiken haben zudem eine hohe Wahrnehmungswirksamkeit, das heißt, Informationen werden nicht nur schneller, sondern auch besser verstanden und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Sachverhalt der Grafik entsprechend von Rezipient*innen weitergegeben werden kann, ist hoch (Tunez + Nogueirra 2017). Absichtlich wird hier der Begriff "wahrheitsgemäß" vermieden, denn gerade diese hohe Wahrnehmungswirksamkeit erfordert große journalistische Expertise, um nicht zur Propaganda und damit "bloß zu Lautsprechern"2 zu werden. Genau, dicht und anschaulich sollen Informationsgrafiken sein (Jansen 1999).

Eine These: Nach der Präsentation dieser Grafik in der ZiB 2 am 10.3.2020 haben in Österreich mehr Menschen die Bedeutung der Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit der Kapazität des Gesundheitssystems verstanden, als zuvor über Presseerklärungen, Moderationen oder durch mit Genrebildern unterstützte Beiträge. Zwei Kurven und eine Linie, über die keine der beiden Kurven darf. Das leuchtet auf einen Blick ein.



Abbildung 1 Screenshot Infografik ZiB 2 vom 10.3.2020; Zahlenbasis Nikolaus Popper TU Wien

Gespeist wird die Infografik, wie auch in diesem Fall, aus unterschiedlichen Expertisen: Es gibt das Rohmaterial, die Daten, die aus öffentlich zugänglichen Quellen und Fachstudien stammen. Expert*innen, die den Sachverhalt erläutern, Datenjournalist*innen, die sich mit der Datenauswertung befassen, und schließlich geht es um die visuelle Umsetzung. Das können Karten, Infografiken, Animationen oder Illustrationen sein. Hier plädiere ich für den verstärkten Einsatz der Berufsbezeichnung "visueller Journalist/visuelle Journalistin" mit fach- und kanalübergreifender Expertise in der Informationsdarstellung. Ob es Informationsgrafiker*innen sind, die sich auch journalistisch fortbilden oder ob es Journalist*innen sind, die sich mit visueller Aufbereitung von Information auseinandersetzen, ist letztlich eine Frage der jeweiligen Biografie und zweitrangig. Durch den Bedarf in der andauernden Covid-Krise, komplexe Vorgänge einem breiten Publikum zu erklären, und durch das mögliche Bevorstehen weiterer Wellen kann diese Form des Journalismus an Bedeutung gewinnen.

Digitale Informationswege werden wichtiger, und die Infografik erlaubt neben der schnellen Erfassbarkeit von Zahlenreihen, deren Sinn sich uns sonst weitgehend entzieht, auch die Vertiefung dieser Information. Sie ist geradezu der Klassiker eines transmedialen Contents, der in plakativer Form in Bewegtbild- und Textmedien Platz findet, in auditiven Medien erklärt wird und mit Erweiterungs- und Ergänzungsmöglichkeiten, also dem Medium entsprechend interaktiv, online verfügbar bleiben kann und soll (dem/der geneigten Leser*in sind die entsprechenden Restriktionen des Herausgebers dieser TEXTE-Reihe bewusst). Online ist Interaktion möglich, die nochmals zu einem tieferen Verständnis sowie zu mehr Eindeutigkeit führt. Diese Vertiefung kann zeitliche Ergänzungen bringen, oder, wie z.B. bei Wahlen üblich, regional heruntergebrochen sein. In beiden Fällen steigt das Involvement mit dem Sender sowie mit der zu vermittelnden Information.


Abbildung 2 Interaktive Infografik zur Corona-Situation in Österreich auf orf.at; zuletzt abgefragt am 5.8.2020

In einem nächsten Schritt könnte die Zugänglichkeit zur Datenbasis für die Erstellung solcher Infografiken diskutiert werden. In der Covid-Krise hat sich gezeigt, dass die selben globale Konzerne, die zunehmend Informationsfunktionen für die Gesellschaft übernehmen wollen, wie Google3 oder Facebook, aufgrund ihrer Algorithmen und wirtschaftlichen Basis über bessere Daten zur Virus-Verbreitung verfügen als staatliche Strukturen (Cinnamon 2020). Sie beziehen über geobasierte Services Daten in Echtzeit, die möglicherweise in einigen Fällen schneller oder präziser sind, als die Daten öffentlicher Institutionen und Forschungseinrichtungen, die für Medien frei zugänglich sind.

Aktuell wertet Google "Covid Mobilitätstrends" auf Länderebene aus, die zurzeit nur durch spezifische Suche aufgefunden werden können. Aber wer könnte das Unternehmen daran hindern, sich selbst Covid-Ampelsysteme auszudenken, die über die vielen Ausspielwege des Konzerns (YouTube, Maps,…) ganze Regionen samt Wirtschaft beeinflussen könnten? Die visuelle Erklärung ist kein Monopol der Medien. Brands, NGOs und Regierungen erkennen längst die Kraft dieser Darstellungsform . Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann aber anders als die zuvor genannten Entitäten durch Bündelung seiner Kompetenzen die volle Power der Infografik auf allen Kanälen entfalten und sie im Sinn seiner Aufgaben gerade auch zur Erklärung komplexer Sachverhalte, wie der Ausbreitung von Viren und zur möglichen Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen einsetzen.4

Literatur
Cinnamon, Jonathan (2020): Platform philanthropy, 'public value', and the COVID-19 pandemic moment https://www.researchgate.net/publication/342081660_Platform_philanthropy_%27public_value%27_and_the_COVID-19_pandemic_moment

Jansen, Angela (1999): Handbuch der Infografik; Heidelberg, Springer Verlag

Paul, Gerhard (2016): Das visuelle Zeitalter - Punkt und Pixel; Göttingen, Wallstein Verlag

Túñez Lopez, M. & Nogueira, A. G. (2017): Infographics as a Mnemonic structure: Analysis of the informative and identity components of infographic online compositions in Iberic newspapers; Communication & Society 30(1), 147-164.
https://revistas.unav.edu/index.php/communication-and-society/article/view/35799/30123

Siricharoen, Waralak. (2013). Infographics: The New Communication Tools in Digital Age.
https://www.researchgate.net/profile/Waralak_Siricharoen/publication/256504130_Infographics_the_new_communication_tools_in_digital_age/links/0c9605232e6f666b1f000000.pdf?disableCoverPage=truehttp://www.researchgate.net/profile/Waralak_Siricharoen/publication/256504130_Infographics_the_new_communication_tools_in_digital_age/links/0c9605232e6f666b1f000000.pdf?disableCoverPage=true



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Vom Bohren in harten Brettern
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Das ganz Banale sehen
Public Value Bericht 2015/16: Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer – Österreichisches Rotes Kreuz
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