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Fördert Digitalisierung kreatives Handeln im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Duchkowitsch, Universität Wien


Angesichts medialer Metamorphosen prägen unterschiedliche Perspektiven das Wechselverhältnis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Digitalisierung. Sie manifestieren sich in drei Typen. Die folgende Betrachtung begibt sich auf eine Rundreise, gegliedert in acht Abschnitte.

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Die Konrad-Adenauer-Stiftung fragte im September 2019, welchen Stellenwert der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die gesellschaftliche Kommunikation im Zeitalter der Digitalisierung besitzt. Ihre Expertin Daphne Wolter frohlockte angesichts inhärenten Potenzials: Mit den neuen technischen Möglichkeiten könnte dem Journalismus des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Recherche, Aufbereitung und Vermarktung ein goldenes Zeitalter bevorstehen.

Gar nicht so optimistisch gab sich der Kommunikationswissenschafter Paul Clemens Murschetz 2019 im Buch „Die digitale Metamorphose und der Wandel der traditionellen Massenmedien aus Sicht der Medienökonomie“ zu erkennen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, unbestritten öffentliches Gut, müsse seinen Weg in die digitale Zukunft erst finden.

Richard Meng, Sozialwissenschafter und Journalist, sparte nicht mit klaren Worten, als er sich zur Digitalisierung und medialen Metamorphose äußerte. Er fragte im Juli 2020, wie sich der Journalismus mit der Zeit verändert und ob seine Qualität darunter leiden kann („Frankfurter Rundschau“, 18. Juli 2020). Seine Koordinaten: Ganze mediale Geschäftsmodelle wanken, und das Ergebnis ist weniger Journalismus, erkennbar etwa im Stellenabbau bei der BBC. Der Umbruch beschleunigt sich, weil Werbung wegbricht. Der Kern des Umbruchs liege darin aber nicht. Er bestehe in der Digitalisierung, von der es überall so oberflächlich heißt, sie müsse (bloß) konsequent vorangetrieben werden. Für Meng steht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch die Digitalisierung also (noch) keine Goldgräberzeit bevor.

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Klassisches Medienverhalten verändert sich perpetuierlich und unaufhaltbar kraft stürmischer Entwicklungen der Digitalisierung. Schon seit geraumer Zeit offenbart sich der Bedeutungsverlust des linearen Fernsehens. Es nimmt das gemeinsame Sehverhalten durch Einschalten bestimmter Sendungen zu bestimmten Programmzeiten ab.

Heute könnte der Kommunikationswissenschafter Roland Burkart nicht mehr an eine Studie denken, wie er sie in den frühen 1980er Jahren durchgeführt hat.
Deren Ziel bestand darin, mit Hilfe der Methode teilnehmender Beobachtung herauszufinden, welche Bedeutung die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ für die zusehende Familie hat.

Undenkbar wäre nicht minder, dass eine Krimiserie wie „Das Halstuch“, ausgestrahlt vom ZDF und ORF, eine Familiensendung voller Spannung, noch einmal zum „Straßenfeger“ wird. Die entlastende Erklärung, klassisch-simpel: Tempora mutantur.

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Die Kommunikationswissenschafterin Irene Neverla hat 1992 in ihrer Studie „Fernseh-Zeit“ aufmerksam gemacht, dass Sendungen, die zu bestimmten Zeiten ausgestrahlt werden, für den Menschen einen sozialen Zeitgeber im Tagesablauf darstellen. Ihre weitere Aussage, dass Menschen das Fernsehen als Fluchtpunkt vor dem Organisationsdruck des Alltags gebrauchen, traf damals ebenso zu. Von einem „Lagerfeuer“ war die Rede, weil sich die gesamte Familie vor dem Bildschirm wiederfand, generationenübergreifend.

Inzwischen hat sich der Trend zur Nische verstärkt. Je mehr Ausgabegeräte in einem Haushalt zur Verfügung stehen, desto wahrscheinlicher wird es, dass einzelne Familienmitglieder auch am Samstagabend ihren jeweiligen Interessen nachgehen, statt gemeinsam etwas zu schauen.

Die Veränderungen sind unübersehbar. Für die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt TV als Zeitgeber angesichts der fortschreitenden Digitalisierung kaum mehr eine Rolle. Lineares Fernsehen wird vornehmlich nur mehr für die Generation 60+ weiterhin die Bedeutung eines sozialen Zeitgebers genießen.

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Der öffentlich-rechtliche Rundfunk besitzt laut Richard Meng noch ein einigermaßen krisensicheres Finanzierungsmodell: Aber auch er brauche kreative Herausforderung. Sonst werde er sich der platten Massenware der privaten Netzplattformen anpassen.

Meine Parole gegenüber dem Menetekel platter Massenware sei: Zukunft passiert nicht, sie wird gemacht. Meine Überlegungen dazu gründen auf Gesprächen mit Studierenden des Masterlehrgangs „Zeigeschichte und Medien“ der Universität Wien. Ausgangspunkt dieser Gespräche war die Frage: Wofür könnten die Mittel der Digitalisierung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dienen, wenn speziell an das Kreativitätspotenzial des ORF gedacht wird?

Die folgenden Überlegungen verstehen sich vor einem sachlich weit gespannten Horizont samt potenziell naher wie auch ferner liegender Begrenzungslinien:
Wäre es denkbar, die Nutzung einzelner Sendeangebote im ORF nicht bloß quantitativ zu erheben, um die Einschaltquoten vermarkten zu können? Wäre es nicht förderlich, um den Wert des ORF in der Seher*innengemeinschaft zu dokumentieren, ein neues Instrument zu entwickeln, das Möglichkeiten der Digitalisierung nützt, indem Zuseher*innen ermächtigt werden, Gründe für ihr Gefallen oder Missfallen von Sendeangeboten gemäß ausgeklügelter Vorgabe von qualitativen Merkmalen innerhalb jeweiliger Sparten anzugeben?

Wäre es denkbar, den Wert brisanter Nachrichten anzureichern, indem Links zu Hintergrundinformationen angeboten werden, ungeachtet der Bereitschaft und Mündigkeit von Bürger*innnen, Orientierungshilfen eigenständig im „Netz“ aufzusuchen?

Wäre es denkbar, Jugendliche und junge Erwachsene nicht nur punktuell einzuladen, um ihre Programmpräferenzen und -wünsche kennenzulernen, wie 2018 geschehen, sondern im Rahmen einer österreichweiten Panelstudie als Ausdruck offensiv öffentlich betriebener Wertschätzung? Vielleicht sogar mit der Option verbunden, an der Konzeption und Produktion einer eigenen Jugendsendung als Begleiter*innen von Spezialist*innen mitwirken zu können – inspiriert von FUNK? – oder bei der Entwicklung langfristiger Kooperationen mit Universitäten und Fachhochschulen, etwa mit dem Masterlehrgag „Digital Media Management“ an der FH St. Pölten?

Wäre es denkbar, dass der ORF eine spezielle Wächterfunktion wahrnimmt, die darin besteht, in einem eigenen Sendeformat gemeinsam mit Vertreter*innen der Kommunikationswissenschaft krude Ansichten und Verschwörungserzählungen im Netz zu kommentieren, beispielsweise um „Infodemien“ aufzuzeigen?

Wäre es denkbar, dass der ORF die Initiative ergreift, um Medienkooperationen landesweit zu installieren, sofern die Medien- und Wirtschaftspolitik zu einer diesbezüglichen Förderung bereit ist?

Wäre es denkbar, dass der ORF ein Rollenverständnis entwickelt und absichert, um den pluralistischen, individualistischen und fragmentierten Gesellschaften der Spätmoderne beizustehen, wenn es gilt, die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung für Krisenbewältigungsstrategien einzusetzen?

Wäre es denkbar, dass der ORF im Rahmen seines gesetzlich verankerten Bildungsauftrags die digitale Zeitkompetenz als Dimension der „Kulturtechnik des Digitalen“ thematisiert, um aufgeklärten und zeitsouveränen Umgang mit den digitalen Medien zu fördern?

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Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist Betroffener wie auch Beteiligter einer mediengeschichtlichen Zäsur, „die das Kommunikationsklima der Gesellschaft elementar verändert“, wie Edmund Pörksen im Buch „Die große Gereiztheit“ (2018) schreibt. Die Gereiztheit unseres digitalen Zeitalters verdichtet er in fünf Krisen-Szenarien, verstanden als „Aufruf zur Analyse und Aufklärung – auf dem Weg zu einer Medienmündigkeit und einer Autonomie des Denkens und Handelns“: Wahrheitskrise, Diskurskrise, Autoritätskrise, Behaglichkeitskrise und Reputationskrise.

Pörksen sieht eine Möglichkeit zur Bewältigung derartiger Krisen in der Utopie einer „redaktionellen Gesellschaft“, da ja jeder Mensch prinzipiell zum Sender werden kann. In einer solchen Gesellschaft ist guter Journalismus zwingend geboten. Er besteht in sieben Geboten: Wahrheitsorientierung, Skepsis, Verständigungs- und Diskursorientierung, Relevanz und Proportionalität, Kritik und Kontrolle, ethisch-moralische Abwägung, Transparenz.

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese Gebote inhärent vollzieht, kommt nicht von selbst. Sie sind seine singuläre Marke, ohne in Deutschland wie auch hierzulande über alle technische Mittel der Digitalisierung aufgrund gesetzlicher Vorgabe verfügen zu können. Sichtbar im „Verweildauerkonzept“, das zum Befremden vieler Rezipient*innen, insbesondere von jugendlichen, die zeitlich uneingeschränkte Konsumption regulär ausgespielter TV- und Radiosendungen verhindert. Sie müssen ja bereits sieben Tage nach ihrer Ausstrahlung offline gehen, also „depubliziert“ werden, wie dieser hässliche Terminus heißt. Ob sich das nach Überwindung der „Corona-Krise“ ändern wird, steht in den Sternen, auch wenn kluge Beobachter*innen des Zeitgeschehens bald gesellschaftlich wirksame Neubestimmungen erwarten.

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Die Grundidee einer „redaktionellen Gesellschaft, in der jeder Mensch aus technischen Gründen auch Sender sein kann, findet sich bereits bei Bertolt Brecht, aufgegriffen von Hans Magnus Enzensberger im „Baukasten zu einer Theorie der Medien“, 1970 und 2000 adaptiert: Das Netz hat den Unterschied zwischen Sender und Empfänger abgeschafft. Enzensberger prägte 1988 in seiner Fernsehkritik den Begriff „Nullmedium“. Laut ihm seien alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos geworden. Fernsehen sei nämlich selbst ein Medium der Gegenstandslosigkeit geworden. Es verkomme zu einem Medium der Belanglosigkeit und Beliebigkeit, zu einem „Trancemittel“.

2000 rückte er von dieser Auffassung indirekt ab. In seinem „Spiegel“-Aufsatz beteuerte er: „Medien spielen eine zentrale Rolle in der menschlichen Existenz, und ihre rasante Entwicklung führt zu Veränderungen, die niemand wirklich abschätzen kann.“

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Heute durchdringt Internet unsere Lebenswelt maßgebend. Web-TV oder Internetfernsehen sind inzwischen als gängige Begriffe weithin bekannt geworden. TV-Anbieter übertragen Streams via Internet, wozu etwa auch die ORF-TVthek gehört.

Starke Veränderungen zeigen sich laut dem Medienpsychologen Jo Groebel („Das neue Fernsehen“, 2014) im TV-Konsum. Er entdeckte den „Rocking Recipient“. Dieser fröne je nach Stimmung und Situation (Gemeinschafts- oder Einzelnutzung) dem aktiven oder passiven Konsum. TV erlebe in Form von Online-Teilgruppen eine Renaissance als Medium der Gemeinschaftsbildung. Online-Plattformen fungieren nicht als Konkurrenz zum Fernsehen. Beide ergänzen sich und gehen ineinander über. Seine Prognose lautet: Fernsehen bleibt, weil es „zu den grundlegenden Vorlieben der Menschen zählt“.

Doch worin bestehen die „grundlegenden Vorlieben der Menschen“? Die Antwort auf die Prognosebegründung von Groebel mag sich vielleicht für Menschen, denen Polemik nicht fremd ist, bei Enzensberger (2000) finden: „Medienpropheten, die sich und uns entweder die Apokalypse oder die Erlösung von allen Übeln weissagen, sollten wir der Lächerlichkeit preisgeben, die sie verdienen“.

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Am 30. September 2017 fand im Rahmen der Konferenz „Darwin’s Circle“ in Wien eine Paneldiskussion zum Thema Digitalisierung statt. Die Frage, ob Digitalisierung als Phänomen der Evolution oder Revolution zu begreifen ist, geriet kraft unterschiedlicher Auffassungen in der Kommunikationsgeschichte wohltuend zur Nebensache. Allgemeiner Tenor: Lösungsvorschläge im Umgang mit der Digitalisierung seien rar. Es gäbe nur Ausblicke für das weitere Leben im digitalen Zeitalter. Auf den Punkt brachte es der US-Journalist Jeff Jarvis. Er hatte schon tags zuvor beim ORF-DialogForum kristallklar zu bedenken gegeben: Wir befinden uns in dieser Erörterung erst am Anfang.

Vor diesem Hintergrund wäre es müßig darauf hinzuweisen, dass Medien in der pluralistischen, individualisierten, fragmentierten Gesellschaft nicht mehr wie früher während der Herrschaft faschistischer Strukturen die Kraft zugewiesen wird, Inhalte zu produzieren, damit die Bevölkerung sich darnach getreu richtet.
Ebenso müßig wäre darauf hinzuweisen, dass Medien alleine nicht die Kraft besitzen, gesellschaftliche Befindlichkeiten und Konstrukte zu beeinflussen.

Im geistigen Verbund mit Institutionen humanitären Denkens und Handelns, wie Glaubensgemeinschaften, Rotes Kreuz, UNESCO, Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen, Reporter ohne Grenzen und dergleichen mehr, könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk jedoch programmatisch die Zuversicht nähren, dass eine Idee, seit der Antike in der europäischen Gedankenwelt bewahrt, zeitlebens Sinn verspricht: ein glückliches Leben führen. Dazu gehört ganz oben das Recht auf eigene Zeit.