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Engagiertes Bekenntnis zum Public Service

Prof.in Dr.in Marlis Prinzing, Macromedia Hochschule Köln


Die Corona-Pandemie macht unübersehbar, wie wichtig ein informationsjournalistischer Public Service bei der Krisenbeobachtung ist. Er ist systemrelevant für die demokratische Gesellschaft und nicht beschränkt auf den klassischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auch weil die Pandemie keineswegs zu Ende ist, liegt nahe, daraus rasch konkrete Schlüsse zu ziehen.

Öffentlich-rechtliche Medienqualität äußert sich in zuverlässigem Informationsjournalismus. Die Pandemie-Krise hat den Bürger*innen seine Bedeutung und seinen Stellenwert in schwierigen Zeiten deutlich gemacht; sie stieß manche Weiterentwicklung im Journalismus an. Drei Beispiele, die auch zeigen, dass noch manches zu tun ist (Prinzing 2020b):

– Journalismus musste sich unausweichlich mit Wissenschaftslogik auseinandersetzen und den Umgang mit komplexen Themen lernen, bei denen es viele Unsicherheiten und Neubewertungen gibt. Daraus muss eine journalistische Arbeitsroutine erwachsen. Nicht nur bei Covid19 ist das, was man weiß, noch in der Entwicklung.
– Datenjournalismus profilierte sich mit anschaulichen Grafiken und Kurven, die diverse Zusammenhänge rund um Corona zeigten. Aber manche Visualisierung muss künfttig sensibler durchdacht und auf ihre Relevanz überprüft werden.
– Journalismus profilierte sich mit einer deutlicheren Hinwendung zum Publikum. Dazu zählen lösungs- und handlungsorientierte Krisenkonzepte, die den Menschen zu mehr Empowerment verhelfen können, aber auch die Transparenz, wie Journalismus funktioniert, welche Quellen er auswählt und nach welchen Kriterien er dies tut. Dieser Weg muss konsequent fortgeführt werden; nur er dämmt Wahrnehmung ein, traditionelle Medien schenkten den Menschen zu wenig Gehör (was indirekt den Zulauf zu sogenannten Alternativen Medien fördert).

Die Corona-Krise offenbart innerhalb der Medienbranche sowie im Public Service- Journalismus Defizite, aus denen sich vier Forderungen ableiten lassen.

1. Öffentlich-rechtliches Handeln muss umfassender gedacht (und reflektiert) werden.
Wir müssen den Begriff des Public Service erweitern auf systemrelevanten Informationsjournalismus. ALLE Medien, die sich kontinuierlich um den demokratischen Diskurs kümmern und einen relevanten Informationsjournalismus betreiben, nehmen für die demokratische Gesellschaft wichtige Aufgaben wahr und leisten einen „öffentlichen Dienst“, erfüllen also einen Public Service. Die österreichische Bevölkerung informierte sich generationenübergreifend primär via klassische Medien, also Fernsehen, Radio und Zeitungen, über Corona, das ORF Fernsehen lag mit 81 Prozent an der Spitze; insgesamt wurde journalistische Leistung als hochrelevant für die Gesellschaft verstanden (77 Prozent) (Gallup 2020a,b,c). Medien in privater Hand haben ebenfalls und nicht nur bei Corona einen demokratischen Auftrag erfüllt, ebenso nichtkommerzielle Community-Sender, die den Bedarf nach lokaler Information decken und damit Vielfalt sichern sowie Medienkompetenz vermitteln, soziales Miteinander und Demokratie trainieren (Seethaler/Peissl 2020). Die öffentlich-rechtlich strukturierten Medien wie der ORF sind zum öffentlichen Dienst verpflichtet, die anderen leisten ihn freiwillig.
Und wer prüft, wer wirklich einen Public Service leistet? Hier kommt die Medienforschung ins Spiel: journalistische Qualität lässt sich wissenschaftlich messen. Und sie lässt sich beobachten – durch Medienjournalismus sowie durch Selbstreflexion der Journalist*innen.

2. Eine am Public Service orientierte Medienqualität muss krisensicher finanziert sein.
Wir schicken das Parlament nicht in die Kurzarbeit oder sparen als Folgen der Corona-Krise ein paar Ministerien ein. Genauso sollte Journalismus krisensicher finanziert sein. Die Krise offenbarte, dass das bisherige Geschäftsmodell versagt: Journalistische Leistung wurde extrem stark nachgefragt, aber etliche privat finanzierte Medien mussten Redaktionen in die Kurzarbeit schicken, z.B. weil die Werbeerlöse sanken. Nötig ist eine krisenbeständige Mischfinanzierung. Eine Komponente kann eine auf eine Mediengebühr erweiterte Finanzierung sein. Sie ist im Kern eine Demokratieabgabe, die Bürger*innen leisten, und die den Betreibern von qualitativem Informationsjournalismus zugutekommt. Stiftungsfinanzierung und Communitybeiträge sind weitere Varianten. Auch die individuelle Zahlungsbereitschaft wächst generell etwas, aber langsam (Newman et al. 2020); in der Krise jedoch nahm sie immerhin deutlich zu (Gallup 2020 b,c). Fallweise kann hierzu eine Sondermedienförderung kommen; so hat die Politik in der Corona-Krise einige Abhilfe geleistet. Diese Förderung sollte sich aber prinzipiell an der Berichterstattungsqualität orientieren und alle Ausspielkanäle einbeziehen (TV, Radio, Online, Print), um Menschen über ihre üblichen Kanäle zu erreichen (Gallup 2020c).

3. Politiker, die sich demokratischen Werten verpflichten, müssen sich auch aktiv zum Public Service von Medien bekennen.
Aus der Vertrauensforschung wissen wir, dass Medienvertrauen und Politikvertrauen aneinandergekoppelt sind: Wer Politik misstraut, misstraut oft auch Medien (Jackob et al. 2019) Daraus folgt, adressiert an Parlamentarier*innen, dass sie die Wertigkeit ihrer eigenen Arbeit steigern, wenn sie sich zur Systemrelevanz von Informationsjournalismus bekennen. Das heißt nicht, nichts zu kritisieren: Es gibt viel berechtigte Kritik an Medien, auch an öffentlich-rechtlich strukturierten Medienunternehmen und ihren Programmen; aber man sollte künftig vermeiden, dies – wie in jüngerer Vergangenheit geschehen – in einen Topf zu werfen mit Überlegungen, die den Public Service als generelle Leistung in Zweifel ziehen.

4. Public Service verlangt, frühzeitig vor Gefahren zu warnen.
In einer Gesundheitskrise gefährden Fehlinformationen, wie sie teils vorsätzlich sowie oft über soziale Medien verbreitet werden, rasch und mit direkten Folgen das öffentliche Handeln, die öffentliche Gesundheit und damit jeden von uns. Das bleibt ein Problem, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und Österreich hinter den Corona-Maßnahmen ihrer Regierungen steht und Infos über Corona nicht vor allem aus sozialen Medien bezieht.
Der Desinformation wirken viele Medienhäuser entgegen, indem sie noch mehr in ihre Faktenchecks investiert haben, um falsche Behauptungen rund um die Corona zu entkräften. Sie müssen aber auch ausdrücklich die Unterschiede zwischen ihrer Arbeit und den sogenannten Alternativmedien klar machen, die getrieben sind von einem Misstrauen dem demokratischen System, den etablierten Institutionen und einem großen Teil der Gesellschaft gegenüber.
Professioneller Informationsjournalismus hingegen stützt die Demokratie in ihrem Bestand, er stützt sich auf Fakten und Faktenprüfung und empfiehlt sich so als eine zuverlässige Orientierungs- und Vertrauensinstanz. Wenn die Infektionszahlen weiter steigen, dann heißt das für einen sich dem „Public Service“ verpflichtenden Journalismus, zu erklären und zuzumuten, was ist. Das erfordert ein differenziertes Verhältnis zum Publikum. Aufzugreifen, was die Menschen betrifft und was sie wollen, darf nicht missverstanden werden als ein Auftrag, ihnen nach dem Mund zu reden oder sie in falschen Sicherheiten zu wiegen (z.B. die Krise sei überwunden, fast alles sei wie zuvor, Masken oder andere Vorsichtsmaßnahmen seien nicht mehr wichtig); auch Verharmlosung ist ein Qualitätsdefizit, auch Nicht-Berichten kann verantwortungslos sein (Prinzing 2020a, Gallup 2020d). Menschen mündig behandeln, bedeutet auch, sie möglichst früh zu warnen, wenn ihnen Gefahr droht. Solches Medienhandeln ist Teil einer aufgeklärten Gesellschaft.

Gallup (2020a): Gallup Stimmungsbarometer. Österreich reagiert. https://www.gallup.at/fileadmin/ documents/PDF/marktstudien/Coronavirus_Oesterreich_reagiert.pdf , 19.3.2020.

Gallup (2020b): Gallup Stimmungsbarometer. Wie gut fühlen sich die ÖsterreicherInnen von den Medien über Corona informiert? https://www.gallup.at/fileadmin/documents/PDF/ marktstudien/23250_Coronavirus_Medien_ FINAL.pdf , 25.3.2020.

Gallup (2020c): Gallup Stimmungsbarometer. Wie gut fühlen sich die ÖsterreicherInnen von den Medien über Corona informiert? https://www.gallup.at/fileadmin/documents/PDF/ marktstudien/23255_Coronavirus_und_ Medien_Welle_2_Kurzversion.pdf , 17.4. 2020.

Gallup (2020d): Gallup Stimmungsbarometer: „Sehnsucht nach Normalität bricht durch.“ https://www.gallup.at/fileadmin/documents/PDF/ marktstudien/PA-Sehnsucht_nach_ Normalitaet.pdf 30.4.2020

Jackob, J. Schultz, T., Jakobs, I., Ziegele, M., Quiring, O. & Schemer, C. (2019). Medienvertrauen im Zeitalter der Polarisierung. In: Media Perspektiven 5/2019, 210-220.

Prinzing, M. (2020a): Unwissenheit frisst Journalismus – Journalismus frisst Unwissenheit. Zur Einschätzung der aktuellen Entwicklung von Medien und ihrer Bedeutung für die Demokratie aus Sicht der journalistischen Ethik. In: P. Grimm & O. Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie – Ethische Perspektiven.
Schriftenreihe Medienethik, Band 18. Stuttgart: Steiner. (im Erscheinen).

Prinzing, M. (2020b): Die Krisenbeobachter. In: EJO, 14.4.2020 https://de.ejo-online. eu/qualitaet-ethik/die-krisenbeobachterjournalismus-waehrend-der-coronapandemie (eingesehen am 30.7.20)

Newman, N. mit R. Fletcher, A. Schulz, S. Andi & R. Kleis Nielsen (2020): Digital News Report 2020, hg. vom Reuters Institute for the Study of Journalism. Oxford. https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/ default/files/2020-06/DNR_2020_FINAL.pdf

Seethaler, J. / Peissl, H. (2020): Public Value des Nichtkommerziellen Rundfunks. https:// www.rtr.at/de/inf/StudiePublicValue-2020

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